Hasan Salihamidzic - Erst Hansi Flick, jetzt Niklas Süle: Die Ego-Politik des Bayern-Sportdirektors

Niklas Süle verlässt den FC Bayern und wechselt ablösefrei zu Borussia Dortmund. Auch, weil ihm offenbar - wie schon Hansi Flick - die Unterstützung aus den eigenen Reihen fehlte. Insbesondere von Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Der Kerngedanke: Promotet Salihamidzic einseitig vor allem Spieler, die er verpflichtet hat, um sich letztlich selbst zu schützen? Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic

Fotocredit: Getty Images

Liebe FußballfreundInnen, es hat sich in der Bundesliga eine Art ungeschriebenes Gesetz eingebürgert, wonach ein mächtiger Fußballfunktionär die an ihn gerichtete, öffentlich formulierte Kritik stets beflissentlich überhört.
Es wird so getan, als gäbe es den Kritiker nicht und damit auch nicht seine Kritik. Insofern ist der am Wochenende öffentlich ausgetragene Disput zwischen Bayerns Sportvorstand Hasan "Brazzo" Salihamidzic und Ex-Bayern-Spieler und TV-Experte Lothar Matthäus durchaus ungewöhnlich.
Wenn also Brazzo sagt, dass ihm das "vollkommen wurscht" sei, was der Loddar da so den ganzen Spieltag über sagt, dann wird schon in der Tonalität deutlich, dass wohl eher das Gegenteil stimmen dürfte.
Der bärtige Bayern-Vorstand offenbart dabei fast dadaistische Qualitäten: Er ärgert sich über Kritik an seiner Person, die ihm gleichzeitig völlig egal ist. Das muss man erst mal so hinbekommen.

Macht Salihamidzic Politik gegen einzelne Spieler?

Tatsächlich öffnet dieser Wurschtigkeitsdisput die Chance, die Inhalte der Kritik auf Plausibilität abzuklopfen: Es geht um die Personalie Niklas Süle und die Frage, ob der Bayern-Vorstand ihn aus dem gelobten Bayernland vertrieben hat?
Promotet Salihamidzic einseitig vor allem Spieler, die er verpflichtet hat, um sich letztlich selbst zu schützen? Macht Salihamidzic Ego-Politik auf Kosten einzelner Bayernprofis? Warum schreitet niemand ein?
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Hasan Salihamidzic (l.) und Niklas Süle (r.)

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Wenn Loddar ledert…

Seit Wochen wurschteln sich die Bayern durch Liga und Champions League, so auch am Wochenende gegen Fürth, und noch unsouveräner als Salihamidzic ist nur noch die bayerische Innenverteidigung.
Kein Wunder also, dass sich Kritiker die Frage stellen, warum die Bayern hinten so anfällig sind, warum sie nicht mehr zu null spielen können. Am deutlichsten lederte Loddar gegen die beiden, die auch gegen Fürth wieder in der Startformation standen und die beide von Hasan Salihamidzic an die Isar geschifft wurden: Lucas Hernández und Dayot Upamecano.
Das seien keine Unterschiedsspieler, so der "Sky"-Experte Matthäus, zu langsam, zu fehlerhaft im Aufbau, angesichts ihrer horrenden Ablösen müsse man sich mehr von ihnen erwarten können.

120 Mio und 26 Gegentore. Reicht das?

Zur Erinnerung: Zusammen haben die beiden über 120 Mio. Euro gekostet, Hernández allein 80, was ihn zum teuersten Einkauf in der Geschichte der Bundesliga macht. 80 Millionen für einen Verteidiger, Respekt!
Aber 26 Gegentore nach 23 Spielen - für Bayern immens schlecht. Lustig auch der Aphorismus von Hernández bei seinem Jobantritt, so, als hätte ihm Salihamidzic diesen persönlich ins Handbuch geschrieben: Er wolle jeden einzelnen Cent wieder hereinspielen.
Matthäus' Kritik fußt also durchaus auf objektivierbaren Umständen, die sich der Sportvorstand so nicht gefallen lassen will.
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Dayot Upamecano (l.) und Lucas Hernández (r.) bei der Pokal-Schmach in Mönchengladbach

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Erst Flick, jetzt Süle: Brazzos Gegner müssen gehen

Salihamidzic, das fällt auf, kämpft für seine Transfers wie eine Löwenmutter für ihr neugeborenes Baby, dabei scheinen ihm die anderen Spieler eher zur Manövrier- und Austauschware zu geraten.
Als noch unter Hansi Flick Ersatztorwart Alexander Nübel, auch ein Salihamidzic-Transfer, keine Einsatzzeiten bekam, machte Brazzo Flick die Aufstellung schwer, es fiel ein "Halts Maul" des Trainers, der alsbald ganz weg war.
Brazzo ist derweil vom Sportdirektor in einen Vorstandsrang aufgestiegen.
Aber ist das denkbar? Ein Sportvorstand, der nur die Spieler unterstützt und öffentlich schützt, die er selbst geholt hat, nur um sich am Ende selbst ein gutes Zeugnis schreiben zu können?

Die Sache mit Niklas Süle

Und damit also zu Niklas Süle, der gerade im letzten Jahr wieder aufsteigende Form bewies und in der Nationalmannschaft regelmäßig zum Einsatz kam. Warum die Bayern ihn nach Dortmund haben ziehen lassen, damit sie jetzt in England nach einem teuren Süle-Ersatz suchen müssen, erscheint unklar.
Man muss sich die Matthäus-Erklärung, wonach "Sülinho" nur von den Fans, nicht aber von der Bayern-Führung geliebt werde, nicht zu Eigen machen. Auffallend aber ist schon, wie groß die öffentliche Kritik 2020 von Rummenigge & Co. an Süle war, als er mit Gewichts- und Formproblemen zu kämpfen hatte.
Als der 80-Millionen-Mann Hernández im letzten Jahr wegen wiederholter häuslicher Gewalt kurz vor einer Gefängnisstrafe stand, da war nicht von großer Unprofessionalität die Rede, sondern, dass man Lucas schützen müsse.
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Quelle: Perform

Stört Nagelsmann Brazzos Einflussnahme?

Bleibt also die Frage, warum Hasan Salihamidzic so offensiv Politik in eigener Sache betreiben darf, die ganz offensichtlich das mannschaftliche Betriebsklima stört und auch die Agenda des neuen Trainers Julian Nagelsmann beeinflussen dürfte.
Vorgänger Hansi Flick hatte irgendwann genug und schmiss hin.
Lässt sich Nagelsmann ebenso resolut jegliche Einmischung verbieten oder hat man ihn auch deshalb geholt, weil er noch jung genug ist, um sich von Brazzo formen und führen zu lassen? Auch Nagelsmann ist, so gesehen, ja ein Salihamidzic-Transfer.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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