Der LIGAstheniker: Thomas Tuchel contra Uli Hoeneß - Bayerisches Bullshit-Bingo in Reinform

Der FC Bayern hat die Pflichtaufgabe gegen Augsburg (3:1) bestanden. Wirklich überzeugen konnte der Meister jedoch nicht. Abseits des sportlichen Geschehens sorgte dagegen einmal mehr Uli Hoeneß für Aufsehen, der Thomas Tuchels Wunsch nach einem neuen Sechser nicht nachkommen will. Die Stimmung wirkt angespannt. Auf lange Sicht wird das so nicht gut gehen. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Tuchel reagiert gereizt: "Wurde 200 Mal gefragt"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
Ich weiß gar nicht, ob ich das als Fußball-Kolumnist so sagen darf, aber nach einer Woche faszinierender Leichtathletik-WM hier auf Eurosport bin ich gestern in der ersten Halbzeit bei Bayern gegen Augsburg (3:1) kurz eingenickt.
Was für ein uninspirierter Kick von einem Fußballverein, der mehr Geld zur Verfügung hat als die gesamte deutsche Leichtathletik.
"Träge und ideenlos", so der Live-Ticker des "Spiegel", "verkrampft", so Bayern-Trainer Thomas Tuchel hinterher.

Diesen Bayern fehlt die Magie

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn man weiß, wieviel Geld im Sport (Bayern-Kader oder deutsche Leichtathletik) steckt, dann hebt oder senkt das die Anspruchslatte, dann will man im Bayern-Fall nicht verkrampfte Ideenlosigkeit sehen, sondern man erwartet etwas. Entertainment, großes Kino, Inspiration, wenigstens einen magischen Moment. Irgendwas! Bei Bayern am Sonntag? Fehlanzeige!
Umso größer ist die Enttäuschung hinterher, dass all dieses Geld keine Magie zaubern kann. Ich sage das auch vor dem Hintergrund der deutschen LeichtathletInnen, die als Halbprofis Job und Leistungssport unter einen Hut bringen müssen und der Weltelite entsprechend hinterherlaufen. Ein Jammer!
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Leroy Sané - FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

Bayerisches Bullshit-Bingo

Anders als die Leichtathletik, bei der am Ende das Zahlenergebnis schwarz auf weiß belegt, was passiert ist, ist der Fußball ein beinahe schizophrenes Spiel geworden. Die Spieler spielen irgendwas auf dem Rasen, Funktionäre und Trainer spielen abseits davon, vor und nach dem eigentlichen Sport, das Spiel um die Deutungshoheit des Gezeigten.
Und je mehr Geld im Spiel ist, desto verformter werden die vermeintlichen Wahrheiten, die im Brustton christlicher Missionierungsarbeit geäußert werden. Mit Plausibilitäten und Wahrhaftigkeit hat das dann meistens nicht mehr viel zu tun.
Der Zeitgeist hat dafür eine wunderbare Begrifflichkeit ersonnen: Bullshit-Bingo - keiner beherrscht es so gut wie die Bayern.

Hoeneß gegen Tuchel - nicht mit ihm

Da gibt Mister Bayern himself, Uli Hoeneß, zum Augsburg-Spiel ein großes Interview ("Welt am Sonntag") und behauptet folgende zwei Sätze zu Trainer Tuchel: "Ich bin bereits jetzt sicher, dass er zum FC Bayern passt. Seine Qualitäten kann er aber erst jetzt zur vollen Entfaltung bringen, weil er die Saisonvorbereitung hatte und bei der Kaderplanung mitwirken kann."
Zwei Fragen vorher antwortet Hoeneß auf die Frage, ob man Tuchel seinem Transferwunsch nach einem weiteren defensiven Mittelfeldspieler nachgeben werde mit den Worten: "Wir sind der Meinung, dass der Kader erstklassig besetzt ist". Ergo: Der so gut passende Bayern-Trainer Tuchel hat schon mitwirken dürfen bei der Kaderplanung, aber eben nicht so wie der notorische Tuchel das für sich in Anspruch nimmt.
Wie angeschlagen die Stimmung zwischen Vereinsführung und Tuchel sein dürfte, zeigte sich auch nach dem Augsburg-Spiel, als Tuchel die Medien genau dafür verantwortlich machen wollte. Er selbst habe nie Forderungen aufgestellt nach einem weiteren Spieler, um im nächsten Satz die Rolle rückwärts zu versuchen, dass man auf der Position ja "numerisch nicht gerade üppig besetzt" sei.
Ja was denn nun? Bullshit-Bingo in Reinkultur!
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Tuchel zu Pavard: "Der FC Bayern geht vor"

Quelle: Perform

Bayern-Ära mit Tuchel? Unwahrscheinlich!

Man braucht das alles nicht zu glauben, was die Bayern gerade vielstimmig von sich geben.
Zu viel steht auf dem Spiel, zu viel Geld wurde investiert, zu eigen ist Tuchel als Mensch und Trainer, das man ernsthaft sagen könnte, das könne halten, er könne ausgerechnet bei den "Mia-San-Mia"-Bayern eine Ära prägen, was ihm bei all seinen letzten Klubs zuvor in Dortmund, Paris oder Chelsea nicht gelang.
Überall war Tuchel erfolgreich, holte Titel, überall war er quasi über Nacht wieder weg. Man wollte ihn nicht mehr - trotz seines Erfolgs. Und bei den Bayern hat er bis dato ja noch gar keinen Erfolg.

Tuchel wird am Dienstag 50

Liest man das Hoeneß-Interview ein zweites Mal zwischen den Zeilen, dann wird klar, dass einer wie Hoeneß mit einem wie Tuchel gar nicht können kann.
Der ewige Bayern-Zampano will Gefolgschaft um jeden Preis, die der notorische Besserwisser Tuchel gar nicht in seiner DNA hat. Und so bauen die Bayern 2023 mit dem teuersten Kader Ihrer Geschichte ihre mittelfristige Zukunftsfähigkeit auf ein 71-jähriges (vorbestraftes) Alphatier, das nicht loslassen kann. Und einen Fußballlehrer, der nicht nachgeben kann.
Tuchel feiert morgen Geburtstag, er wird 50 Jahre alt. Man muss ihm zutrauen, dass er eine "Holding Six" auf seinen persönlichen Wunschzettel geschrieben hat. Von Hoeneß wird er sie nicht bekommen.

Zur Person: Thilo Komma-Pöllath

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als LIGAstheniker das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Neue Stadt, neuer Klub, neues Kind - Kane: "Unglaubliche Woche"

Quelle: Perform

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