FC Bayern München: Jonathan Tah statt Matthijs de Ligt? Das riskante Puzzlespiel in der Abwehr des Rekordmeisters

Der FC Bayern hat sich offenbar mit Jonathan Tah vom neuen Deutschen Meister Bayer Leverkusen auf einen Wechsel verständigt. Der Nationalspieler soll in der bayrischen Landeshauptstadt einen Vertrag bis 2029 unterzeichnen. Die Krux: Derzeit herrscht in der FCB-Innenverteidigung ein Überangebot. Was planen die Münchner mit Neu-Trainer Vincent Kompany also mit Tah - und wer muss womöglich weichen?

Jonathan Tah von Bayer Leverkusen

Fotocredit: Getty Images

Jonathan Tah erweckte zuletzt den Eindruck, als sei seine Mission bei Bayer Leverkusen beendet.
Was soll auch noch groß kommen? Tah zeichnete mitverantwortlich für eine rauschhafte Saison, an deren Ende die erste Ungeschlagen-Meisterschaft der Bundesliga-Historie sowie der Triumph im DFB-Pokal zu Buche standen. Vizekusen, dieser leidige Begriff, den Bayer 04 einst selbstironisch patentieren ließ, ist endlich aus den Geschichtsbüchern gestrichen. Mehr geht nicht.
"Ich hatte immer das Ziel, mit Leverkusen einen Titel zu holen, etwas zu gewinnen. Das habe ich jetzt erstmal geschafft und meinen Teil dazu beigetragen", sagte Tah vor wenigen Tagen in einem Interview mit "Sky". Er schob vielsagend nach: "Wir werden sehen, was die Zukunft bringt."
Grundsätzlich mache er sich "Gedanken, was der nächste Schritt" ist, besagter Schritt solle sich laut Tah "gut anfühlen". Aussagen, die nicht sonderlich viel Interpretationsspielraum bieten. Tah, immerhin seit 2015 in Diensten der Werkself, kann sich einen Abschied aus dem Rheinland vorstellen.

Tah erzielt Einigung mit dem FC Bayern

In der Vergangenheit hat Tah regelmäßig mit einem Wechsel in die englische Premier League geliebäugelt, doch mittlerweile kristallisiert sich immer mehr heraus, dass er seine Zukunft offenbar in Deutschland sieht. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge habe sich der 28-Jährige mit dem FC Bayern mündlich auf einen Transfer verständigt, sogar die Vertragsmodulitäten (Arbeitspapier bis 2029) sollen bereits ausgehandelt sein.
Laut "Sky" sollen zeitnah Verhandlungen zwischen Leverkusen und Bayern starten. Fakt ist: In Tahs aktuellem Vertrag (bis 2025 gültig) ist keine Ausstiegsklausel verankert. Angeblich liegen die Klubs derzeit mit ihren Ablöse-Vorstellungen noch weit auseinander - Bayer 04 fordert nach "Bild"-Informationen rund 40 Millionen Euro, der deutsche Rekordmeister soll bis dato lediglich die Hälfte bieten.
Mal davon abgesehen, dass Leverkusen kein allzu großes Interesse daran hat, seinen Abwehrchef und Vizekapitän an einen direkten Konkurrenten abzugeben, stellt sich aus Sicht der Bayern die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Momentan verfügen die Münchner mit Dayot Upamecano, Matthijs de Ligt, Eric Dier und Min-Jae Kim über vier gestandene Innenverteidiger, für Tah müsste also zwangsläufig einer der Genannten weichen.

Muss de Ligt weichen?

Der "aussichtsreichste" Kandidat auf einen Weggang soll - Stand jetzt - kurioserweise nicht etwa der bisweilen als Unsicherheitsfaktor geltende Upamecano, sondern mit de Ligt der Konstanteste des Quartetts sein. Das berichteten zumindest sowohl die "Bild" als auch "Sky". Demnach sei das hohe Gehalt von kolportierten 15 Millionen Euro jährlich und de Ligts Verletzungsanfälligkeit (der Elftal-Star fehlte wettbewerbsübergreifend 18 Spiele) der Grund für die Bayern-Bereitschaft, den 24-Jährigen bei einem passenden Angebot ziehen zu lassen.
De Ligt, dessen Vertrag noch bis 2027 läuft, selbst hatte noch im März klargestellt, keinerlei Wechselgedanken zu hegen - das könnte sich freilich ändern, sollte ein absoluter Top-Klub anklopfen. De Ligt raus, Tah rein? Ein Szenario, das durchaus kurios anmutet.
Tah hat - wie bereits skizziert - mit Leverkusen eine beispiellose Saison hingelegt, der gebürtige Hamburger war unter Trainer Xabi Alonso Leistungsträger und Leader. Der Defensivspezialist verteidigte in herausragender Manier, leistete sich kaum nennenswerte Patzer und sorgte darüber hinaus immer wieder im Strafraum des Gegners für Angst und Schrecken. Tah steuerte sechs Pflichtspieltreffer bei, dass Bayer 04 mit lediglich 24 Gegentoren die mit Abstand beste Hintermannschaft der Liga stellte, war auch sein Verdienst.

Tah im DFB-Team gesetzt

Das Resultat: Tah spielte sich mit seinen teils überragenden Darbietungen in die Startelf der deutschen Nationalmannschaft, für die EM im eigenen Land (ab 14. Juni) gilt er neben Antonio Rüdiger als gesetzt.
"Ich war enttäuscht, dass ich für die vergangenen Turniere nicht berücksichtigt wurde", gestand Tah kürzlich. Er ergänzte gleichermaßen zuversichtlich wie selbstkritisch: "Ich fühle mich bereit für die Euro. Vielleicht war ich die Jahre davor noch nicht auf diesem Level, das es braucht."
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Jonathan Tah (l.) mit Erfolgstrainer Xabi Alonso

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Eine gesunde Selbsteinschätzung. Zur Wahrheit gehört nämlich auch: Es gab tatsächlich Gründe dafür, dass Tah bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sowie bei der EM 2021 außen vor war. Trotz ansprechender Physis und technischer Qualität öffnete Tah bis zu dieser Spielzeit immer wieder dem Schlendrian bereitwillig die Türe. Im vergangenen Jahr profitierte der 25-malige Nationalspieler von einem in sich geschlossenen, ausgereiften Alonso-System, in dem jeder einzelne Akteur über sich hinauswuchs.
Die zentrale Position in einer Dreierkette war Tah auf den Leib geschneidert, die Abläufe mit seinen Nebenmännern, die wahlweise Odilon Kossounou, Edmond Tapsoba, Josip Stanisic oder Piero Hincapié hießen, waren bestens abgestimmt, Pässe auf die Ballverteiler Granit Xhaka und Robert Andrich penibel einstudiert.

Matthäus sieht Tah-Wechsel kritisch

Im Gegensatz zur perfekt geölten Maschine namens Bayer 04 wirkte das Ganze im Kreise der DFB-Elf an der Seite von Antonio Rüdiger in einer Viererkette zuletzt deutlich weniger sattelfest. Sollte sein Weg tatsächlich nach München führen, wird er sich voraussichtlich ebenfalls in eine Viererkette eingliedern müssen. Zumindest setzte Neu-Trainer Vincent Kompany bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Burnley auf ebenjenes Abwehr-Konstrukt.
Dass Tah den Bayern weiterhilft, womöglich gar als de-Ligt-Upgrade fungieren kann, ist zunächst fraglich. Auch Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus bewertet einen möglichen Transfer kritisch: "Jonathan Tah hat in Leverkusen eine tolle Saison gespielt. Tah war neben Wirtz und Xhaka einer der Unterschiedsspieler und hat die Defensive organisiert", erklärte Matthäus in seiner "Sky"-Kolumne.
Er führte aus: "Er hat sich nicht nur sportlich, sondern auch von seiner Persönlichkeit her enorm entwickelt. Ob er diese Rolle bei Bayern München genauso spielen könnte, ist die Frage - zumal Bayern im Gegensatz zu Leverkusen mit Viererkette spielt."
Grundsätzlich könne Matthäus verstehen, dass Tah sich "gedanklich mit dem FC Bayern beschäftigt", allerdings müsse der langjährige Leverkusener eben auch wissen, "was er an Bayer 04 hat und welche Position er da einnimmt". Sprich: Der 63-Jährige würde Tah eher zu einem Verbleib in der Farbenstadt raten.

Erinnerungen werden wach

Darauf deutet dieser Tage jedoch wenig hin. Vielmehr erinnert die aktuelle Situation an alte Zeiten. Zeiten, in denen die zwischenzeitlich entthronten Münchner sich liebend gerne beim ernstzunehmendesten Konkurrenten bedienten. Borussia Dortmund kann davon ein Lied singen, auch Werder Bremen machte bereits die leidige Erfahrung.
Ganz besonders betroffen war zu Beginn der 2000er aber eben auch Bayer Leverkusen, das 2002 die beiden Eckpfeiler Michael Ballack und Zé Roberto und ein Jahr später auch noch Lúcio zähneknirschend gen Isar abgeben musste.
Mit Tah könnte nun der Nächste dem Lockruf aus dem Süden folgen, Bayerns immenser Strahlkraft verfallen. Obwohl die Sinnhaftigkeit in Anbetracht der Gemengelage um de Ligt durchaus hinterfragt werden darf, kann man ihm das nach neun Jahren und erfolgreich abgeschlossener Mission unterm Bayer-Kreuz nicht verdenken.
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Quelle: Perform


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