Der LIGAstheniker: Serhou Guirassy ist kein Erling Haaland - und sollte beim VfB Stuttgart bleiben dürfen

Der VfB Stuttgart stellt mit Trainer Sebastian Hoeneß die Bundesliga mit frischem Offensiv-Fußball auf den Kopf - vor allem dank des Top-Torjägers Serhou Guirassy. Dessen 13 Tore in sieben Bundesliga-Spielen wecken bereits bei Premier-League-Klubs Begehrlichkeiten. Einen Abgang des Guineers zur Winterpause fände der LIGAstheniker jedoch nicht nur langweilig, sondern sogar ziemlich erbärmlich.

Hoeneß mit VfB im Glück: "Was geht hier eigentlich ab?"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen, die Bundesliga - da will ich ganz ehrlich sein - hat für mich stark an Relevanz verloren, weil ich zuweilen das Gefühl bekomme, es handele sich um ein nicht enden wollendes Déjà-vu. Das immer gleiche in Endlosschleife: Meister - die Bayern; der ewige Zweite - stets der BVB; Schalke steigt ab und Freiburg immer irgendwie gut dabei. Mein Gott, wie vorhersehbar, wie langweilig.
Das soll ein teuer finanzierter Wettbewerb sein? Und jetzt also diese Tabelle nach dem siebten Spieltag: Leverkusen vor Stuttgart. Wann gab es das zuletzt? Da stehen also zwei Mannschaften oben, die dort erstens keiner erwartet hat und zweitens aufgrund ihrer Spielweise völlig zu Recht.
Zwei offensiv Fußball denkende Teams, die mit ihrer Idee vom Spiel begeistern. Und würde der "Kicker" jetzt seine Jahrestrophäen verteilen, dann wäre nicht Thomas Tuchel der Trainer des Jahres, sondern Bayer-Coach Xabi Alonso und die Torjägerkanone bekäme nicht der vermeintliche Wundermann Harry Kane, sondern der tatsächliche, Serhou Guirassy vom VfB Stuttgart, ein Guineer.
Mensch, Bundesliga! Es gibt Momente, da könnte man dich fast wieder lieb haben.

VfB: Guirassy und Hoeneß sofort begehrt

Die Überraschung des ersten Fünftels der Saison ist dabei zweifelsohne der VfB Stuttgart. Aber schon in der öffentlichen Wahrnehmung und Besprechung dieses schwäbischen Ausnahmezustands wird es wieder langweilig, ja richtig ärgerlich - weil businesslike.
Dann wird VfB-Trainer Sebastian Hoeneß ohne Not und Realismus mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht, der ihn intensiv beobachten würde und der in Zukunft womöglich einer für ihn sei, so heißt es dann. Klar, darauf wäre ich von allein nie gekommen - bei dem Nachnamen.
Und über Rekordtorjäger Guirassy (13 Tore nach sieben Spielen) schreibt die "Sport-Bild": "Stuttgart muss Guirassy verkaufen", so als wären die Schwaben pleite, als gäbe es ein Gesetz oder eine Art Schutzgelderpressung für besonders talentierte Spieler.
In einer Liga, in der alles über Geld geregelt und weit weniger über den Verstand geplant wird, kann man sich gar nicht vorstellen, dass beide - Hoeneß wie Guirassy - womöglich genau dahin gehören, wo sie zurzeit sind und vielleicht auch nie wieder so gut werden wie jetzt beim VfB.
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Serhou Guirassy trifft für den VfB Stuttgart wie am Fließband

Fotocredit: Getty Images

Guirassy ist kein Haaland

Nicht jeder ist ein Erling Haaland, der bei allen seinen Klubs Rekordmarken trifft, auch wenn Guirassy im Netz von VfB-Fans schon als "deutscher Haaland" gefeiert wird. Was ganz nebenbei ziemlich dämlich ist. Zum einen, weil Vergleiche immer dämlich sind und zum anderen, weil Guirassy weder deutsch noch Haaland ist.
Und wenn man Guirassy so reden und sich benehmen sieht, dann beschleicht einen die absolut naive Hoffnung, dass da einer vielleicht kapiert haben könnte, wie lange er auf das, was er jetzt erleben darf, hingearbeitet hat.
Guirassy ist schon 27, seine bisherige Karriere war von Leihen geprägt, was nun wirklich kein Exzellenzmerkmal ist. Lille lieh ihn an Auxerre aus, Köln parkte ihn in Amiens, Rennes verlieh ihn an Stuttgart, das dann die Kaufoption zog - und erst jetzt ist Guirassy der, der er wohl immer sein wollte. Der er sein kann!
Kann man sich in der Bundesliga gar nicht vorstellen, dass da einer vielleicht gar nicht mehr weg will, jetzt wo er seinen Traum leben darf? Und ganz unabhängig davon, wie Guirassy sich dann wirklich entscheidet - wie erbärmlich wäre das!?

Premier League lockt Guirassy

Schaut man sich bei den Kollegen von "Transfermarkt.de" an, welche Vereine genau mit ihm in Verbindung gebracht werden und wie hoch die Chancen stehen, dass er aufgrund einer bestehenden Ausstiegsklausel für den nächsten Sommer (angeblich "nur" 20 Millionen Euro) schon im Winter-Transferfenster noch teurer verkauft werden kann - Interessenten sind Ajax Amsterdam, Newcastle, West Ham und Nottingham - dann gehe ich bereits jetzt jede Wette ein: Einen solchen Moment in seiner Karriere wird Guirassy nicht noch einmal erleben.
Aber vielleicht können die Schwaben Guirassy dann wieder günstig zurückleihen, wenn er in der Premier League nicht funktioniert hat.
Der VfB würde das dann sicher wieder als ganz großen Deal verbuchen.

Zur Person: Thilo Komma-Pöllath

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als LIGAstheniker das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Tuchel schwärmt nach Sieg: "Haben uns das Ergebnis verdient"

Quelle: Perform

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