Der LIGAstheniker: Wie Vincent Kompany und Joshua Kimmich den FC Bayern führen - Good Cop und Bad Cop in München
Update 16/12/2024 um 13:20 GMT+1 Uhr
Der FC Bayern München verlor am Wochenende erstmals in der Bundesliga - gegen den 1. FSV Mainz 05 (1:2). Der LIGAstheniker stellt sich angesichts der überraschenden Pleite die Frage: Wie gut ist der Rekordmeister unter Vincent Kompany wirklich? Und was erlaubt sich eigentlich Joshua Kimmich, der die Situation bei den Münchnern gar als "gefährlich" einstufte? Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.
Kompany spielt Niederlage herunter: Können nicht mehr gewinnen
Quelle: Perform
Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
weil die Aufregung und das Unverständnis jetzt gar wieder so ins Kraut schießen, will ich heute mal mit einer absoluten Binsenweisheit beginnen: Im heutigen wettbewerbsintensiven Profifußball kann man nicht mehr jedes Spiel gewinnen.
Will sagen: Auch Spitzenklubs verlieren. Barcelona gestern Abend gegen (Who the fuck is) Leganés; ManCity verliert derzeit die ganze Zeit und eben auch die Bayern hat es am Samstag in der Liga erwischt, in Mainz.
Die mediale Verwunderung darüber ist so staunend groß wie die rot gefärbte Lobhudelei davor. Die Bayern sind gut, aber sie sind nicht so gut, wie sie manche Bayern-Fans in Redaktionen, TV-Studios und Social-Media-Blasen gerne sehen wollen.
Dass nach Mainz aber sofort die Schubumkehr der populistischen Meinungsmache gezündet und darüber diskutiert wird, ob der Bayern-Kader auch genügt, ist - mit Verlaub - lachhaft.
Jeder verliert heute mal, auch die Bayern!
Eine derart hypertrophierte Diskurskultur, die man etwa auch in der Politik feststellen kann, hat im Fußball eine neue, bedenkliche Dimension erreicht: Gestern noch alles richtig gemacht, einen Spieltag weiter Transferdiskussionen.
Das verdeckt oft genug den genauen Blick auf die internen Fliehkräfte eines Klubs wie Bayern München.
Es geht nicht darum, die Bayern nach dem Mainz-Spiel in Schutz zu nehmen, im Gegenteil, aber wenn in den Medien gemutmaßt wird, die Bayern hätten drei Punkte verloren, weil ihnen neun Spieler verletzt gefehlt hätten, dann ist das nicht Kritikerexpertise, sondern Anbiederei.
Wer trotz langer Verletztenliste immer noch einen Leon Goretzka oder Mathys Tel einwechseln kann, belegt einen Kader (zehnmal so viel wert wie der des FSV), von dem die Mainzer nur träumen können.
Dynamik zwischen Kompany & Kimmich
Und doch hat das Nachspiel der Bayern-Verantwortlichen nach dem 1:2 spannende Einblicke geliefert über die innere Verfasstheit der Bayern, über die kaum gesprochen wurde.
Interessant ist dabei die Rollenverteilung zwischen Trainer Vincent Kompany und seinem Kapitän und Leader auf dem Feld, Joshua Kimmich.
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Jamal Musiala und Joshua Kimmich im Trikot des FC Bayern
Fotocredit: Getty Images
Während Kompany auch die erste Liganiederlage gewohnt souverän und unaufgeregt wegmoderierte ("Wir haben verloren") und so gut wie keine Kritik an seine Mannschaft adressierte, verfuhr Kimmich gänzlich anders.
Er sprach, noch dazu öffentlich, von einer "entscheidenden", gar "gefährlichen Situation" und stilisierte das letzte Ligaspiel des Jahres am kommenden Freitag gegen Leipzig (20:30 Uhr im Liveticker) zu einer Art Jahresendspiel. Aber: Ein Endspiel um was?
Wie gut sind die Kompany-Bayern wirklich?
Tatsächlich taugt die rosarote Brille, mit der die Kompany-Bayern weite Teile der ersten Saisonhälfte begutachtet wurden, nicht länger, um dem Ist-Zustand des Klubs gerecht zu werden.
Bayern ist ein Titelklub, keiner der irgendwie nur vorne mitspielen will. Das unterscheidet ihn von jedem anderen Bundesligaverein.
Und diese Titelfixierung schafft Schnappatmung und Hybris in gleichem Maße, zur selben Zeit. Vereinsgott Uli Hoeneß ließ vor zwei Wochen kundtun, dass man sich zurücklehnen könne, die Meisterschaft sei gelaufen.
Und jetzt kommt der ungewaschene "Josh" daher und malt den Teufel an die Wand: Was erlauben Kimmich!?
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Vincent Kompany bei der Niederlage des FC Bayern gegen Mainz 05
Fotocredit: Getty Images
Als Orakel ist Hoeneß offensichtlich eine Fehlbesetzung: der DFB-Pokal ist bereits futsch, die Auftritte in der Champions League (aktuell Platz 10 in der Tabelle) haben mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben (Können die Kompany-Bayern auch gegen die großen Teams gewinnen?) und der Vorsprung auf Meister Leverkusen ist - nach zwischenzeitlich neun - bis auf vier Punkte zusammengeschmolzen.
Eine Vorentscheidung in der Meisterschaft gibt es nicht, sie hat es nie gegeben!
Kimmich verlängert nur bei Titel-Bayern!
Interessant dabei das symbiotische Zusammenspiel zwischen Kompany und Kimmich in der "Krisenkommunikation" nach außen. "Good Cop" Kompany bleibt cool und freundlich, nimmt sein Mannen in Schutz und jeden Druck von ihnen, der immer viel zu sehr auf ihnen lastet.
"Bad Cop" Kimmich schlägt öffentlich Alarm und will die Reihen schließen. Kimmich will Titel gewinnen, kaum einer verkörpert die Bayern-DNA so sehr wie er, das wird in diesen Tagen einmal mehr deutlich.
Die Aufgabenteilung hat für den Trainer einen entscheidenden strategischen Vorteil: Die Spieler mögen und folgen ihm und die Gefahr, dass er "die Kabine verlieren" könnte, ist deutlich geringer als etwa bei einem Nörgler wie Thomas Tuchel.
Und Kimmich? - ist offenbar bereit den Unmut derer im eigenen Kader zu absorbieren, die nicht sein Format haben. Womöglich, so könnte man vermuten, hackt die Vertragsverlängerung der Bayern mit ihm genau an diesem Punkt.
Nur wenn Kimmich wirklich spürt, dass er mit diesen Bayern die großen Titel gewinnen kann, wird er noch einmal unterschreiben.
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Kompany scherzt mit Bayern-Fans: "Weiß, was Sie hören wollen"
Quelle: Eurosport
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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