Ausverkauf in der Bundesliga: Neue Helden braucht das Land - was kommt nach Wirtz, Woltemade, Ekitiké und Co.?
Die Bundesliga hat einen turbulenten Transfer-Sommer hinter sich - und musste dabei bluten wie vielleicht noch nie zuvor: Mit Topspielern wie Florian Wirtz, Nick Woltemade, Hugo Ekitiké, Xavi Simons, Jamie Gittens oder Jeremie Frimpong verließ viel Talent Land und Liga. Auf der Gegenseite hielten sich die Vereine bei namhaften Verpflichtungen enorm zurück. Das kann nun auch eine Chance sein.
Johan Bakayoko (l., RB Leipzig), Luis Díaz (M., FC Bayern) und Jobe Bellingham (r., Borussia Dortmund) sind 2025/26 neu in der Bundesliga
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Uli Hoeneß nahm am Dienstag kein Blatt vor den Mund.
"Ich bin fassungslos, was in den vergangenen sechs bis acht Wochen im internationalen Fußball passiert ist", sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern München auf der DFL-Gala in Berlin, bei der er mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.
Was der 73-Jährige meinte: den Trend zur astronomischen Ablöse, ausgelöst vor allem durch die finanzkräftigen Klubs aus der Premier League. "Völlig gaga" sei das, schimpfte Hoeneß und zog die Gemeinschaftskarte: "Irgendwann sagt der Bürger: Sind die völlig bekloppt? Ich arbeite für 2000 Euro netto im Monat, und gleichzeitig werden für mittelklassige Spieler 30, 40, 50 Millionen ausgegeben."
Wobei die Bundesliga bei den hohen Summen durchaus mitmischte - wenn auch oft nur auf der abgebenden Seite. De facto waren nämlich vier der fünf teuersten Sommertransfers made in Germany:
- 1. Alexander Isak | 145 Mio. von Newcastle zu Liverpool
- 2. Florian Wirtz | 125 Mio. von Leverkusen zu Liverpool
- 3. Hugo Ekitiké | 95 Mio. von Frankfurt zu Liverpool
- 4. Nick Woltemade | 85 Mio. von Stuttgart zu Newcastle
- 5. Benjamin Sesko | 76,50 Mio. von Leipzig zu ManUnited
Hätte Liverpool nicht noch am letzten Transfertag den Deal mit dem Ex-Dortmunder Isak perfekt gemacht, die Liste wäre einzig von Bundesliga-Verkäufen angeführt worden. Neben den vier genannten verließen aber weitere talentierte Spieler das Land.
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Hugo Ekitiké (l.) und Florian Wirtz (r.) spielen jetzt mit Mohamed Salah beim FC Liverpool in England
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Aderlass an Stars in der Bundesliga
Xavi Simons (jetzt Tottenham), Jamie Gittens (Chelsea), Jeremie Frimpong (Liverpool), Loïs Openda (Juventus), Leroy Sané (Galatasaray), Kingsley Coman (Al-Nassr), Granit Xhaka (Sunderland), Tuta (Al-Duhail) wird der ein oder andere Fan künftig vermissen, wenn er sich am Wochenende im Stadion einfindet.
Auch U23-Talente wie Piero Hincapié (jetzt Arsenal), Mathys Tel (Tottenham), Enzo Millot (Al-Ahli), Arthur Vermeeren (Marseille), Paul Wanner (Eindhoven), Merlin Röhl (Everton), Youssoufa Moukoko (Kopenhagen), Kiliann Sildillia (Eindhoven), Adam Aznou (Everton), Damion Downs (Southampton) sucht man in den kommenden Wochen und Monaten vergebens auf deutschen Spielberichtsbögen.
Dass sich Trainer wie Vincent Kompany (FC Bayern), Sebastian Hoeneß (Stuttgart) sowie der bereits geschasste Erik ten Hag (Leverkusen) mehr oder weniger lautstark über den Aderlass in ihren Kadern beschwerten, erscheint angesichts der Starpower, die nun woanders kickt, nachvollziehbar.
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Jackson-Deal? Kompany: "Vertraue dem Klub"
Quelle: Perform
Bundesliga-Klubs müssen kreativer sein
In dem Ausverkauf liegt für die Bundesliga-Klubs aber auch eine Chance. Zum einen standen bei den 18 Bundesligisten 290 Spielerverkäufen insgesamt 318 Zugänge gegenüber - man stockte die Kader also eher auf. Trotzdem erwirtschaften sich die Vereine damit ein Plus von knapp 180 Millionen Euro, der zweitbeste Wert nach 2023/24 (ca. 230 Mio.), als vor allem Dortmund (durch Bellingham), Leipzig (Gvardiol, Szoboszlai) und Frankfurt (Kolo Muani) einen Reibach machten.
Diese Saison weisen immerhin zehn Klubs (2023/24: 9) nach dem Sommer eine positive Transferbilanz auf, auch wenn sich die Liste der aus dem Ausland erworbenen Spieler deutlich unspektakulärer liest als die der Abgänge.
Doch ist das nicht auch eine Stärke der Bundesliga, das Scouting? Stars machen, statt sie zu kaufen? Insofern ist das deutsche Oberhaus schon seit gut einem Jahrzehnt eine "selling league", eine Verkäuferliga. Nur waren die Auswirkungen selten so krass geballt wie 2025.
Leverkusen und Leipzig setzen auf die Jugend
Einzig der FC Bayern schlug mit Luis Díaz (kam für rund 70 Mio. aus Liverpool) etwas über die Stränge, investierte Eingenommenes gleich wieder kräftig. Andere Vereine hielten sich dafür sachlich zurück, machten gerade in den letzten Transfertagen keine unvernünftigen Dinge.
Und auch wenn der Kader von Bayer Leverkusen laut "Transfermarkt.de" satte 39,5 Prozent Marktwert im Vergleich zum Mai einbüßte, nutzte Bayer die Wirtz-Frimpong-Adli-Kossounou-Xhaka-Millionen, um davon gleich 13 neue Spieler zu verpflichten - nur drei davon im Alter von über 23 Jahren. Ähnlich talentorientiert agierte auch RB Leipzig (trotz 33,3 Prozent Marktwertminus), das sich bei Spielern, die Ablöse kosteten, sogar ausschließlich in der Kategorie U23 bediente.
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Jarell Quansah im Trikot von Bayer 04 Leverkusen
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Eintracht Frankfurt verstärkte sich derweil mit Ritsu Doan, Jonathan Burkart und Michael Zetterer sinnvoll aus der Bundesliga. Und Borussia Dortmund sorgte mit den Transfers von Jobe Bellingham, Fábio Silva, Carney Chukwuemeka, Yan Couto und Aarón Anselmino (Leihe) zumindest im Ansatz dafür, dass der Transferfluss nicht nur von Deutschland nach England schwappte, sondern auch in die andere Richtung. Der VfB Stuttgart hat dagegen die Woltemade-Millionen noch auf der hohen Kante.
"50+1" muss bleiben - zum Wohle der Liga
Nichtsdestotrotz dürfen sich die Fans auf potenzielle neue Helden wie Bellingham (BVB), Johan Bakayoko (Leipzig), Jarell Quansah (Leverkusen), Bilal El Khannouss (Stuttgart), Samuel Mbangula (Bremen) oder Leon Avdullahu (Hoffenheim) freuen.
Im Übrigen ist auch gar nicht gesagt, dass man mit den durch Transfers eingenommenen Millionen im Wirtschaftskosmos Bundesliga nur neue Beine bezahlen muss - oder Stadionküchen (wie in Dortmund). Zur Steigerung der Prosperität sind kostspielige Investitionen in die Infrastruktur, die Nachwuchsabteilungen und verbesserte Trainingsbedingungen in der Bundesliga längst kein Tabu mehr.
Ein Tabu sollte dafür die berühmte "50+1"-Regel bleiben, die, vereinfacht ausgedrückt, vereinsfremden Kräften die Übernahme der Klubgeschäfte untersagt, aber eben auch Investoren abschreckt. Dazu äußerte sich nun sogar Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). "Ich bin ein Befürworter dieser Regel", sagte der 69-Jährige: "Die Verankerung der Vereine ist wichtig. Auch wenn ich weiß, dass wir uns damit Grenzen auferlegen."
So sah es auch Hoeneß, als er fertig geschimpft hatte. "Wir im deutschen Fußball müssen einen eigenen Weg gehen", forderte er. Und gab den anwesenden Vertretern der Vereine mit auf den Weg: "Ich bitte alle hier im Raum, das Geld, das alles verdirbt, niemals anzunehmen."
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