Der LIGAstheniker: Borussia Dortmund macht mit Trennung von Sebastian Kehl das Eingeständnis eines Missverständnisses

Borussia Dortmund hat seit dem vergangenen Wochenende keinen Sportdirektor mehr, die Trennung von Sebastian Kehl kam mindestens überraschend. Obwohl es ergebnistechnisch hervorragend läuft in der Liga für den BVB, knirscht es hinter den Kulissen. Die Causa Kehl sei "das Eingeständnis eines Missverständnisses", befindet der LIGAstheniker in seiner Kolumne und fordert die "Abteilung Attacke".

BVB trennt sich von Kehl: Überraschendes Aus in Dortmund

Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
das immerhin muss man dem BVB lassen: So eine kalt formulierte Ausbootung hätte ich Dortmund gar nicht zugetraut. Sportdirektor Sebastian Kehl muss gehen, "Bild" & Co. nennen es "überfällig" und doch kommt sie im Kuschelzoo am Borsigplatz zum jetzigen Zeitpunkt überraschend.
In jedem Fall ist sie das Eingeständnis eines Missverständnisses. Der Vertrag mit Kehl war vor einem Jahr erst noch verlängert worden. Aber was bedeutet das nun? Begründet wird das Ende der Zusammenarbeit damit, dass er in der sportlichen Führung des Klubs ein Fremdkörper war.
Das ist ein Grund, aber noch kein Argument für die Zukunft. Verbindet sich mit der frei werdenden Leerstelle in der Führungsetage des Klubs auch ein neuer sportlicher Anspruch?
Einer, der auf die persönlichen Befindlichkeiten arrivierter Klubikonen keine Rücksicht mehr nimmt, sondern eine Ansage sein soll, ja muss, an die davongaloppierenden Über-Bayern?

Köpfe und Verträge: Neue Gangart in Dortmund

Borussia Dortmund hat im Handling seiner Vertragsangelegenheiten eine neue Gangart eingeschlagen, das ist offensichtlich. Julian Brandt - kann weg. Niklas Süle - brauchen wir nicht mehr. Sportdirektor Kehl - ade! Sportvorstand Lars Ricken, der öffentlich oft eine unglückliche Figur abgibt, versteht sein Wirken als Botschaft nach innen: Er weiß, wie man Köpfe abschneidet, er will Stärke zeigen, weil er muss.
Obwohl Ricken und Kehl auch zusammen für den BVB gespielt haben, gilt ihre Beziehung seit Monaten als unterkühlt, das hat nicht nur mit dem bisherigen Saisonverlauf zu tun, sondern vor allem mit Kehl selbst.
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Die gemeinsame BVB-Zeit ist vorbei: Sebastian Kehl (l.) und Lars Ricken (r.)

Fotocredit: Imago

Er sei in der Klubführung isoliert gewesen, befinden die "Ruhr Nachrichten", entscheidungsschwach, schreibt "Bild", die ihm als "Mister Maybe" (Mister Vielleicht) Wankelmütigkeit und Entscheidungsschwäche vorwirft. Fakt ist: Als Sportdirektor war der immer ausgesucht höfliche und um Sittsamkeit bemühte Kehl nie in irgendeiner Form "Abteilung Attacke", sondern meist so blass wie es seine Gesichtsfarbe zeigte.

Kehls gemischte Transferbilanz beim BVB

Seine sportliche Transferbilanz, die jetzt als Hauptgrund für seine Demission herangeführt wird, kann er nur bedingt dagegenhalten. Seit Sommer 2022 hat der Nachfolger von Michael Zorc exakt 363 Millionen Euro für Neuzugänge ausgegeben, rechnet "transfermarkt.de" vor.
Neben Felix Nmecha oder Maxi Beier hat er mit dem Geld auch ganz viele Ladenhüter eingepreist, die es bisher jedenfalls nicht in die Stammelf gebracht haben, wenn sie überhaupt groß zum Zuge kommen: Jobe Bellingham, Yan Couto, Felix Silva, Carney Chukwuemeka. Finanziell, so rechnet "transfermarkt.de" vor, sei Kehls Bilanz ausgeglichen, immerhin. Sportlich hat sie eine Unwucht Richtung "Soll".

BVB: Familienaufstellung gescheitert

Und nun? Als Nachfolger, das gab Dortmund am Montag bekannt, kommt Nils-Ole Book von der SV Elversberg. Somit scheiterte ein Modell, das die Dortmunder den Bayern unbedingt nachtun wollten: die ehemaligen Klublegenden sollten den BVB auf möglichst allen entscheidenden Posten im Klubmanagement in eine glorreiche Zukunft führen.
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Quelle: Perform

Wenn nun Vorstand Ricken aber glaubt, sein eigenes BVB-Schicksal damit retten zu können, in dem er den Ex-Mitspieler auf dem Feld loswird, dann ist die Familienaufstellung beim BVB gehörig schiefgegangen.

Borussia braucht einen wie Carro

Book wäre ein weniger konziliantes Auftreten zu wünschen, dafür eines, das selbstbewusst klar macht, wohin der BVB sportlich will. Als Fernando Carro, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, vor zwei Wochen die Bayern-Dominanz öffentlich kritisch beklagte und forsch die Meisterschaft für spätestens 2028/2029 zum Ziel ausrief, da wünschte man sich insgeheim, die Dortmunder hätten gut zugehört.
An einen Sportdirektor Sebastian Kehl, der von sich aus für Dortmund die Meisterschaft reklamierte, kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. Schlimmer noch: Es wäre jenseits seines Naturells gewesen. Dass Kehl nun einer der Wunschkandidaten als neuer Sportvorstand beim HSV ist, passt da gut ins Bild: In Hamburg muss er derlei Titelambitionen gar nicht erst haben.

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ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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