FC Bayern München? BVB? Das größte Spektakel liefert aktuell der 1. FC Köln - Bundesliga-Kolumne "Der LIGAstheniker"

Der 1. FC Köln mischt die Bundesliga auf - und das, obwohl die wenigsten dem Aufsteiger solch eine Leistung zu Saisonbeginn zugetraut hätten. Das jüngste Spektakel lieferte die Mannschaft von Lukas Kwasniok am Wochenende beim irrwitzigen 3:3 in Wolfsburg. Doch der "Effzeh" wäre nicht der "Effzeh", wenn nicht an anderer Stelle bereits wieder Drama drohen würde. Eine Glosse von Thilo Komma-Pöllath.

Said El Mala vom 1. FC Köln im Spiel gegen den SC Freiburg: Spektakel pur

Fotocredit: Getty Images

Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
Es gibt so Mannschaften, die können nicht ohne Drama, im Guten wie im Bösen. Die Bayern natürlich, nur da heißt es dann "FC Hollywood" oder "Hoeneß vs. Eberl", wie gerade wieder. Oder Schalke, ob Tönnies oder Gazprom, ein gleichermaßen überfinanziertes wie geschmacksverirrtes B-Movie. Und natürlich der EFFZEH.
Gäbe es so etwas wie den MVP für den besten Saisonstart, dann hätte ausgerechnet Aufsteiger Köln schon den ersten Pokal gewonnen: Für das größte Spektakel in der Liga.
Wem heute im Büro wieder mal langweilig ist, der kann sich ja nochmal die Nachspielzeit in Wolfsburg in Realtime anschauen. Schon jetzt eine historische, wie wir wissen. Drama in Überlänge, wie sie sonst nur Coppola hinbekommt.
Meine Lieblingsszene: Das Flügeldribbling von Said El Mala auf der linken Seite vor dem 2:2. Wie elegant der den Ball am Fuß führt, wie unwiderstehlich er seine Gegenspieler umkurvt und dann noch das Auge hat für den Mitspieler und das alles in Minute 90.+1 -  großes Fußballkino!

Das ist neu an diesem 1. FC Köln

Klar, halten wir den Ball flach: Drei Spieltage von 34 ist natürlich NICHTS von sportlicher Bedeutung, aber auf der anderen Seite ist dieser FC auch kein One Hit-Wonder des Spektakelkicks.
Das Siegtor in Mainz fiel in der 90. Minute, der Sieg im DFB-Pokal gegen Regensburg nach Rückstand ebenfalls in der Nachspielzeit.
Ein guter Freund, seit knapp 30 Jahren Mitglied des Klubs, erklärte mir gestern ausführlich, was neu ist an diesem EFFZEH im Vergleich zur Baumgart-Truppe und den anderen davor: "Diese Mannschaft hat Talent, ist offensiv ausgerichtet und gibt sich nicht auf".
Wann gab es das in Köln das letzte Mal?
picture

Der Kölner Isak Johannesson feiert ausgelassen seinen Treffer zum 2:2-Ausgleich gegen den VfL Wolfsburg. Im Anschluss sollten noch zwei weitere Tore in der Nachspielzeit fallen.

Fotocredit: Getty Images

Bester FC-Kader seit 20 Jahren?

Also nur mal zur Erinnerung: Vor nicht mal eineinhalb Jahre wurde Köln mit einer Transfersperre belegt, weil es einen jungen Spieler zum Vertragsbruch angestiftet hatte, am Ende der Saison stand der nächste Abstieg fest.
Köln ist in jeder Hinsicht ein Dramaklub, der offenbar notorisch zwischen Peinlichkeit und Spektakel oszilliert und doch könnte in dieser Saison vieles anders sein. Konjunktiv, denn wer eine Saison nach drei Spieltagen hochskaliert, der hat sie nicht mehr alle.
Und doch: Soviel Talent hatte Köln lange nicht mehr im Kader, das belegt schon mein Lieblingsspieler El Mala, der von der Bank kam. Ebenso Isak Johannesson oder Ragnar Ache, das ist eine Qualität in der Breite, die sie so womöglich noch nie hatten.
An dieser Kaderzusammenstellung dürfte nicht mal Uli Hoeneß was rumzumeckern haben, ein Verdienst des Sportchefs und ehemaligen Ersatztorwarts Thomas Kessler, noch dazu ein kölsche Jung.

Yin & Yang: Sportchef Kessler, Coach Kwasniok

Wenn Kessler das Yin, dann ist Coach Lukas Kwasniok das Yang des Kölner Momentspektakels. Ein breitbeiniger, kaugummikauernder Dampfplauderer, den nicht wenige am Anfang als eine Art Baumgart-Kopie skeptisch sahen oder gar ablehnten.
Bis sie merkten, dass er jenseits davon eine Spielidee besaß. Eine eigene Spielidee wohlgemerkt. Nicht hinten reinstellen, wie das Aufsteiger so tun (gell, HSV), auch nicht nur mitspielen wollen, sondern wie in Wolfsburg gerade in der ersten Halbzeit gut zu sehen war, zu dominieren.
Ein Aufsteiger, der seine Gegner dominieren will, welche Hybris könnte man denken, aber: es funktioniert!
Dass Kwasniok mit dem Trikot am Spielfeldrand steht ist kein Zufall, sondern Programm. Das Portal Transfermarkt.de listet 17 Transfers auf, die Kessler zur neuen Saison getätigt und Kwasniok stilistisch zu einem Ganzen zusammengebaut hat. Mit Hemdsärmligkeit allein ist das nicht zu erklären.

Präsidiumswahl: Droht eine Schlammschlacht?

Köln wäre aber nicht Köln, wenn der sportliche Erfolg ganz ohne Nebenspektakelschauplätze zu genießen wäre. Ende September wird ein neues Präsidium gewählt und erstmals bewerben sich gleich drei Teams um die Leitung des Klubs.
Neben den vom Mitgliederrat unterstützten Vorschlag um Vizepräsident Carsten Wettich auch das sogenannte "Adenauer-Team" um einen Enkel des ersten Bundeskanzlers und ein Team hinter dem Lukas Podolski steht, der, seit er als Strippenzieher seine vielfältigsten Geschäftsinteressen lanciert als Volkes Liebling in Köln ausgedient hat.
Stimmt, was die "FAZ" heute schreibt, hat die "Schlammschlacht" um die künftige Macht am Rhein bereits begonnen. Bei aller Lust am Drama, es wäre ein Jammer, wenn der Klüngel dem sportlichen Spektakel die Luft nehmen würde.
Oder wie sagt mein guter Freund sagt: "Der FC ist der größte Karnevalsverein der Welt mit angegliederter Fußballabteilung".

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung