Bundesliga-Dino HSV nach sieben Jahren Zweitklassigkeit zurück: Das Leben findet einen Weg

Der Hamburger SV kehrt nach sieben Jahren Abstinenz in die Bundesliga zurück. Die Verantwortlichen um Sportvorstand Stefan Kuntz üben sich in Demut und wissen genau, dass es zunächst nur ums "Überleben" gehen kann. Die aktionistischen Fehler der Vergangenheit sollen deshalb abgestellt werden, mit Cheftrainer Merlin Polzin wurde vorzeitig verlängert. Dennoch gibt es einige Fragezeichen beim HSV.

HSV-Trainer Merlin Polzin (links) bei der Aufstiegsfeier mit dem Ersten Bürgermeister von Hamburg Peter Tschentscher

Fotocredit: Getty Images

"Das Leben findet einen Weg", lautet das vielleicht bekannteste Zitat aus dem Steven-Spielberg-Klassiker "Jurassic Park" - ein Film, in dem dank neuester DNA-Technologie die eigentlich ausgestorbenen Dinosaurier für einen Vergnügungspark zurückgebracht werden.
Mit einem ähnlichen Gefühl des Staunens wie die Protagonisten des Kino-Hits aus dem Jahr 1993 dürfte das Publikum in wenigen Wochen auch die Rückkehr einer anderen urzeitlichen Institution betrachten: Der Bundesliga-Dino Hamburger SV steht vor seinem Comeback im deutschen Oberhaus.
Nun gut, die Rothosen waren nicht vom Erdboden verschwunden, aber nach sechs verpassten Aufstiegen und acht Trainerwechseln in sieben Jahren in der 2. Bundesliga dürfte sich das Comeback im Oberhaus für so manchen Fan ähnlich wundersam anfühlen, wie die Wiederauferstehung der Dinosaurier in "Jurassic Park".
Zumal der Klub aus dem Norden der Bundesrepublik auch schon Jahre zuvor den eigenen Ansprüchen hinterhergelaufen war. Die bis dato letzte Teilnahme am Europapokal (2009/10) rückte in immer weitere Ferne, während der Verein sukzessive in den Tabellenkeller und schließlich in die Zweitklassigkeit abrutschte.

Nüchterner Realismus beim HSV

Aus den Fehlern der Vergangenheit scheint man gelernt zu haben. In der Hansestadt ist ein nüchterner Realismus eingekehrt, den Sportvorstand Stefan Kuntz jüngst im "Kicker" zum Ausdruck brachte.
Andere Klubs in der Bundesliga hätten einen "jahrelangen Vorsprung", erklärte der 62-Jährige etwa mit Blick auf den FC Augsburg. Daher wolle er von großen Zielen erst einmal gar nichts wissen: Gegenwärtig gehe es für den Klub "nicht so sehr um Mittelfristigkeit, sondern ums Überleben". Zudem wisse man, "dass in der Bundesliga schwere Zeiten kommen können".
Anders als in der Vergangenheit sollen mögliche Schwierigkeiten zukünftig aber nicht mit Aktionismus, sondern mit Stabilität bekämpft werden. Auch deswegen verlängerten die Hamburger jüngst den 2026 auslaufenden Vertrag mit Cheftrainer Merlin Polzin.
Der Aufstiegscoach soll in Ruhe arbeiten können - ein kluger Plan. Schließlich muss der 34-Jährige nicht nur das Team an das höhere Spielniveau in der Bundesliga anpassen, sondern auch noch einen Umbruch im Kader moderieren.

Diverse Stammkräfte weg

Diverse Leistungsträger der vergangenen Saison stehen dem 34-Jährigen nämlich nicht mehr zur Verfügung, während er einige neue Profis ins Mannschaftsgefüge integrieren muss.
Unter anderem wechselte Davie Selke, mit 22 Treffern aus 31 Spielen der Top-Torjäger, ablösefrei zu Basaksehir nach Istanbul. In der Innenverteidigung ist Stammkraft Dennis Hadzikadunic nach zwei Jahren nicht mehr dabei, weil der gebürtige Schwede nach dem Ende seiner Leihe zum FK Rostov zurückkehrte.
Ebenso verließen mit Ludovit Reis (für sechs Millionen Euro zum FC Brügge), Adam Karabec (Leihende) und Marco Richter (Leihende) wichtige Stützen im Mittelfeld den sechsmaligen Deutschen Meister.
Im Gegenzug verpflichtete man den ehemaligen Herthaner Jordan Torunarigha ablösefrei als Ersatz für Hadzikadunic in der Defensive. Als Kompensation für Abgänge von Reis, Karabec und Richter lotsten Kuntz und Co. Nicolás Capaldo von Red Bull Salzburg (2,1 Millionen Euro) und Nicolai Remberg von Holstein Kiel (2,4 Millionen Euro) an die Elbe.

Poulsen als Königstransfer?

Der oftmals zwischen Genie und Wahnsinn schwankende Keeper Heuer Fernandes erhält durch die Leihe von Daniel Peretz vom FC Bayern München Konkurrenz im Tor, während die Offensive durch Rayan Philippe von Eintracht Braunschweig (2,5 Millionen Euro) verstärkt wird.
Als Königstransfer konnten die Verantwortlichen des HSV obendrein Yussuf Poulsen präsentieren, der RB Leipzig nach zwölf Jahren den Rücken kehrte. Der Däne ist mit seinen 31 Jahren zwar nicht mehr der Jüngste, bringt aber wertvolle Erfahrung aus 223 Bundesliga- und dutzenden Champions-League-Einsätzen mit und könnte zum wichtigen Faktor im Kampf um den Klassenerhalt werden.
Trotz der teils namhaften Verstärkungen gestaltet sich die Gewöhnung an die neue Realität bisher schwierig. In den Testspielen gegen den FC Kopenhagen (0:1), Sturm Graz (1:2), Olympique Lyon (0:4) und den SC Freiburg (0:5) setzte es teils empfindliche Niederlagen.
Ein kleiner Stimmungsdämpfer vor der Rückkehr in die Erstklassigkeit, auch wenn der HSV selbstredend als Außenseiter in die Partien gegen vier Dauergäste im Europapokal ging.

Was passiert mit Königsdörffer?

Für Unsicherheit sorgt zudem die Personalie Ransford Königsdörffer. Der Vertrag des Stürmers läuft noch bis Juni 2026.
Ein Wechsel des 23-Jährigen zum OGC Nizza für kolportierte sieben Millionen Euro schien bereits in trockenen Tüchern, scheiterte aber in letzter Sekunde am Medizincheck.
Königsdörffer soll nun in die Vorbereitung des amtierenden Zweitliga-Champions einsteigen, allerdings bleibt die Frage, ob es doch noch zu einem Transfer kommt oder ob man sich - wie von Kuntz ursprünglich erhofft - auf eine Verlängerung einigen kann.

Gradmesser DFB-Pokal

Trotz der guten Vorsätze sorgen die Hamburger also schon vor der eigentlichen Rückkehr in die Bundesliga für Gesprächsstoff. Am Samstag hat die Polzin-Elf beim Freundschaftskick gegen den RCD Mallorca die Chance, die aufkommende Unruhe im Keim zu ersticken, bevor eine Woche später im DFB-Pokal das erste Pflichtspiel auf dem Programm steht (16. August, 13:00 Uhr gegen Pirmasens).
Mag die Erstrundenpartie gegen Pirmasens nur bedingt als Gradmesser dienen, hat es der Liga-Start durchaus in sich.
Nach dem kniffligen Match gegen Borussia Mönchengladbach (Sonntag, 24. August) und dem Derby gegen den FC St. Pauli (Freitag, 29. August) geht es am 3. Spieltag nach München zum FC Bayern - kein gutes Pflaster für die Norddeutschen.

Jurassic Park als Vorbild für den HSV?

Die Hamburger verloren ihre letzten neun Spiele in der Allianz Arena und wurden dabei im Schnitt mit rund sechs Gegentoren pro Spiel vermöbelt. Angesichts dieses Auftaktprogramms ist das Risiko für einen Fehlstart groß. Insbesondere gegen den Rekordmeister braucht man ein respektables Ergebnis, sonst dürften die Spötter schnell zur Stelle sein.
Im Rückgriff auf "Jurassic Park" könnte dem HSV das Mantra "Das Leben findet einen Weg" unabhängig von den Ergebnissen der ersten Wochen durchaus helfen - in der Ruhe liegt eben bekanntlich die Kraft.
Und das nicht zuletzt, weil der Film - Spoiler Alert - damit endet, dass die Dinosaurier sich von der Attraktion zu den Herrschern der Anlage aufschwingen. Verantwortliche und Anhänger in Hamburg dürften hoffen, dass die Rückkehr ihres eigenen Dinos ähnlich abläuft.
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Quelle: Perform


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