LIGAstheniker: Kein Pseudo-Meisterkampf vor dem Klassiker - Punktefetischist Kovac gegen Überzeugungstäter Kompany
Publiziert 23/02/2026 um 13:16 GMT+1 Uhr
Der FC Bayern hat seinen Vorsprung auf Borussia Dortmund am vergangenen Wochenende auf acht Punkte ausgebaut. Am kommenden Samstag greift der BVB im deutschen Klassiker nach dem letzten Strohhalm. Von einem "Pseudo-Meisterkampf" will der LIGAstheniker noch nicht sprechen, viel eher stellt er sich die Frage: Was unterscheidet "Punktefetischist" Niko Kovac und "Überzeugungstäter" Vincent Kompany?
Kovac nach BVB-Remis im Top-Spiel: "Leipziger auf Distanz gehalten"
Quelle: Perform
Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
Der Schreiber dieser Zeilen ist, so hoffe ich doch, nicht dafür bekannt, eine Stimmung künstlich hochzuhalten, nur damit man das Produkt noch lauwarm verkaufen kann. Will sagen: Für mich ist die Meisterschaft schon lange entschieden.
In gleichem Maße aber gilt natürlich auch das genaue Gegenteil: Solange rechnerisch nichts entschieden ist, ist auch die Meisterfrage noch offen.
Und damit sind wir schon beim bevorstehenden Clásico zwischen Dortmund und den Bayern am nächsten Samstag (18:30 Uhr im Liveticker). Und trotz des beachtlichen 8-Punkte-Vorsprungs der Münchner ist die Ausgangslage nicht so ganz eindeutig: Gewinnen die Bayern oder holen sie einen Punkt, ist die 35. Meisterschaft unter Dach und Fach.
Aber was ist bei einem BVB-Erfolg? Geht dann noch was, zumindest atmosphärisch?
Nur noch ein "Pseudo-Meisterkampf"?
Die lieben Kollegen von "BILD", "Sportschau", "SPOX" oder "Sport 1" haben sich längst festgelegt: da geht nix mehr.
Von einem "Pseudo-Meisterkampf" ist da die Rede, der zuletzt ganze drei Wochen gedauert hätte. Bis auf drei Punkte war der BVB an die leicht nachlässigen Bayern herangekommen, Spieler wie Maxi Beier oder Nico Schlotterbeck, die offensiv das M-Wort in den Mund genommen hatten, durften sich bestätigt fühlen. Und nun? Alles schon wieder vorbei?
Interessant dabei Dortmunds eigene Beurteilung zum Unentschieden in Leipzig vom Wochenende. BVB-Trainer Kovac sprach von "Mentalität" und "Klasse", weil man den 0:2-Rückstand egalisierte, gefühlt ein Punktgewinn.
Und in der Tat: der späte Ausgleich in der Nachspielzeit durch Fabio Silva war im Stile einer großen Mannschaft herausgespielt. Aber davor? Der BVB wusste, er musste gewinnen, schließlich hatten die Bayern vorgelegt, aber der Auftritt war insgesamt viel zu zaghaft und unentschlossen. Dass hier ein künftiger Meister spielen würde, war über weite Strecken nicht zu sehen.
Niko Kovac, der Punktefetischist
Dass der BVB überhaupt wieder für sowas wie einen Meisterkampf infrage kommt, hat viel mit Niko Kovac zu tun. Sein Punkteschnitt von 2,32 pro Spiel ist außergewöhnlich, mit 52 Punkten nach 23 Spielen steht man in anderen Ligen auf Platz 1 – nicht so in der Bundesliga, zumindest so lange die Bayern mitspielen.
Schon als Spieler war Kovac immer ein großer Ehrgeizling gewesen, der Extraschichten schob, um seine Ziele zu erreichen. Als Trainer kaschiert er seinen Ehrgeiz unter einer diplomatischen Oberfläche, zumindest für die Öffentlichkeit.
Tatsächlich aber ist er ein radikaler Punktefetischist, wenn ich den Ausdruck mal verwenden darf. "Wenn ich nicht gewinnen kann, dann darf ich wenigstens nicht verlieren", so hat er seine Fußballtheorie kürzlich formuliert.
Die zu gewinnenden Punkte sind seine Maßeinheit, nicht das dominante, schöne Spiel. Auch deshalb ist er in Dortmund trotz seiner Erfolge nicht unumstritten.
Vincent Kompany, der Überzeugungstäter
Größer könnte der Unterschied zum Kontrahenten Vincent Kompany dabei gar nicht sein. Über das Verlieren denkt Kompany gar nicht erst nach.
Er will den Gegner beherrschen, überrumpeln, auch deshalb steht die letzte Linie so hoch wie bei keinem andern Klub in der Liga.
Das kann auch mal schiefen gehen, aber dass er sein System ändern würde, nur um einen Punkt mitzunehmen, das käme ihm nie in den Sinn.
Kompany ist Überzeugungstäter, kein Taktierer. Das schöne Spiel ist für ihn immer auch das erfolgreiche Spiel, es kommt von innen.
BVB gegen FCB – eine Frage der Attitüde
Und vielleicht sind wir dann schon wieder beim Grundsatzproblem des BVB. Seit ich diese Kolumne schreibe, sucht Dortmund, gerade in der Crunchtime einer Spielzeit, also jetzt wieder, die größtmögliche Überzeugung zum eigenen Spiel.
Eben kein Taktieren, kein "dann nehmen wir das Unentschieden mit", so wie in Leipzig am Wochenende, kein "dann dürfen wir wenigstens nicht verlieren", sondern – wieder salopp formuliert - die Attitüde, "die machen wir jetzt weg".
Das ist die Attitüde der Bayern, die der BVB noch lernen muss, wenn er sie denn noch lernen kann. Selbst an schwachen Tagen spielen die Bayern auf Sieg, während der BVB seine Ziele herunterschreibt. Das ist der Wesensunterschied der beiden deutschen Topklubs der letzten 10 Jahre, die sich in den beiden größten Trainerpersönlichkeiten widerspiegelt.
Jede Wette, dass die Bayern das größte deutsche Spitzenspiel am kommenden Wochenende in Dortmund mit der Überzeugung eines Heimspiels angehen werden. Wenn ich mich täusche, was ich gerne täte, dann ist die M-Frage am Samstagabend noch nicht abschließend beantwortet.
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ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform
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