Die Kunst des Sebastian Hoeneß: Bundesliga-Kolumne "Der LIGAstheniker" adelt VfB-Coach als deutschen Trainer der Stunde
Update 24/11/2025 um 11:33 GMT+1 Uhr
Thomas Tuchel? Julian Nagelsmann? Nein, der aktuell beste deutsche Trainer ist Sebastian Hoeneß, erklärt der LIGAstheniker in seiner Bundesliga-Kolumne. Denn der Coach des VfB Stuttgart hebt sich höchst wohltuend von vielen seiner Berufskollegen ab, ist aber dennoch - oder gerade deswegen - erfolgreich. So sehr, dass dies weitreichende Folgen haben könnte. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.
Hoeneß feiert VfB-Dreierpacker Undav als "Man of the Match"
Quelle: Perform
Liebe Fußballfreundinnen und -freunde,
es ist ja selten so, dass man als Fan oder Beobachter nach einem Bundesliga-Spieltag so viel schlauer ist als zuvor. Okay, der eigene Verein hat gewonnen oder verloren, war grottig oder hätte besser sein müssen, eine Momentaufnahme, nicht mehr.
Was das für den Rest der Saison heißt, ob er den Klassenerhalt wirklich packen oder Meister wird, all das lässt sich nach einem 11. Spieltag einfach noch nicht beantworten. Womöglich aber die Frage nach dem besten deutschen Trainer.
Für Dortmunds Coach Niko Kovac ist das Rätsel gelöst. Nicht er selbst, er ist ja Kroate, sondern Sebastian Hoeneß ist "momentan das Aushängeschild der deutschen Fußballlehrer". So Kovac vor dem Duell der Dortmunder gegen den VfB Stuttgart. Die herausragende Begegnung dieses Spieltags, ein echtes Trainerspiel, das am Ende Sebastian Hoeneß trotz Unentschieden für sich entscheidet.
Sebastian Hoeneß - Fußballlehrer, nicht Manager
Allein die Wortwahl, die Kovac benutzt, ist interessant. Er spricht vom "Fußballlehrer" und betont damit das pädagogische Jobprofil eines Trainers in der Bundesliga. Anders als etwa in England, in dem vom "Teammanager" die Rede ist, der Trainer also eher eine betriebswirtschaftliche Leitungsfunktion erfüllen muss (die Spieler sind Assets einer Wertanlage eines Klubunternehmens und diese Wertanlage muss weiter steigen, schon allein um Spieler in Zukunft gewinnträchtig weiterverkaufen zu können), geht es hierzulande offenbar noch darum, sportliche Talente zu führen und - ganz naiv - besser zu machen.
Das gelingt derzeit kaum einem so gut wie Sebastian Hoeneß. Und wenn es nach Niko Kovac geht, gelingt es Hoeneß sogar besser als etwa Bundestrainer Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel, Teammanager der englischen Nationalmannschaft. Das klare Urteil ist mindestens erstmal überraschend.
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VfB-Trainer Sebastian Hoeneß
Fotocredit: Imago
Hoeneß: "Bin kein Bankdirektor, sondern Trainer"
Der 43-Jährige ist gerade auch deshalb eine so interessante Figur, weil er immer wieder durchblicken lässt, dass ihn das Betriebswirtschaftliche seines Arbeitgebers bei weitem nicht so sehr interessiert wie das Betriebssportliche. "Ich bin kein Bankdirektor, sondern Trainer", hatte er kürzlich in einem großen Interview erklärt und ließ durchblicken, dass er die Verkäufe von Nick Woltemade und Enzo Millot sportlich für einen Fehler gehalten habe.
Sebastian Hoeneß, ganz anders als sein Vater Dieter oder sein Onkel Uli, interessiert sich für das Spiel, nicht so sehr für das Geschäft. Und ein Trainer, der weiß, wie man Spieler besser machen kann und der so ehrgeizig ist wie Sebastian Hoeneß, der will nicht jedes Jahr mit einem nominell schwächeren Kader von Neuem anfangen. Hoeneß will und kann Titel gewinnen, wie der Pokalsieg von Mai 2025 zeigte.
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Der VfB Stuttgart feiert den Triumph im DFB-Pokal 2025
Fotocredit: Getty Images
Nach schwachem Saisonstart: Der VfB ist wieder da
Vor dem Hintergrund der betriebswirtschaftlich begründeten Selbstschwächung des eigenen Kaders und eines daraus resultierenden eher mittelmäßigen Saisonstarts ist der VfB Stuttgart "momentan" das Team der Stunde, auch so muss man Kovac verstehen. Sieben Siege in den letzten neun Ligaspielen, lediglich in Leipzig musste man sich geschlagen geben, in der Tabelle auf Platz fünf, auf Augenhöhe mit Dortmund, Leverkusen und auch Leipzig.
Spätestens beim Heimspiel am Nikolaustag gegen die großen Bayern wird sich zeigen, ob der VfB auch Ligaspitze kann. Dass Stuttgart überhaupt schon wieder da oben mitmischt, ist jedenfalls bemerkenswert. Ausgerechnet in Dortmund lag der VfB am Ende in beinahe jeder Statistik vorn, ob Ballbesitz, Passspiel oder Torschüsse. Während der BVB zum wiederholten Male kurz vor Schluss einen Gegentreffer kassierte, ist es der VfB, der trotz zwischenzeitlichem 0:2-Rückstand bis zum Schluss an seine Möglichkeiten glaubt. Auch das hat viel mit Hoeneß zu tun.
Hoeneß und die Begehrlichkeiten des Spiels
Kaum ein anderer Trainer in der Liga kann junge Spieler einerseits so gut führen und andererseits ihnen so viel Selbstvertrauen mit auf den Platz geben. Im Grunde ist der VfB eine bessere U-23-Mannschaft: Ob der Marokkaner El Khannouss (21), Tiago Tomas (23), Andres Chema (20), Finn Jeltsch (19), Angelo Stiller (24) - um nur mal die zu nennen, die gegen Dortmund in der Startformation gestanden haben.
Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet Hoeneß, der junge Talente groß und zu Stars macht, damit auch ihren Marktwert in die Höhe schraubt. Es entstehen Begehrlichkeiten, denen sich die Vereinsführung am Ende einer Saison dann immer wieder mal nicht entziehen kann, wie der "Fall Woltemade" gezeigt hat.
Nimmt man Hoeneß beim Wort, nämlich dass er sich nicht als Bankdirektor sieht, dann hat das System einen in sich geschlossenen Systemfehler, von dem er allerdings selbst profitieren wird. Kein anderer deutscher Fußballlehrer ist derzeit, etwa in England, so begehrt wie Hoeneß. Zuletzt hatte Manchester United großes Interesse bekundet. Endlich mal kein nüchterner Manager, sondern einer, der das Spiel pädagogisch wieder ernst nimmt.
Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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