Der LIGAstheniker: TSG Hoffenheim zwischen Chaosklub und Spitzenmannschaft - Hopp-Klub auf dem Weg in Königsklasse
Update 09/03/2026 um 14:17 GMT+1 Uhr
Die TSG Hoffenheim pflügt mit ihrem durch Trainer Christian Ilzer implementierten Hurra-Fußball weiterhin nur so durch die Bundesliga - und hat die Qualifikation für die Champions League fest im Blick. Dabei rumort es bereits seit Jahren im Hintergrund und auf der Führungsebene des Klubs. Der LIGAstheniker fühlt sich in seiner Glosse gar ein wenig an den FC Hollywood der 1990er-Jahre erinnert.
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Quelle: Perform
Liebe Fußballfreundinnen und Freunde,
der Profifußball ist durchzogen von ungeschriebenen Gesetzen, deren Gültigkeit seit Jahren und Jahrzehnten mit Vehemenz verteidigt werden und die doch schon lange nicht mehr stimmen.
Nehmen wir nur einmal das fußballphysikalische Gary-Lineker-Gesetz, wonach ein Spiel 90 Minuten dauert und am Ende Deutschland gewinnt. Dabei wissen wird doch: Bei großen Meisterschaften hat Deutschland schon lange nichts mehr gewonnen.
Nun fällt ein weiteres ungeschriebenes Gesetz, das auf den FC Bayern in den 1990er-Jahren zurückgeht, wonach sich Unruhe im Verein und sportliche Erfolglosigkeit einander bedingen. Nennen wir es das FC-Hollywood-Gesetz. Auch das ist, wie wir an Hoffenheim anno 2026 sehen, Mumpitz und Kokolores.
Selten zuvor war ein von Intrigen geschüttleter Klub sportlich so wertvoll wie die TSG.
Hoffenheim: Nächstes Jahr Champions League?
Wenn es so bleibt, wie es nach dem 25. Spieltag den Anschein hat, dann wird Hoffenheim, aktuell Platz 3 in der Tabelle, zum Teil deutlich vor Stuttgart, Leipzig oder Leverkusen, in der kommenden Saison Champions League spielen.
Hoffenheim spielt über weite Strecken der Spielzeit einen dynamischen, aggressiven Tempofußball, der keine Selbstzweifel aufkommen lässt. Das ist, angesichts der Unruhe im Verein, mindestens erstaunlich.
Und mit Unruhe ist nicht nur gemeint, dass Hoffenheims Patriarch und größter Geldgeber, der SAP-Milliardär Dietmar Hopp, in den Ultra-Fanlagern der Republik gehasst wird wie wenige andere.
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TSG-Gesellschafter Dietmar Hopp
Fotocredit: SID
Dabei, und das gehört zur ganzen Wahrheit dazu, ist Hopp in der persönlichen Begegnung ein einnehmend sympathischer und freundlicher Zeitgenosse, dem sein Geld und Vermögen - anders als dem Klischee nach im sonstigen Leben - im Fußball keine Freunde macht.
Fluch und Segen: Geldgeber Dietmar Hopp
Die Gemengelage bei der TSG ist kompliziert und noch immer nicht transparent auseinandergefuselt, aber dass Hopp oder besser die Möglichkeiten, die sich mit seinem Vermögen verbinden, den Klub aus der Balance geworfen haben, steht außer Frage.
Der SAP-Mitgründer hat in den letzten 35 Jahren kolportierte 400 Millionen Euro in den Verein gebuttert, da wollte er auch das Sagen haben. Verständlich.
Im März 2023 kündigte er an, auf seine Stimmrechtsmehrheit bei der Spielbetriebs-GmbH zu verzichten und an den Mutterverein e.V. zurückzugeben, der Hauptgesellschafter der GmbH ist. Stichwort: 50+1-Regel. Soweit so kompliziert. Seitdem Hopp formal nicht mehr einfach ohne Widerrede durchbestimmen kann, rumort es im Gebälk.
TSG Hoffenheim - ein neuer "FC Hollywood"?
Ein kurzer Überblick: Seit Sommer 2024 hat Hoffenheim erst den Sportvorstand, dann zwei Trainer, zuletzt drei Geschäftsführer fristlos entlassen, die Arbeitsgerichtsprozesse sind für Ende März terminiert.
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Andrej Kramaric und die Spieler der TSG Hoffenheim haben in dieser Saison allen Grund zur Freude
Fotocredit: Getty Images
Auslöser dafür waren ein mutmaßlicher "Datenskandal", so der "kicker", die nicht datenschutzkonforme Weiterleitung einer Liste von Vereinsmitgliedern, zusätzlich war von nicht weiter benannten Compliance-Verstößen die Rede.
Von außen zeigte sich das chaotische Bild von Verein gegen GmbH, der "kicker" schrieb von einem "Putschversuch" gegen den Sportgeschäftsführer Andreas Schicker, der von Geldgeber Hopp gestützt wird und an dessen Verbleib auch Trainer Christian Ilzer seine Zukunft im Verein geknüpft hat.
Am Montagabend nun wählt der Verein einen neuen Präsidenten. Damit verbunden die Hoffnung, dass der Klub endlich zur Ruhe kommt.
Coach Chris Ilzer: Meister der Selbstbesinnung
Schaut man auf die Tabelle, könnte man sich fragen: Warum eigentlich? Läuft doch so gut wie seit 2008/09 nicht mehr, als der Aufsteiger Hoffenheim zwischenzeitlich sensationell Herbstmeister wurde?
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Hoffenheim-Coach Christian Ilzer
Fotocredit: SID
Wie schafft es der österreichische Coach Christian Ilzer in diesem skandalträchtigen Umfeld die TSG den besten Fußball seit knapp zwei Jahrzehnten spielen zu lassen? Ilzer ist ein starker Charakter und ein Motivationstalent, keine Frage.
Er liebt die David-gegen-Goliath-Situation, die er seine Mannschaft psychologisch immer wieder aufs Neue durchspielen lässt. Egal gegen wen es geht, Hoffenheim sucht den Fight mit offenem Visier, mit einem Höchstmaß an Vertrauen in das eigene Tun.
Ilzer mag intern bekannt sein für markigen Sprüche, auch dafür, dass ihm keine Charakteranalogie zu blöde ist (Stichwort: Chili-Schoten und Sexspielzeug), vor allem aber ist er ein Meister darin, eine Mannschaft zu führen, die sich ganz auf sich selbst besinnt.
Das sollte der Klub auch wieder tun.
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ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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