Der VAR sorgt in der Bundesliga für hitzige Diskussionen - Der LIGAstheniker über den Hass auf den Videoschiedsrichter

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Der Videoschiedsrichter stand am 10. Spieltag der Bundesliga mal wieder ganz groß im Fokus. Gleich in mehreren Spielen sorgte der VAR teilweise für hitzige Diskussionen im Nachgang - obwohl er für das Gegenteil sorgen sollte. Der LIGAstheniker ordnet die aktuell schwierige Position des Videobeweises im Fußball ein und klärt das große MissVARständis auf. Eine Glosse von Thilo Komma-Pöllath.

Polanski und Kwasniok mit scharfer VAR-Kritik nach Derby

Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und -freunde,
ist es nicht total frappant, dass eine Gerechtigkeitsinnovation wie der Video Assistant Referee, den wir als Akronym "VAR" kennen, soviel Wut und Hass erzeugt? Der 10. Spieltag der Bundesliga hat das Problem mit dem "fünften" Schiedsrichter noch einmal wie in Zeitlupe vor Augen geführt.
Aber was heißt schon Problem, es ist wohl viel mehr ein einziges Missverständnis. "Ich hasse ihn, er verfälscht alles", sagte Kölns Trainer Lukas Kwasniok nach dem verlorenen Rhein-Derby, was schon deshalb kurios ist, weil dem VAR in dem Spiel – im Gegensatz zu Schiedsrichter Deniz Aytekin - gar kein Fehler unterlaufen war.
Im Gegenteil: Der Videoschiedsrichter bügelte die Fehler des eigentlich Unparteiischen aus, sorgte für mehr Gerechtigkeit, das war einmal die Grundidee hinter der VAR-Einführung.
Man könnte sagen: Endlich funktioniert der VAR, prompt ist der "Bundesliga-Hass" ("ntv") auf ihn so groß wie nie zuvor. Wie ist das möglich?
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Lukas Kwasniok ließ seinen Unmut über den VAR freien Lauf

Fotocredit: Getty Images

VAR liegt zweimal richtig, Aytekin dreimal daneben

Vielleicht nochmal der Reihe nach, um es zu verstehen: Endphase erste Halbzeit, Kölns Kristoffer Lund prallt im eigenen Strafraum auf Gladbachs Franck Honorat, der danach zu Boden geht. Aus der Schiedsrichter-Cam sehen wir, dass Deniz Aytekin einen klaren Blick auf das Unfallgeschehen hat. Er lässt weiterspielen, bis sich der VAR meldet.
Auf den Videobildern sieht es dann wie ein Foul aus, Lund touchiert Honorat aus der vollen Bewegung an den Knien, Aytekin gibt jetzt Strafstoß. Der Elfmeter scheint gerecht, auch wenn Gladbach ihn vergibt. Die zweite Szene in der 60. Minute und wieder ist es Kölns Lund, der den VAR herausfordert. Im Strafraumgewühl bekommt er den Ball an die Hand.
Schiedsrichter Aytekin sieht nichts, das macht er auch gestisch deutlich mit Verweis auf den Pyronebel, der Videoschiedsrichter meldet sich bei ihm und aus den Bildern wird eine "aktive Bewegung der Hand zum Ball" (Aytekin) deutlich, ergo: Handspiel. Wieder gibt Aytekin Elfmeter, diesmal trifft Gladbach.
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Deniz Aytekin wurde vom Videoschiedsrichter umgestimmt

Fotocredit: Imago

Köln profitiert vom VAR und hasst ihn trotzdem

In beiden Fällen liegt der VAR also richtig. Und Aytekin, der eigentliche Unparteiische, liegt noch ein drittes Mal daneben, mit seinem Elfmeterpfiff für Köln in der Schlussphase. Das bisschen Berührung von Lukas Ullrich gegen Kölns Ragnar Ache ist nie und nimmer ein Strafstoß, Aytekin gibt ihn trotzdem.
Nun könnte man sagen, der einzige Fehler des VAR an diesem Abend in Gladbach war, dass er hier nicht eingegriffen hat, um einen weiteren Fehler des Unparteiischen zu korrigieren. Die Ironie des Spiels ist aber eine ganz andere: der VAR schenkt Köln ein Tor, weil er nicht eingreift, die Kölner aber fühlen sich vom VAR verschaukelt. "Ich hasse ihn", sagt Kwasniok. Aber warum?

Kwasniok, Baumgart & Co. und der VAR-Fluch

Ganz ähnlich die Gefühlslage bei Union gegen Bayern. Ilyas Ansah erzielt in der 9. Minute das 1:0 für die Berliner. Der VAR schaltet sich ein, an der kalibrierten Linie wird erkennbar, dass er hauchdünn im Abseits steht, Schiedsrichter Florian Exner nimmt das Tor, das er aus eigener Anschauung gegeben hat, nun wieder zurück.
Wieder liegt der VAR richtig, aber was macht Unions Trainer Steffen Baumgart: Er versteht die Welt nicht mehr. Als die Berliner kurz danach wirklich mit 1:0 in Führung gehen, macht er provozierend mit beiden Händen das Zeichen für den Videoschiedsrichter als könne er gar nicht glauben, dass man ihnen diesmal das Tor gar nicht wegnehmen wolle. Die Trainer der Liga, das wird immer deutlicher, fühlen sich von einer fremden Macht namens VAR bedroht.
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Steffen Baumgart tobte nach der Abseitsentscheidung

Fotocredit: Getty Images

Warum nicht VAR in der Tennis-Logik?

Wie ist diese Wut und der Hass auf den Videoschiedsrichter zu erklären, wenn der doch richtig liegt? Klar, würde er vor allem falsche Ergebnisse und Ungerechtigkeiten provozieren, könnte man sagen, wir lassen es wieder. Aber so? Mehr und mehr dämmert es den Protagonisten des Spiels, dass der Videoschiedsrichter, so wie er bisher eingesetzt wird, ein grundsätzliches Missverständnis ist für dieses Spiel namens Fußball.
Solange der VAR sich von außen in nicht völlig transparenter Beliebigkeit in das Spiel einschalten darf, fühlen sich die Betroffenen benachteiligt, ganz egal ob der VAR richtig liegt mit seiner Entscheidung oder nicht. Völlig anders wäre es, wenn die Teams – analog zum Hawk-Eye beim Tennis -  , sagen wir, drei Mal pro Halbzeit autonom strittige Entscheidungen des Schiedsrichters durch den VAR überprüfen lassen könnten.
Der entscheidende Unterschied: Die Entscheidung für den VAR-Einsatz käme von Kwasniok oder Baumgart selbst, man würde ihnen das Gefühl zurückgeben, die Geschicke des Spiels wieder selbst in der Hand zu haben. Ein Gefühl, das auch der Schiedsrichter auf dem Platz schon lange nicht mehr hat.

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Baumgart nach Duell mit Bayern begeistert: "Geiles Bundesligaspiel"

Quelle: Perform


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