Der LIGAstheniker: Vorbild FC Heidenheim - so ein Klub, so ein Trainer wie Frank Schmidt darf nicht absteigen!

Echte Emotionen statt kalte Professionalisierung: Dafür steht der 1. FC Heidenheim zusammen mit seinem Trainer Frank Schmidt wie kaum ein anderer Verein. Der LIGAstheniker begeistert sich in seiner Glosse für die Underdogs, die im Abstiegskampf nicht aufgeben und nach jedem Strohhalm greifen. Bis zuletzt bleibt die Hoffnung auf ein Wunder im Kampf um den Klassenerhalt - so wie im letzten Jahr.

Heidenheim-Trainer Schmidt stellt Abschiedsgerüchte klar

Quelle: SID

Liebe Fußballfreundinnen und -freunde,
ich will ganz ehrlich sein, aber so wirklich berührend ist das ewige gleiche Spiel um drei Punkte, Woche für Woche, für mich als neutraler Beobachter nur noch selten.
Alles einen Tacken zu Ergebnisgetrieben, zu cool performt. Das hat jede Professionalisierung so an sich, lassen sie den Geburtstag ihrer Kinder mal von einer Agentur planen, dann wissen Sie, was ich meine.
Und dann sehe ich wie die Fans in Heidenheim nach dem Spiel gegen St. Pauli den Namen von Eren Dinkci rufen, immer wieder, sodass Dinkci gar nicht weiß wie ihm geschieht. Wie er sich mit der Hand auf die Brust klopft, dort, wo er sein Herz vermutet, das Herz für seine Fans, die ihm wiederum ihres buchstäblich zu Tausenden ausschütten. Und je länger die Fans rufen und seine Augen ganz gläsern werden, desto klarer wird, dass sie ihn nicht für sein Tor feiern, sondern ihm Mut zurufen wollen für einen viel größeren Kampf als den Abstiegskampf seines Klubs.
Für den Kampf seiner Freundin gegen den Krebs, den er gerade öffentlich gemacht hat. Die Atmosphäre im Stadion muss überwältigend gewesen sein, wenn sogar ich im fernen München sie spüren konnte - Gänsehaut!
 

Heidenheim: Underdog trotzt dem Naturgesetz

Der 1. Fußballclub Heidenheim hat schon länger mein Herz berührt, das hat mit ihrer Underdog-Situation zu tun, mit der sie sich seit ihrem Aufstieg 2023 in die erste Liga gegen ein Naturgesetz stemmen.
Dieses eben nur scheinbare Naturgesetz besagt, dass Provinzklubs wie Heidenheim in der ersten deutschen Profiliga nichts zu suchen haben, weil alles an ihnen zu klein ist - das Budget, das Stadion, die Zahl seiner Nationalspieler.
picture

Fußball: Der FC Heidenheim jubelt über den Heimsieg in der Bundesliga im Abstiegskampf

Fotocredit: Imago

Selbst die Liga macht keinen Hehl daraus, dass man statt Heidenheim – aus Vermarktungsgründen – lieber Schalke, Kaiserslautern oder Nürnberg dort sehen würde. Da hat die DFL die Bilanz ohne Heidenheim gemacht. Oder sagen wir: Frank Schmidt.
Jedenfalls auf der Trainerposition ist der ostwürttembergische Miniklub mit einem Riesen bestückt, das hat sich herumgesprochen, in der kommenden und wohl letzten Spielzeit wird Schmidt seinen Klub 20 Jahre am Stück betreut haben. Das ist im Profibereich, da haben wir ihn wieder, ein Rekord für die Ewigkeit.
picture

Fußball: Trainer Frank Schmidt will den 1. FC Heidenheim in der Bundsliga halten

Fotocredit: Getty Images

Frank Schmidt weiß um den Klassenerhalt

Das, was Schmidt in Heidenheim geschaffen hat, nennen wir es sein Lebenswerk, das konnte man am Wochenende im ersten Endspiel um den Klassenerhalt gegen St. Pauli ganz ohne Filter beobachten. Die Ausgangslage war eindeutig: Wenn Heidenheim verliert, ist Heidenheim abgestiegen. In solchen Druckmomenten zerbrechen viele Teams, nicht so Heidenheim.
St. Pauli hätte seine Rettung klarmachen können, aber von Pauli kam nix. Haben Sie gesehen wie Frank Schmidt das früh reingestocherte 1:0 durch Budu Zivzivadze gefeiert hat? So faustet nur ein Trainer, der nicht nur glaubt, sondern der weiß, dass man die Liga halten kann. Und welcher Absteiger ist bitte so gedankenschnell wie Heidenheim beim 2:0? Wie Torhüter Diant Ramaj mit einem langen Abschlag Paulis Abwehrkette düpiert und mustergültig Offensivmann Dinkci bedient, der dann auch noch den Torhüter austanzt?
Nochmal: In so einem Spiel, der zweiten Liga näher als der ersten? Woher nehmen Sie die Überzeugung?

Heidenheim ist ein Muster an Gemeinsinn

Erinnern wir uns an die letzte Spielzeit: Heidenheim war abgeschrieben, dann holten sie in der letzten Phase vier Siege, retteten sich auf Platz 16 und entscheiden die Relegation gegen Elversberg in der 5. Minute der Nachspielzeit für sich.
picture

Riesenjubel beim 1. FC Heidenheim nach dem Siegtor in Elversberg

Fotocredit: Getty Images

Das ist auch diesmal möglich nach den Siegen gegen Union und Pauli und vor den Spielen in Köln und gegen Mainz. Wahrscheinlich ist es nicht, aber vermutlich geht es darum auch gar nicht in erster Linie. In einer Welt, in der der Hyperindividualismus die Bindungskräfte einer Gesellschaft erodieren lässt, ist Frank Schmidt mit seiner Truppe ein Vorbild an Gemeinsinn, wie die "Eren Dinkci"-Rufe nach dem Pauli-Spiel bewiesen.
Ein Klub zeigt auf und abseits des Spielfeldes, was möglich ist, wenn wirklich alle füreinander da sind. Diese "großartige Sozialkompetenz", wie es der "ZDF"-Reporter Martin Quast in seinem Kommentar völlig richtig nannte, ist größer und berührender als jeder Klassenerhalt.           

Kommentare bei Eurosport.de geben stets ausschließlich die Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion.

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

picture

War der Platz nass oder nicht? Kuriose Debatte nach Derby in Köln

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung