Philipp Lienhart vom SC Freiburg im exklusiven Interview: Infantinos WM-Pläne? "Es ist Wahnsinn, was da passiert"

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Philipp Lienhart wechselte 2017 zum SC Freiburg und entwickelte sich im Breisgau zu einer festen Größe. Mit dem SCF ging es in der vergangenen Saison bis ins Finale der Europa League, zudem feierte der Österreicher sein WM-Debüt. Im Interview spricht Lienhart unter anderem über seine Erfahrungen in den USA - und erklärt seine Sicht auf die etlichen Kontroversen rund um das Turnier und die FIFA.

Philipp Lienhart kam bei der WM für Österreich zum Einsatz

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Philipp Lienhart wechselte kurz vor seinem 21. Geburtstag als verheißungsvoller Youngster von Real Madrid zum SC Freiburg und avancierte schnell zu einer festen Größe in der Hintermannschaft der Breisgauer.
Das war 2017 - neun Jahre später trägt er noch immer das Trikot des SCF, der sich in der Zwischenzeit nicht nur in der Bundesliga, sondern auch auf internationalem Parkett eindrucksvoll etabliert hat.
Im exklusiven Interview mit Eurosport spricht Lienhart über seine Entwicklung unter Trainer Christian Streich, das Erfolgsrezept der Freiburger und sein persönliches Highlight-Jahr 2026, das nicht nur den Einzug ins Finale der Europa League, sondern zusätzlich die erste Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft mit Österreich für ihn bereithielt.
In diesem Zusammenhang äußert sich Lienhart auch über die zahlreichen Kontroversen, die sich rund um das Turnier ergaben - und hält ein Plädoyer gegen eine zunehmende Ausgrenzung im Fußball.
Philipp, ehe wir den Blick nach vorne richten – nehmen Sie uns doch bitte einmal mit in die abgelaufene Saison. Wie sieht Ihre Gefühlswelt aus, wenn Sie an die Spielzeit 2025/26 denken?
Philipp Lienhart: Wir hatten einen extrem schwierigen Saisonstart, sind aber als Mannschaft am Ende hervorragend zurückgekommen. Wir haben das Europa-League-Finale erreicht und standen im DFB-Pokal-Halbfinale, außerdem haben wir uns für die Conference-League-Playoffs qualifiziert. Insgesamt war es eine sehr gelungene Saison mit vielen schönen Spielen.
Das Ergebnis des Europa-League-Finals (0:3 gegen Aston Villa) war aus Ihrer Sicht weniger schön. Wie blicken Sie mit etwas Abstand auf das Endspiel?
Lienhart: Wir sind Sportler, natürlich wollten wir das Finale in Istanbul gewinnen. Das haben wir nicht geschafft – und darüber sind wir enttäuscht. Aber der Weg dahin, die unglaublichen Spiele, die wir erlebt haben, die werden in bester Erinnerung bleiben.
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Es sollte nicht sein: Philipp Lienhart und die Europa-League-Trophäe

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Der SC mutet stets ein wenig an wie das Gallische Dorf der Bundesliga – ein Klub, der mit verhältnismäßig geringen finanziellen Mitteln immer wieder die Großen ärgert. Wie gelingt das?  
Lienhart:
Der Verein macht einfach keine verrückten Dinge. Freiburg macht jedes Jahr einen Schritt nach vorne, ohne dabei abzuheben.
Der Verein wird sehr gesund geführt, die Fans spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, auch die heben nicht ab. Die gute Arbeit möchten wir fortführen.
Sie gehen jetzt in Ihre neunte Saison beim SC. Keine Selbstverständlichkeit im modernen Fußball. Warum hat Sie der Breisgau seit Ihrem Wechsel aus Madrid nicht losgelassen?
Lienhart: Es hat hier immer Spaß gemacht. Man hört immer mal wieder von Spielern, dass sie "den nächsten Schritt" machen wollen. Wir haben diesen nächsten Schritt hier in Freiburg gemeinsam gemacht. Wir haben ein neues Stadion, standen seit meiner Ankunft im DFB-Pokal-Finale (2022, d. Red.), im Europa-League-Finale und haben in den vergangenen fünf Jahren viermal international gespielt. Für mich bestand nie die Notwendigkeit, den Verein verlassen zu müssen, um auf ein neues Level zu kommen. Ich habe das hier geschafft.
Sie sind im vergangenen Monat 30 geworden – inwiefern reift mit zunehmendem Alter der Wunsch, doch nochmal ein neues Abenteuer zu wagen?
Lienhart: Das ist eine Entscheidung, die man eines Tages treffen muss. Mal schauen, wohin der Weg mich führt. Es ist durchaus denkbar, dass ich mir irgendwann etwas Anderes vorstellen kann. Aber ich bin lange hier, ich fühle mich weiterhin wohl, meine Familie fühlt sich wohl. Bei einem möglichen Wechsel müsste deshalb das Gesamtpaket sehr reizvoll sein und für alle Seiten passen.

Lienhart: USA? "Wahnsinn, was sie dort hingebaut haben"

Apropos Abenteuer – das Jahr 2026 hielt nicht nur das Europa-League-Finale für Sie bereit, sondern auch Ihre erste WM-Teilnahme. Welche Eindrücke haben Sie aus den USA mitgebracht?
Lienhart: Viele Emotionen, unglaubliche Stadien – es ist ein Wahnsinn, was sie dort hingebaut haben. Generell Österreich bei einer WM vertreten zu dürfen, war ein erfüllter Lebenstraum. Die Erinnerungen haben sich für immer in meinen Kopf eingebrannt.
Wie ordnen Sie das Turnier aus Sicht des ÖFB sportlich ein?
Lienhart: Wir waren seit 28 Jahren erstmals wieder mit dabei, die Sehnsucht der Österreicherinnen und Österreicher war also enorm. Wir hatten mit Jordanien, Argentinien und Algerien keine einfache Gruppe, aber haben sie – dank des Last-Minute-Tors von Sasa Kalajdzic zum 3:3 gegen Algerien – überstanden. So etwas habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Uns für die K.o-Runde zu qualifizieren, war ein wichtiger Schritt und natürlich haben wir davon geträumt, noch mehr zu erreichen. Aber dann hat mit Spanien (0:3 im Sechzehntelfinale, d. Red.) der spätere Weltmeister gewartet und die Überraschung ist leider ausgeblieben.
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Philipp Lienhart nahm erstmals an einer WM teil

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… und wie bewerten Sie die WM aus persönlicher Sicht?
Lienhart: Ich habe zwei Spiele über 90 Minuten gemacht und in zwei Spielen nicht gespielt. In der WM-Qualifikation habe ich fast jedes Spiel bestritten und natürlich erhofft man sich als Sportler, auch bei der Weltmeisterschaft so häufig wie möglich eingesetzt zu werden. Ich hätte gerne gegen Argentinien und Spanien gespielt, das war leider nicht der Fall. Gerade bei einem solchen Turnier ist es aber wichtig, dass man sich unterordnet – ich habe dann eben versucht, von draußen meinen Teil beizutragen.
Sie haben die Österreicherinnen und Österreicher, die 28 Jahre auf ÖFB-Spiele bei einer WM verzichten mussten, angesprochen – wie habt Ihr die Stimmung in der Heimat aus der Ferne miterlebt?
Lienhart: Zwei der drei Gruppenspiele (Jordanien 6:00 Uhr, Algerien 4:00 Uhr, Anm. d. Red.) fanden für die Fans in der Heimat eigentlich zur Unzeit statt. Über die Sozialen Medien haben wir mitbekommen, dass die Leute trotzdem auf öffentlichen Plätzen zusammen geschaut haben. Unser Trainer hat uns beispielsweise ein Video gezeigt, in dem zu sehen war, dass einige Schulen extra früher geöffnet hatten – es wurde in der Sporthalle geschaut und zusammen gefrühstückt. Wenn man so etwas sieht, merkt man, wie groß das Ganze ist und wie viele Leute man begeistert. Aber man realisiert auch, dass es ein großes Privileg ist, sein Land bei einem solchen Turnier vertreten zu dürfen.
Insgesamt fiel es bei dieser WM dennoch schwer, die Nebengeräusche und Skandale auszublenden. Einreiseverbot für den Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia, die iranische Mannschaft schikaniert und die Begnadigung von US-Nationalspieler Folarin Balogun.  Wie haben Sie das Ganze als Spieler wahrgenommen?
Lienhart: Ich habe das meiste davon über die Nachrichten mitbekommen. Dass einem Schiedsrichter, der eigentlich bei dem Turnier hätte pfeifen sollen, nur wegen seiner Nationalität die Einreise verweigert wird, darf einfach nicht passieren. Auch die Situation rund um die iranische Nationalmannschaft, die sich immer nur für ein paar Stunden in den USA aufhalten durfte, war misslich.
Fußball steht für Offenheit und Zusammenhalt. Jeder sollte mitspielen dürfen – und wenn einzelne Akteure dann benachteiligt werden, dann ist das nicht gut.
Wie schwer fällt es, derartige Geschichten auszublenden?
Lienhart: Man fokussiert sich grundsätzlich auf die eigene Leistung und will das Bestmögliche erreichen. Das ist schon schwierig genug. Aber man wird dennoch mit diesen Themen konfrontiert – zum Beispiel in Interviews. Und dann macht man sich schon seine Gedanken.

Lienhart über Infantinos Pläne: "Wirklich Wahnsinn"

Nach der WM folgte der nächste Eklat – FIFA-Boss Gianni Infantino plante mit dem Verkauf von Anteilen an der Weltmeisterschaft den nächsten großen Schritt in Richtung einer vollumfänglichen Kommerzialisierung des Fußballs. Was waren Ihre Gedanken dazu?
Lienhart: Es ist unglaublich, es ist wirklich Wahnsinn, was da passiert. Es fällt mir tatsächlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich bin aber froh, dass die UEFA und einige andere Verbände dem entschieden entgegengetreten sind. Wir werden sehen, wie es weitergeht.
Ihr ehemaliger Trainer Christian Streich sprach in diesem Zusammenhang von ”mafiösen Strukturen” - ein vernichtendes Urteil über den Weltverband. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit der Fußball seine Seele nicht komplett verliert?
Lienhart: Das ist eine gute Frage. Der erste richtige und wichtige Schritt war, dass die drei großen Verbände dagegengehalten haben. Der Fußball gehört uns allen. Es ist völlig egal, welche Herkunft oder Religion jemand hat. Und es sollte großer Wert daraufgelegt werden, diesen Punkt nicht zu vergessen. Nur dann können wir die Menschen wieder mitnehmen.  
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Christian Streich und Philipp Lienhart

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Sie haben viele Jahre unter Streich trainiert, er galt immer als jemand, der über den viel zitierten Tellerrand schaut und auch gesellschaftliche Themen beleuchtet. Färbt solch eine Eigenschaft auf einen jungen Spieler ab?
Lienhart: Ich habe viel von ihm mitgenommen. Nicht nur Dinge, die den Fußball betreffen. Es gab Besprechungen, die sich um andere Themen gedreht haben. Auch in einigen Pressekonferenzen hat er Probleme angesprochen, ohne Angst vor irgendwelchen Folgen zu haben. Er hat sehr gute Ansichten und mir viele wichtige Werte vermittelt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Christian Streich ist einer der Gründe, warum ich so lange hiergeblieben bin. Er ist menschlich einfach top.
Ihr aktueller Coach Julian Schuster sagte im April dieses Jahres, dass sehr viel von Christian Streich auch in ihm stecke. Wie äußert sich das konkret?
Lienhart: Julian hat lange unter Christian Streich gespielt – das merkt man. Die Detailverliebtheit eint die beiden. Auch in puncto Wertevorstellungen gibt es Parallelen. Julian lebt ebenfalls Demut vor und hat einen ganz ähnlichen Blick auf den Fußball.
Sie standen selbst noch gemeinsam mit Schuster auf dem Platz. Was unterscheidet den Trainer von dem Spieler Julian Schuster?
Lienhart: Gar nicht viel. Er war schon auf dem Spielfeld ein Stratege und hatte die Gabe zu erkennen, was ein Spiel benötigt. Er hilft, dass er selbst viele Jahre Profifußballer war. Dadurch kann er sich besser in seine Spieler hineindenken. Das hilft uns sehr.

Lienhart: "Fakt ist: Wir müssen uns nicht verstecken"

Wir sind mit der vergangenen Saison in dieses Interview eingestiegen – den Abschluss macht ein Blick auf die kommende Spielzeit. Wohin soll die Reise gehen?
Lienhart: Erstmal sollten wir einen besseren Start erwischen als in der Vorsaison. Wir sind als SC Freiburg immer gut damit gefahren, ruhig zu arbeiten und keine großen Reden zu schwingen. Fakt ist aber auch, dass wir uns aufgrund der Leistungen in den vergangenen Jahren nicht mehr verstecken müssen. Wir haben eine hohe Qualität im Kader und wenn es optimal läuft, ist das internationale Geschäft wieder für uns möglich.
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Quelle: Perform


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