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Real Madrid - PSG - Taktik-Check: 3 Gründe für Reals Krise

Taktik-Check: 3 Gründe für Reals Krise - und jetzt kommt PSG

14/02/2018 um 11:05Aktualisiert 14/02/2018 um 18:57

Angesichts des riesigen Rückstandes in der Liga ist die Königsklasse der einzige Titel, den Real Madrid in dieser Saison holen könnte. Aktuell deutet jedoch wenig darauf hin, dass der Titelverteidiger ein ernsthafter Kandidat auf den Triumph ist. Vor dem Achtelfinalkracher gegen Paris (ab 20:45 Uhr im Liveticker) blickt Eurosport.de auf die taktischen Probleme der Königlichen.

1. Keine Mittel gegen Mauertaktik

Real hatte im Laufe der Saison, vor allem aber in den ersten Wochen des noch jungen Jahres 2018, große Probleme mit dem Ausspielen defensiv eingestellter Gegner. In den vergangenen Spielzeiten versuchten es noch viele Teams mit gezielten Pressingattacken auf die Königlichen.

Diese wurden dann durch das Zurückfallen von Toni Kroos und Luka Modric ausgehebelt, vorne gab es dadurch größere Räume für Schnellangriffe über die athletisch klar überlegenen Offensivspieler.

Mittlerweile verlegen sich die meisten Gegner jedoch lediglich auf das Verteidigen der eigenen Hälfte. Die Innenverteidiger werden nicht angelaufen, man schließt lieber die Passwege ins Zentrum. So wird Reals größte Schwäche aufgedeckt: Im 4-3-3 spielt der Brasilianer Casemiro als zentraler Sechser, Kroos und Modric auf den Halbpositionen neben ihm.

Um die spielschwachen Innenverteidiger im Spielaufbau zu entlasten, fällt Kroos oftmals in den Raum zwischen dem Linksverteidiger und dem Innenverteidiger zurück und holt sich dort die Bälle ab. Modric hingegen praktiziert dies auf der halbrechten Seite.

Die Folge: Real ist im Spielaufbau sehr breit gestaffelt, das Zentrum wird in vielen Szenen ausschließlich von Casemiro besetzt – der will den Ball im Idealfall aber gar nicht bekommen. Der Sechser ist kein Spieler, der sich gut im Rücken der gegnerischen Stürmer positioniert, Bälle dort fordert und nach einer Drehung das Spiel ankurbelt.

Dementsprechend oft spielt Real nach halblinks auf den zurückgefallenen Kroos, der jedoch keine Passoption im Zentrum vorfindet. Weil die Gegner den offensichtlichen Pass nach vorne natürlich zustellen, muss er abbrechen und verlagern. Modric steht auf der anderen Seite aber meistens vor dem gleichen Problem.

Real braucht dadurch sehr viel Zeit, um mit dem Ball in gefährliche Zonen zu kommen. Gelingt einem der Aufbauspieler doch einmal ein Pass ins Angriffsdrittel, stehen die drei Stürmer dort allein auf weiter Flur – lediglich die Außenverteidiger kommen zur Unterstützung, da die Mittelfeldspieler ja alle tief stehen.

Aufgrund der individuellen Klasse der einzelnen Akteure kommt man zwar immer wieder zu Torchancen, gegen einen ähnlich stark besetzten Gegner wie Paris wird das aber nicht so einfach funktionieren.

2. Einladungen zum Konter und lahmes Pressing

Auch gegen den Ball drückt der königliche Schuh: Aufgrund der in Ballbesitz sehr gestreckten Staffelung sind die Abstände nach Ballverlust zu groß, um direkt ins Gegenpressing zu kommen. Der Gegner findet also große Räume vor und kann gefährlich kontern. Gegen eine Offensive mit Neymar, Mbappé und Cavani kann das extrem gefährlich werden.

Die größte Schwäche im Defensivspiel ist jedoch das Pressing. Schon in den Vorjahren hat es Zidane nicht geschafft, seine Offensivspieler von der Arbeit gegen den Ball zu überzeugen. Cristiano Ronaldo bleibt stehen, Gareth Bale braucht beim Starten des Pressings zu lange und Karim Benzema weiß beim Anlaufen des Gegners mangels Unterstützung gar nicht, wo er anfangen soll.

In den letzten Jahren wurde dieses Problem kaschiert, ja sogar zur großen Stärke gemacht. Die Gegner witterten ihre Chancen im Ballbesitzspiel und überspielten Reals drei Offensivspieler einfach, um anschließend gegen lediglich sieben defensiv denkende Spieler anzugreifen. Die Kehrseite der Medaille: Nach Ballverlusten konnten Reals Einzelkönner in direkte Duelle auf großem Raum geschickt werden – das verteidigt man gegen diese Spieler nur in sehr wenigen Fällen erfolgreich.

Doch auch hier hat ein Umdenken stattgefunden. Die Gegner lassen sich nicht mehr von der mangelnden Defensivarbeit der Real-Stürmer locken, sondern greifen mit weniger Spielern an. Die individuelle Unterlegenheit gegen das Tempo von Ronaldo und Co. wird also durch Überzahl ausgeglichen.

3. Keine Impulse von der Bank

Ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Grund für die schwache Saison der Madrilenen ist der fehlende Input von außen – sowohl in personeller als auch in taktischer Hinsicht. Mit James Rodriguez und Alvaro Morata wurden zwei Offensivspieler von internationalem Spitzenformat abgegeben, Pepe fehlt zudem als stabile Alternative für die Innenverteidigung.

Diese Spieler fehlen als Einwechseloptionen und als Rotationsspieler an allen Ecken und Enden – entweder bekommt die stärkste Elf zu viele Minuten oder man senkt bei Wechseln klar die Qualität.

Zidane zeichnete sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit vor allem durch die gute Führung der mit Weltstars gespickten Mannschaft aus – große taktische Umstellungen brauchte er nicht.

Nun haben sich viele Gegner aber etwas gegen die Madrilenen ausgedacht, von Zidane kommen aber während der Spieler kaum einmal Anweisungen. Seine Wechsel sind fast immer positionsgetreu, Anpassungen an die Schwachstellen des Gegners sucht man vergeblich.

Eurosport-Check:

Die letzten Jahre waren aus taktischer Sicht keinesfalls überragend, trotzdem sorgte die nahezu perfekte Einbindung der individuellen Qualität für den maximalen Erfolg. Jetzt haben sich die meisten Gegner auf Real eingestellt, kaum einer läuft noch ins offene Messer. Um gegen gut organisierte und im Umschaltspiel starke Gegner wieder regelmäßig zu siegen, brauchen die Königlichen neue Lösungen, denn selbst gegen klar schwächer besetze Teams tat man sich sehr schwer.

Damit die ganz großen Ziele erreicht werden können, muss man jedoch auch Mannschaften, die sowohl im kollektiv als auch individuell sehr stark sind, schlagen zu können. Zidane muss nun liefern, denn Real muss sich ein Stück weit neu erfinden – mit ihm als Trainer oder bald ohne ihn.

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