Torwart-Legende Jean-Marie Pfaff vor Belgien-Duell in der Champions League: Darum ist Vincent Kompany ein Geschenk

Er war Welttorhüter, Publikumsliebling und ist bis heute eng mit dem FC Bayern München verbunden: Jean-Marie Pfaff spricht vor dem Duell in der Champions League gegen die Belgier von Union Saint-Gilloise über sein Leben, seine besondere Beziehung zu Klub und Stadt, den Wert von Rückschlägen - und warum er seinen Landsmann Vincent Kompany als Trainer des FCB für ein Geschenk hält.

Kompany zum Musiala-Comeback: "Wir sind nur drei Tage weiter"

Quelle: Perform

Wenn Jean-Marie Pfaff an München denkt, braucht es nicht viel, um Erinnerungen wachzurufen. Manchmal reicht ein Lied.
"Jean-Maaaarie, JEAN-MARIE!", singt er spontan am Telefon, als er mit Eurosport.de spricht. Die Gesänge aus der Kurve klingen ihm auch vier Jahrzehnte später noch im Ohr.
Man hört sofort: Pfaff erzählt viel, schnell, leidenschaftlich, manchmal überschlagen sich die Gedanken. "Ich bin noch immer voll dabei", sagt der 72-Jährige und lacht. Die Verbindung zwischen dem legendären Torhüter und dem FC Bayern ist nie abgerissen.
Vor dem Duell seines ehemaligen Vereins mit dem belgischen Meister Union Saint-Gilloise (Mittwoch, 21:00 Uhr im Liveticker) richtet sich sein Blick aber nicht nur zurück, sondern bewusst nach vorn.
picture

Jean-Marie Pfaff zu Gast beim FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

München: Mehr als Erinnerung

Pfaff verfolgt den FC Bayern genau und findet klare Worte zur Gegenwart. Vincent Kompany halte er für einen sehr klugen Trainer. "Kompany ist ein Geschenk. Er ist intelligent, vorbereitet und weiß genau, was er will", sagt Pfaff. Einer, der den Fußball verstehe, "aber vor allem die Kabine". Der Trainer gebe die Richtung vor, erklärt er, "aber die Mannschaft muss es tragen". Entwicklung brauche Zeit, auch beim FC Bayern. "Ich sehe, dass da etwas wächst", sagt Pfaff. "Jeder weiß, was er zu tun hat auf dem Rasen."
Seine Liebe zum FCB ist bei Pfaff immer noch spürbar. Sein Stadion war und bleibt zwar das Olympiastadion und nicht unbedingt die Allianz Arena, aber wer will es ihm verdenken. Letztlich bleibt, dass sich jeder Besuch in München für ihn wie ein Heimkommen anfühlt.
picture

Jean-Marie Pfaff im Tor des FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

In Belgien, in seinem Haus, spielt sich sein Leben ansonsten ab. Pfaff kümmert sich vor allem um seine Familie. Nach einer schweren Krankheit braucht seine Frau Carmen Unterstützung. Er gibt sie zurück, so wie sie es zu seiner aktiven Fußball-Zeit getan hat. "Ein guter Tag kostet kein Geld", lautet einer ihrer Leitsätze, den Jean-Marie Pfaff für sich übernommen hat.

Familie als Konstante - damals wie heute

Familie ging für ihn immer vor. Sie ist sein sicherer Hafen. Während der Karriere genauso wie danach. Als Vater von drei erwachsenen Töchtern und als Großvater, der nachts ans Telefon geht und seine Enkel aus der Disco abholt, wächst er über sich hinaus. "Dafür ist man Familie", sagt er schlicht.
Die Bodenständigkeit hat ihn nie verlassen. Vielleicht, weil sein Weg so außergewöhnlich war. Pfaff spielte zunächst in Beveren, einem kleinen Ort in Belgien, fernab der großen Fußballbühnen. Und doch führte ihn der Sport bis ganz nach oben: belgischer Meister, Pokalsieger, Nationaltorhüter - und schließlich Welttorhüter. Der Wechsel nach München im Jahr 1982 als Nachfolger des großen Sepp Maier war für ihn der Schritt in eine andere Welt.
Er erinnert sich noch gut daran, wie er früher auf dem Weg in den Ski-Urlaub am Olympiastadion vorbeigefahren ist. "Und plötzlich spielst du selbst dort", sagt er. Sechs Jahre lang, getragen von Fans, denen er sich immer verpflichtet fühlte. "Ich habe mir immer Zeit genommen", sagt Pfaff. "Für Autogramme, für Gespräche. Die Fans waren wichtig."
picture

Jean-Marie Pfaff ist noch immer tief mit dem FC Bayern verwurzelt

Fotocredit: Getty Images

Ein Rückschlag, der alles veränderte

Der Start beim FC Bayern allerdings war holprig und wurde zum Sinnbild seiner Persönlichkeit. Gleich bei seinem Bundesliga-Debüt kassierte Pfaff ein kurioses Gegentor nach einem weiten Einwurf von Uwe Reinders. Ein Moment, der hängen blieb. "Das vergisst du nicht", sagt Pfaff. Und einer, der ihn nicht gebrochen hat, sondern geprägt. Pfaff stellte sich, versteckte sich nicht, blieb offen. Genau das spürten die Fans. Aus einem Rückschlag wurde Nähe, aus einem Fehler Vertrauen. Pfaff arbeitete, trainierte, hielt und wurde Publikumsliebling. "Du musst zeigen, dass du da bist", sagt er. "Dann nehmen sie dich auch an."
Mit den Münchnern gewann er drei Meisterschaften, wobei es im Finale des Pokals der europäischen Meistervereine 1987 gegen den FC Porto leider nicht zum Titel reichte. Bei der WM 1986 hatte sich Pfaff aber zuvor schon unsterblich gemacht, nachdem er zunächst im Viertelfinale die spanischen Hoffnungen im Elfmeterschießen zerstört hatte und im Anschluss auf Argentinien und Diego Maradona traf. Trotz der Niederlage kehrten die Belgier als Helden zurück.
Pfaff erhielt in Mexiko aber auch einen neuen Spitznamen, wegen seines sympathischen Lächelns wurde er "El Simpático" genannt. 1988 verließ er die Bayern wieder und ließ seine Karriere bei Lierse und Trabzonspor ausklingen, ehe er mit 36 Jahren die Fußballschuhe endgültig an den Nagel hängte. Nach einigen Versuchen als Trainer sah er sich aufgrund seiner Persönlichkeit aber eher zur Wohltätigkeitsarbeit berufen und übernahm die Hauptrolle in De Pfaffs, einer Reality-Show, die den Star zehn Jahre lang in seiner Villa in der Nähe von Antwerpen begleitete.
picture

Jean-Marie Pfaff (l.) und seine Frau Carmen Seth

Fotocredit: Getty Images

Ein Satz, den er sich immer wieder sagte, war: "Das wird mein Spiel." Vorbereitung war für ihn alles. Fußball, erklärt Pfaff, sei wie die Tour de France: "Du gewinnst sie nicht mit einer guten Woche, sondern mit harter Arbeit über lange Zeit." Rückschläge gehörten dazu. Entscheidend sei, wie man antworte. Genau darin erkennt er bis heute etwas, das den FC Bayern auszeichnet.
Wenn Pfaff über seine Zeit in München spricht, spricht er auch über Menschen. Paul Breitner etwa, fordernd, unbequem, aber einer, der Verantwortung übernommen habe. "Paul war hart, aber ehrlich", sagt Pfaff. Gerd Müller, der trotz all seiner Tore nie den Bezug zu den Menschen verloren habe. "Ganz normal, ganz bodenständig." Und Franz Beckenbauer, natürlich, als Spieler, Trainer, Präsident. Für Pfaff ein Vorbild. "Er hatte diese Ruhe", sagt er. "Du konntest dich auf ihn verlassen."

Wunschfinale Bayern gegen Barcelona

Diese Erfahrungen bestimmen Pfaffs Blick auf den Fußball bis heute. Er ist keiner, der verklärt zurückschaut. Er weiß, dass sich der Sport verändert hat. "Der Fußball ist ein anderes Geschäft", sagt er. Aber manches bleibe gleich. Spiele entschieden sich nicht allein über Namen. "Am Ende geht es darum, wie du als Mannschaft reagierst, wenn es schwierig wird."
Mit dieser Perspektive ordnet er auch Union Saint-Gilloise ein. Einen Klub mit Geschichte, Identität und einem bemerkenswerten Weg zurück in den europäischen Fußball. Ein Verein, der nach einem kompletten Bankrott Spieler aus der zweiten Reihe geholt und ihnen neues Vertrauen gegeben hat. "Die sind mutig", sagt Pfaff. International fehle noch Erfahrung, gerade auf diesem Niveau entscheide oft die Reife. Wer tiefer in die Entwicklung von Union Saint-Gilloise eintauchen möchte, findet dazu übrigens einen ausführlichen Blick im aktuellen 51er-Magazin.
Pfaff selbst wird am Mittwoch in München sein. Er wird die Atmosphäre aufsaugen, zuhören, hinschauen. Einen Wunsch äußert er zum Schluss noch. Ein großes Finale. "FC Bayern gegen Barcelona", sagt er. Dann wird er kurz still und fügt an: "Und am Ende gewinnt der FC Bayern."
picture

"Nicht zurückhaltend": Kompany klärt über Olise auf

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung