Wird Joachim Löw bester Bundestrainer aller Zeiten? Die EM ist eine "Etappe", die WM 2018 das Ziel

Neben der EM 2016 hat Joachim Löw schon das nächste Ziel im Blick. Der Bundestrainer bastelt an einem Team, das den WM-Titel 2018 in Russland verteidigen soll. Die EURO sieht er nur als Etappenziel, um seine Spieler im individuellen Bereich weiter voranzubringen. Geht seine Rechnung auf, könnte Löw der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten werden.

Joachim Löwmit dem WM-Pokal

Fotocredit: Imago

Aus Glasgow berichtet Dirk Adam
Joachim Löw nimmt sich gerne Zeit. Wenn er über seine taktischen Ideen referieren kann, strahlen seine Augen. Dann beantwortet er jede Frage in aller Ausführlichkeit.
Genüsslich philosophiert er über neue Konzepte, Voraussetzungen und Ansätze. Wohin entwickelt sich der Fußball? Welche Anforderungen werden an die Spieler gestellt? Und welche Spieler will der Bundestrainer 2018 bei der WM haben?
Auch bei seinen Ausführungen vor dem Schottland-Spiel im edlen Teamhotel in Glasgow blickt er über den Tellerrand hinaus, wie schon vor der Polen-Partie in Frankfurt oder im großen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zum Start in die Länderspiel-Saison 2015/16.
Denn sein ganz großes Ziel ist nicht das Turnier in Frankreich im nächsten Sommer, sondern jenes in Russland zwei Jahre später. "Wir befinden uns in einem Prozess, der 2016 nicht endet, sondern auf vier Jahre ausgerichtet ist", so Löw.

"Etappenziel" zur "Mission2"

Die Qualifikation sowie die Teilnahme an der Fußball-EM sieht er deshalb als "Etappenziel". Ein wichtiges Unterfangen zwar - zumal seiner Mannschaft mit einem Erfolg gegen Schottland das EM-Ticket kaum noch zu nehmen ist - aber Löw will mehr.
"Wir denken bei allen Planungen schon an die Mission2, die Titelverteidigung", unterstreicht er.
Dazu hat er mit seinem Stab auch den Sommer zur Fortbildung genutzt und in Amerika eifrig über den Tellerrand geschaut.
"Wir haben uns bei der Copa America oder dem Gold Cup umgesehen, wie sich der Fußball entwickelt", erklärt er. "Dauerhaft gesehen muss unsere Idee sein, zu überlegen: Wo soll die Mannschaft 2018 stehen, was soll sie dort für einen Fußball spielen? Die Entwicklung des Spiels war rasant in den vergangen Jahren, sonst wäre ja noch immer Brasilien das Maß aller Dinge. Sie haben das größte Potenzial an individueller Klasse – aber das reicht nicht“, betonte Löw in der "SZ".

Kann Löw Schön übertrumpfen?

Der Bundestrainer möchte nach dem WM-Triumph weiter Geschichte schreiben. Bisher war Helmut Schön der erfolgreichste DFB-Coach aller Zeiten, der die Fußball-WM 1974 sowie die EM 1972 gewann und 1966 Vizeweltmeister sowie 1970 WM-Dritter wurde.
In drei Jahren könnte Löw ihn übertrumpfen, falls er als erster Bundestrainer zum zweiten Mal Weltmeister wird. "Die EM ist ein großes Ziel, aber die Planungen enden nicht mit dem Turnier in Frankreich. Wir schauen jetzt schon, was für die WM-Titelverteidigung gefordert wird."
Auf diesem Weg will Löw gemeinsam mit dem Trainerteam die Fähigkeiten seiner Schützlinge ausreizen. "Sehr wichtig ist weiterhin die Entwicklung der Spieler in ihrer Wahrnehmungs- und Handlungsschnelligkeit. Das ist die Zukunft, dann kann man jedes System spielen und sich Lösungen gegen defensive Mannschaften erarbeiten", unterstreicht der 55-Jährige. Denn er ist sich sicher:
Fortschritte erwartet Löw von seinen Profis besonders, wenn es darum geht, "offensive Lösungen zu finden". Darunter versteht er aber gerade nicht die Rückkehr zum klassischen Mittelstürmer, sondern noch mehr Vielseitigkeit, Flexibilität, Schnelligkeit und technische Qualität. "Keine Brechstange! Das wäre das Schlimmste, was man machen könnte", erklärt er, und gibt folgende Marschroute: "Nicht mit Gewalt vorgehen, sondern das Spiel selbst gestalten."
Ein Prototyp des dafür geeigneten Spielers ist Mario Götze, dessen individuelle Klasse Löw im Nationalteam immer wieder erfolgreich herauskitzelt. "Er ist immens torgefährlich und macht mit einem extrem guten Orientierungssinn die Tore gegen starke Mannschaften", so der Bundestrainer. Damit erfüllt er fast idealtypisch die Anforderung seines Nationaltrainers: "Situationen erkennen, Szenen sehen, schnell entscheiden."

Eine Ära wie Spanien begründen

Götze imponiert Löw besonders, längst nicht erst seit seinem historischen Treffer im WM-Finale gegen Argentinien. Bei seinen Ausführungen über den 23-Jährigen ebenso ins Schwärmen gerät wie bei seinen eigenen Visionen. Denn Spieler wie der Bayern-Stürmer bilden sein Gerüst für die WM 2018.
Neben Führungsspielern wie Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Müller und vielleicht auch Bastian Schweinsteiger (31), dessen erklärtes Karriereziel seine vierte WM-Teilnahme beim Turnier in Russland ist - vorausgesetzt er bleibt gesund.
Löw weiß, dass er mit seinem Team die Möglichkeit besitzt, eine Fußball-Epoche zu prägen, wie es zuletzt nur Spanien gelungen ist, das in vier Jahren drei Turniere gewann, und 2010 Weltmeister sowie 2008 und 2012 Europameister wurde.
Ein Ziel, das Löw nicht alleine hat – auch Führungsspieler wie Jérôme Boateng formulieren offensiv diesen Anspruch: "Wir haben mit dem Potenzial in unserer Mannschaft die Möglichkeit, eine Ära zu begründen, wie das in der Vergangenheit Spanien gelungen ist", so der Bayern-Star im "kicker"-Interview.
Für dieses Ziel benötigt Löw kluge Konzepte und hungrige Spieler. Dann könnte er der beste Bundestrainer aller Zeiten werden und den "Mann mit der Mütze" ablösen. Diesen Anspruch hat Löw, der seinen Vertrag beim DFB in diesem Jahr vorzeitig bis 2018 verlängerte.
Zuvor muss Löw sein Team aber auf das Schottland-Spiel einschwören. Im Hampden Park wird er zum 124. Mal als Bundestrainer an der Linie stehen. Seine Bilanz: 83 Siege, 22 Unentschieden und 18 Niederlagen. Immer mit dem Blick auf das ganz große Ziel - über die EM 2016 hinaus.
Voraussichtliche Aufstellung gegen Schottland (ab 20:45h im Liveticker):
Neuer, Can, Boateng, Hummels, Hector, Schweinsteiger, Kroos, Müller, Gündogan, Özil, Götze
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