EM 2016 - Drei Dinge, die bei Deutschland-Ukraine auffielen: Kroos Boss - bis Schweinsteiger kommt
EM 2016: Toni Kroos spielt sich bei Deutschland gegen Ukraine in den Vordergrund - Bastian Schweinsteiger besorgt mit dem 2:0 den Rest. Mario Götze und Julian Draxler nutzen ihre Chance dagegen nicht. Insgesamt offenbart die Offensive Defensivschwächen. Was uns beim deutschen Auftaktsieg auffiel.
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1.) Kroos der Boss - bis Schweinsteiger kommt
Wer ist hier der Boss, fragten sich viele vor dem Spiel - was in einer recht unnötigen, weil auf dem Feld nicht wirklich wichtigen Kapitänsdebatte gipfelte. Die Binde trug zunächst in Abwesenheit des noch nicht zu hundert Prozent fitten Bastian Schweinsteiger wie erwartet Torwart Manuel Neuer. Zur bossigsten Figur wurde aber Toni Kroos, der als zentraler Spieler vor der Abwehr nahezu jeden deutschen Angriff aufbaute.
Mit Leichtigkeit heimste Kroos die meisten Ballkontakte im Spiel ein und wurde letztlich zum "Man of the Match" gewählt. Wann immer Jérôme Boateng nicht lang nach vorne spielte, gab er den Ball an Kroos ab. Der verteilte dann weiter auf Sami Khedira, Mesut Özil oder Mario Götze, bevor der Ball dann auf die für Löw'sche Verhältnisse extrem hoch stehenden Außenverteidiger ging, oder zu Kroos zurück. Manchmal streute der Real-Madrid-Star selbst auch einen guten Diagonalball ein.
"Er ist ein Spieler, der für die richtige Symmetrie im Spiel sorgt", hatte Löw vor dem Spiel gesagt. Präsent war Kroos auch beim 1:0: Zum Tor von Shkodran Mustafi lieferte er die Freistoßvorlage (19.). Später schloss er sogar selbst ein paar Mal ab, einer seiner Schüsse touchierte hauchzart das Lattenkreuz (52.).
Auf der Negativ-Seite: Kroos versuchte immer, den spielerischen Weg zu gehen und brachte seine Abwehr damit auch mal in Verlegenheit - so in Minute 41, als er den Ball partout nicht zu Neuer zurückspielen wollte und damit einen Ballverlust heraufbeschwor. In anderen Situationen schob er beim Pressing nicht resolut genug auf seinen Gegenspieler drauf, vermasselte so ein paar hübsche Ballgewinne der deutschen Mannschaft.
Seine Boss-Rolle war Kroos erst los, als Schweinsteiger eingewechselt wurde und mit seinem langen Sprint zum 2:0 (90.+2) für das emotionale Highlight sorgte - auch wenn er dabei gegen Löws Anweisung handelte. Der meinte nämlich:
2.) Götze und Draxler: Chance vertan
Götze? Gómez? Oder beide? Bundestrainer Joachim Löw entschied sich für die erste Variante und schickte mit Mario Götze seinen "Smart" ins Rennen, um durch die ukrainische Abwehr zu kurven. So klar spielte der Bayern-Angreifer aber gar nicht falsche Neun - vielmehr tauschten alle vier deutschen Offensivspieler, also Götze, Thomas Müller, Mesut Özil und Julian Draxler, oft die Positionen.
Einzige Prämisse: Alle Räume sollten besetzt sein. So tauchte auch mal Özil und mal Müller im Sturmzentrum auf. Draxler gab hier und da mal den Zehner. So kombinierte die DFB-Elf vor allem in der zweiten Halbzeit zwar gefällig um den Strafraum der Ukrainer herum, kam aber zu selten im Strafraum zum Abschluss - zwischen der 30. und 82. Minute sogar gar nicht zwingend, was Löw bemängelte:
Unterm Strich hat die gesamte Offensive viel Luft nach oben: Götze kam kaum zum Abschluss, Müller fehlte das Timing, Draxler nahm sich viele Pausen und bei Özil klappte wenig. Während Müller und Özil jedoch weiterhin gesetzt sind, müssen Götze und Draxler die Konkurrenten Mario Gómez und André Schürrle fürchten - Letzterer führte sich als Joker (ab 78. Minute) schon mal ansehnlich ein.
3.) Mustafi präsent - aber Verteidigen geht besser
Schon in der ersten Halbzeit hatte Ukraine ein Großchancenplus von 4:3. Im Zentrum verhinderte Abwehrboss Jérôme Boateng zwar mit vollem Körpereinsatz in vielen Szenen Schlimmeres (beispielhaft die in der 37. Minute, als er auf der Linie klärte), sonst machte die DFB-Abwehr aber viele Fehler.
So verteidigten Mustafi und Hector manchmal nicht konsequent genug und leisteten sich Abspielfehler. Benedikt Höwedes musste dagegen oft nach innen einrücken, holte sich aber keine Hilfe für nachrückende Ukrainer in seinen Rücken - so kam das Team von Mykhailo Fomenko nach cleveren Spielverlagerungen zu zahlreichen Chancen.
Letztlich war das aber auch ein Versäumnis der offensiven Außen, die sich bei aller Flexibilität im Angriff nicht einig waren, wer nun die rechte Seite mit zu verteidigen habe - weder Thomas Müller, noch Mario Götze, noch Mesut Özil fühlten sich hierfür zuständig. Mangelhaft war in einigen Szenen auch der defensive Einsatz von Julian Draxler. Fazit: mit nur sieben verteidigenden Spielern wird's auch für den Weltmeister eng.
Löw meinte:
Ein Wort noch zum Torschützen: Schon bei der WM im letzten Moment für den verletzten Marco Reus auf den Zug aufgesprungen, profitierte Mustafi diesmal von der Verletzung Antonio Rüdigers und bot alles in allem eine zufriedenstellende Leistung. Tor gemacht, das 2:0 eingeleitet - passt. Löw weiß nun jedenfalls, dass er es mit Mats Hummels, der sich noch am Abend für das zweite Spiel gegen Polen (Do, 21 Uhr im Liveticker) Hummels meldet sich fit für Polen, nicht überstürzen muss.
Löw lobte: "Er hat seine Sache gut gemacht. Und ich glaube, es war auch die richtige Maßnahme, Benedikt Höwedes gegen den starken Außenstürmer zu stellen. Auch er hat seine Sache gut gemacht." Sprich: An der Aufstellung in der Abwehr wird sich bis zur Hummels-Rückkehr wohl nichts ändern.
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