EM 2016: England kann es in Frankreich weit bringen - aber nur ohne Wayne Rooney
VonTom Adams
Publiziert 09/06/2016 um 11:38 GMT+2 Uhr
Seitdem England eindrucksvoll gegen das DFB-Team gewann, blickt die Fußball-Welt anders auf die chronisch erfolglosen Briten. Mit einer jungen Generation und Offensivwucht um Harry Kane, Jamie Vardy und Dele Alli keimen auf der Insel zarte Hoffnungen. Fußball-Journalist Tom Adams von Eurosport UK teilt diese - aber nur unter einer strikten Bedingung: Wayne Rooney darf nicht spielen!
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Über das englische Team schreibt Tom Adams
Ein Szenario zu erfinden, in dem England die EM 2016 gewinnt, bedarf schon einer großen Portion Optimismus und ausgesuchter Kreativität.
"50 years of hurt", 50 Jahre Schmerz ohne Titel sind nicht einfach wegzuwischen, vor allem, weil ein großer Anteil jener Misserfolge mit der deutschen Mannschaft zu tun haben. So gibt es Zweifel daran, dass England dieses Elend überwindet und das erste große Finale seit 1966 erreicht, geschweige denn gewinnt.
Nichtsdestotrotz wurde am vergangenen Donnerstag im Wembley Stadium so etwas wie ein Beweis dafür erbracht, dass England zumindest eine deutlich bessere Chance hat, wirklich konkurrenzfähig zu sein bei diesem Turnier. Alles hängt am Kapitän und bestem Torschützen der Historie: Wayne Rooney.
Vor dem 1:0 im Freundschaftsspiel gegen Portugal sorgten Harry Kane und Jamie Vardy zusammen für fünf Tore in den letzten drei Spielen, bei denen sie gemeinsam auf dem Platz standen; dazu trafen sie in der Premier-League-Saison kumuliert 49 Mal. Schwer, zwei englische Stürmer zu finden, die besser in Form sind. Dennoch schaffte es Nationaltrainer Roy Hodgson, beiden gegen die Portugiesen diese Effektivität zu nehmen - durch die Nominierung von Rooney.
Kane, ein unkonventioneller Superstar
Vardy ist Englands energetischster Stürmer, seine Hatz durch Schnittstellen der Defensive trieb Leicester City zur Meisterschaft. Im Nationalteam sorgte Rooney als Spitze der Mittelfeldraute aber dafür, dass Vardy die Breite des Feldes aufgezwungen wurde - und er somit irgendwo im Nirgendwo verschwand.
Kane ist ein unkonventioneller Superstar. Englands aufregendster Stürmer seiner Gattung seit Alan Shearer spielt so, als wäre er dazu bestimmt, Tore zu schießen. Gegen Portugal gelangen ihm jedoch nur eine Handvoll Annäherungen, da er darauf reduziert wurde, Ecken zu treten. Es war das bizarrste Element einer verwirrenden Vorstellung. England schien in seiner Entwicklung um einige Monate zurückversetzt.
So ist die Antwort, wie sich England verbessern kann, ziemlich offensichtlich - auch wenn sie extrem schwierig zu kommunizieren ist und eine rücksichtsloseres Vorgehen erfordert, als es Hodgson (bisher) zeigte.
Rooney macht England nicht besser - sondern schlechter
Erinnert Euch zwei Monate zurück, ans mutmaßliche Highlight seiner England-Ära: das mitreißende Comeback von Berlin, als die "Three Lions" nach 0:2-Rückstand noch 3:2 gegen Deutschland gewannen. Es war nur ein Test, logisch, trotzdem zeigte England einen herausragenden Charakter und ebenso viel Qualität. Kane traf nach einer Johan-Cruyff-Bewegung im Strafraum - Vardy entzückte mit einem Hacken-Tor. Es fühlte sich wie ein Startpunkt an von etwas, das noch nicht beendet ist.
Rooney fehlte übrigens verletzt.
Es waren diese Briten, die Mesut Özil ganz sicher im Kopf hatte, als er gegenüber "France Football" kürzlich sagte:
Özil hatte Recht damit, das Potential zu betonen, das Hodgson kultiviert hat. Dennoch ist es richtig und wichtig, dass die Anspruchshaltung, mit welcher England seit der 66er Weltmeisterschaft in alle großen Turniere zog, abgeschwächt wurde. Es steckt ohne Zweifel viel in der heutigen Truppe, sie hat das geringste Durchschnittsalter aller EM-Teilnehmer und geballte Offensivwucht.
Wenn sie diese denn entfalten darf.
In Wembley war zu beobachten, dass Rooney das Nationalteam nicht besser macht; er verschlechtert es sogar mit seinem störenden Einfluss in Angriffszügen, die ohne ihn produktiver vorgetragen würden. Dazu hat er einen unterdrückenden Effekt auf das Talent von Alli, der sich zurücknehmen muss, um Rooney zuzuliefern, was die intuitive Verbindung unterbricht, die er mit Kane in Tottenham aufbaute.
Es braucht eine mutige Entscheidung
Nun ist Hodgson bei weitem nicht der erste Coach, der damit zu kämpfen hat, den Formabfall einer derart dominanten Figur zu bewältigen. Mit diesem Problem mussten sich schon Rooneys drei letzte Trainer bei Manchester United herumschlagen, mal mehr, mal weniger ausgeprägt.
Klar ist: Wenn England bei der EM irgendwas erreichen will, muss zuvor eine mutige Entscheidung getroffen werden. In Berlin erhielten wir einen Eindruck dessen, was England für ein Team sein kann.
Um eine andere Geschichte zu schreiben, nach 50 Jahren Schmerz, mit neuen Referenzpunkten und Helden, benötigt England diesen grundlegenden Einschnitt.
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