Taktik-Check: Diese Möglichkeiten bietet der deutsche EM-Kader

Nach der endgültigen Kader-Nominierung ist klar, mit welchen Spielern Bundestrainer Joachim Löw bei der Europameisterschaft in Frankreich plant. Eurosport.de analysiert, auf welche taktischen Maßnahmen das 23-köpfige Aufgebot schließen lässt.

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Dreierkette: Mehr als nur eine Option

Jonas Hector vom 1. FC Köln ist der einzige Spieler im DFB-Kader, der im Verein halbwegs konstant als Außenverteidiger agiert – im Verlauf der Rückrunde kam er jedoch auch häufig als Sechser zum Einsatz. Demgegenüber stehen fünf Innenverteidiger (Jérôme Boateng, Mats Hummels, Shkodran Mustafi, Benedikt Höwedes und Antonio Rüdiger), zudem bringt Shootingstar Joshua Kimmich Erfahrung auf dieser Position mit.
Es erscheint also durchaus wahrscheinlich, dass Bundestrainer Joachim Löw auf eine Dreierkette setzen wird. Der große Vorteil an dieser Variante wäre, dass die Stärken der Innenverteidiger besser zur Geltung kommen. Im Spielaufbau gibt es weltweit kaum Innenverteidiger, die an das Niveau von Boateng und Hummels herankommen. Bei einer Dreierkette, mit beispielsweise Mustafi im Zentrum, würden Boateng und Hummels das Spiel breit machen und könnten von dort aus an der ersten gegnerischen Pressinglinie vorbei ins Mittelfeld dribbeln.
Mit ihren gefürchteten Pässen in den Bereich zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners können sie ebenso für Gefahr sorgen wie mit langen Diagonalbällen auf die Außenbahnspieler oder mit gelupften Bällen hinter die Abwehrkette. Die zentralen Mittelfeldspieler müssten durch diese Maßnahme nicht so weite Wege gehen, da Boateng oder Hummels ja von den zwei verbleibenden Innenverteidigern abgesichert werden.
So könnten Khedira, Kroos und Schweinsteiger den Bereich im Zentrum halten und die Kontergefahr so deutlich eindämmen. Auch das Offensivspiel könnte von gelegentlichen Vorstößen profitieren – man denke an Khediras Läufe in die Spitze wie im WM-Halbfinale gegen Brasilien oder Kroos´ herausragende Fähigkeiten bei Schüssen aus der zweiten Reihe.

Pendelnde Abwehrkette als taktisches Meisterstück?

Möglicherweise nutzt Löw die verbleibende Zeit bis zum Turnierstart auch, um ein Mischsystem á la Pep Guardiola einzustudieren. So könnten Kimmich oder auch Emre Can auf der rechten Seite eine ähnliche Rolle wie Philipp Lahm beim FC Bayern spielen.
Bei gegnerischem Ballbesitz geben sie den Rechtsverteidiger. In der Offensive würden sie dann jedoch nicht klassisch sehr hoch an der Außenlinie klebend agieren, sondern als zusätzliche Anspielstation ins zentrale Mittelfeld rücken und Khediras angesprochenen Läufe nach vorne absichern.
Auf der anderen Seite könnte Hector bei Ballbesitz sehr hoch agieren und einen klassischen Linksaußen geben. Einen solchen vermisst man im Kader nämlich ebenfalls. Mario Götze und Mesut Özil könnten nominell auf der linken Seite agieren, diese im Offensivspiel aber für Hector freimachen und ins Zentrum rücken.
Defensiv hätte diese asymmetrische Formation den Vorteil, dass die Abstände im Zentrum nach Ballverlust klein sind. Die deutsche Mannschaft kann so schneller ins Gegenpressing kommen und die möglichen Konter im Keim ersticken. Will der Gegner sich aus diesen engen Drucksituationen befreien, muss er sich mit langen Bällen in die Tiefe behelfen – ein gefundenes Fressen für den sprintstarken Boateng oder Manuel Neuer, den Libero.

Kein Plan B? Von falschen Neunern, Brechstangen und Kontern

Löw will den dominanten Spielstil weiter vorantreiben und hat seine Mannschaft bewusst offensiv aufgestellt. Das sichere Pass- und Positionsspiel weit in der gegnerischen Hälfte werden also weiterhin die Merkmale der deutschen Mannschaft bleiben. Der Gegner soll müde gespielt werden, sodass er irgendwann die entscheidende Sekunde zu spät kommt und nicht doppeln kann oder eine Schnittstelle für den letzten Pass nicht rechtzeitig schließen kann.
Dominanten Ballbesitzmannschaften wird häufig vorgeworfen keinen Plan B zu haben. Löw wird jedoch nicht nur Plan B, sondern auch Plan C, Plan D oder auch noch weitere präsentieren – wenn es denn nötig ist. So kann es gegen sehr mannorientiert verteidigende Gegner sinnvoll sein, eine falsche Neun aufzustellen. Özil oder Götze könnten sich in dieser Rolle aus dem Sturmzentrum ins Mittelfeld zurückfallen lassen und einen gegnerischen Innenverteidiger mitziehen.
Der so geöffnete Raum wird vom einlaufenden Thomas Müller angelaufen oder einem aus dem Mittelfeld nachrückenden Spieler besetzt. Verteidigt der Gegner hingegen nur am oder gar im eigenen Strafraum, ist mit diesem Kader auch eine deutlich direktere Spielweise denkbar. Mario Gomez zusammen mit Müller im Strafraum ist immer ein Gefahrenherd, wenn Flanken oder flache Hereingaben kommen – auch der schussgewaltige Lukas Podolski kann in engen Schlussphasen dabei helfen, einen Treffer zu „erzwingen“.
Dass Löw sich stets flexibel zeigt, wissen auch alle Kritiker spätestens seit der WM. So ist es in den K.O.-Spielen durchaus eine Option, aus einer abwartenden Haltung in die Partie zu gehen und sein Heil im Konterspiel zu suchen. Höwedes und/oder Rüdiger könnten dabei als defensive Außenverteidiger agieren, davor wären André Schürrle und/oder Leroy Sané extrem gefährliche Konterspieler.
Eurosport-Check: Die deutsche Mannschaft ist optimal für ein erfolgreiches Turnier aufgestellt. Die endgültige Kadernominierung unterstreicht den Dominanzanspruch, den Löw, die Gegner und auch die Mannschaft an sich selbst stellt. Die Dreierkette als taktische Variante kaschiert nicht nur die Problemzone Außenverteidiger, sondern bietet offensiv wie defensiv viele Vorteile. Dass neben den vielseitigen Akteuren auch einige Spezialisten für ganz bestimmte Situationen im Kader stehen, erschwert die Analyse für jeden Gegner. Deutschland ist taktisch und personell gewappnet für eine lange und erfolgreiche Europameisterschaft.
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