EM 2024: Zahme Bravehearts oder eine echte Gefahr? Das erwartet Deutschland im Eröffnungsspiel gegen Schottland
VonThomas Gaber
Update 14/06/2024 um 18:07 GMT+2 Uhr
Schottland fordert die deutsche Nationalmannschaft zum Auftakt der Europameisterschaft 2024. Auf dem Weg nach Deutschland zeigten die Bravehearts mit einigen starken Leistungen auf und schlugen unter anderem Spanien. Ist der Eröffnungsgegner also ein dicker Brocken? Mitnichten. Zuletzt ließen die Schotten deutlich nach und geben wenig Anlass für große Sorgen aus deutscher Sicht.
"Wir brauchen alle!" Nagelsmann schwört Fans und Spieler ein
Quelle: Perform
Rein klimatisch fühlte sich die schottische Nationalmannschaft wohl bei der Ankunft im EM-Quartier in Garmisch-Partenkirchen am Fuße der Zugspitze. Windige 14 Grad hatte es Anfang der Woche am Alpenrand - da geht auch im Juni das schottische Herz auf.
Gewöhnungsbedürftig war für die Bravehearts dagegen die bayrische Folklore. Alpenhornbläser und Schuhplattler tobten sich unter den etwas skeptischen Blicken der schottischen Delegation aus. Am Ende brach das Eis und der eine oder andere Spieler machte sogar mit beim Jodeln samt Gamsbart-Hut auf dem Kopf.
Die Schotten sind aber nicht nach Deutschland gekommen, um sich Alternativen zu Kilt und Dudelsack anzuschauen. Sie wollen Europa zeigen, dass sie (mittlerweile) vernünftig Fußball spielen können.
Das ist ihnen in den letzten 30 Jahren so gar nicht gelungen. Die letzte WM-Teilnahme datiert von 1998 und von den letzten sieben EM-Turnieren verpasste Schottland sechs.
Experte Thomas Broich: "... dann gibt es ein böses Erwachen"
In der Qualifikation für die EM in Deutschland drehte die "Tartan Army" dann plötzlich auf. Ein 2:0-Heimsieg gegen Spanien war der Höhepunkt auf dem Weg nach Deutschland. Am Ende ließ Schottland die deutlich höher eingeschätzten Norweger mit deren Superstars Erling Haaland und Martin Ödegaard hinter sich.
Unter Trainer Steve Clarke haben die Schotten ihren Stil verändert. Die verteidigen noch immer knüppelhart, haben dem "Kick and Rush" aber den Kampf angesagt.
"Das ist eine Mannschaft, die dir wehtun kann, und eine Mannschaft, die Fußball spielt", sagte "ARD"-EM-Experte Thomas Broich. "Sie werden nicht groß von hinten raus spielen, da nehmen sie kein Risiko. Wenn wir aber glauben, dass der Ball nur uns gehört und dass sie nie durch uns durchspielen werden, gibt es böses Erwachen."
Broich geht davon aus, dass Deutschland im Eröffnungsspiel (Fr., 21:00 Uhr im Liveticker) "dicke Bretter bohren muss. Schottland ist stark im Konter, bei Standards und im Gegenpressing. Sie tauchen nicht so oft vorne auf, sind dann aber sehr griffig in der Vorwärtsverteidigung."
Julian Nagelsmann ist sich der Schwere jener Aufgabe jedoch bewusst. Sie ist nicht gespickt mit Weltstars, aber die Spieler werfen typisch schottisch alles rein", sagte er auf der Pressekonferenz am Donnerstag. Obwohl der Gegner "sehr kompakt" verteidige, erwarte seine Mannschaft kein "kick and rush", Schottland sei "fußballerisch sehr gut".
Wichtige Spieler fehlen Schottland verletzt
Gewiss ein unangenehmer Gegner, der aber etwas vom Weg abgekommen ist. In den letzten neun Spielen gab es nur einen Sieg gegen Fußballzwerg Gibraltar (2:0). Bei der EM-Generalprobe vergangenen Samstag verspielten die Schotten gegen Finnland (2:2) in den letzten 20 Minuten eine 2:0-Führung.
Pete Sharland, Fußballexperte von Eurosport UK ist einerseits "fasziniert von den Schotten, weil sie einige Weltklassespieler haben", hat andererseits aber auch Zweifel.
"Sie haben massive Löcher in der Abwehr. In den letzten neun Spielen haben sie nur einmal kein Gegentor bekommen - gegen Gibraltar", so Sharland. Er hält die Schotten für eine "solide B-Mannschaft", deren Ziel es sein sollte, die Vorrunde zu überstehen - was den Bravehearts bei einer EM noch nie (!) gelungen ist.
Mit den England-Legionären Aaron Hickey (21, FC Brentford) und Nathan Patterson (22, FC Everton) muss Chefcoach Clarke verletzungsbedingt auf seine beiden etatmäßigen Außenverteidiger verzichten. Clarke lässt seine Mannschaft infolgedessen mit einer Dreierkette verteidigen.
Alles läuft über Robertson und McGinn
Im 3-4-2-1 kommt zwei Spielern eine Schlüsselrolle zu. Kapitän Andrew Robertson ist als langjähriger Spieler des FC Liverpool der Vorzeigeakteur der Schotten und laut Sharland "immer in der Lage, über seine linke Seite gefährlich nach vorne zu kommen".
Robertsons Pendant auf der rechten Schiene, Anthony Ralston, hat bei seinem Klub Celtic Glasgow in der vergangenen Saison dagegen nur wenig gespielt.
Noch wichtiger ist für den Eurosport-Experten aber Mittelfeldspieler John McGinn von Aston Villa. "McGinn ist der absolute Herzschlag dieser Mannschaft und die treibende Kraft", sagt Sharland.
McGinn zur Seite steht Scott McTominay, der in der letzten Saison bei Manchester United für Furore gesorgt und die Schotten mit sieben Treffern als defensiver Mittelfeldspieler zur EM geschossen.
"Dass McTominay bester Torschütze in der Quali war, sagt eigentlich alles über den Angriff aus", so Pete Sharland. "In den letzten zwölf Spielen hat Schottland 20 Tore erzielt - was nicht wirklich gut ist."
In den beiden Testspielen gegen Gibraltar und Finnland hatte McTominay wegen einer Knieverletzung, gegen Deutschland ist er jedoch wieder mit von der Partie.
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Schottlands Schlüsselspieler: Andrew Robertson (l.) und John McGinn
Fotocredit: Getty Images
Schottland liebt die Underdog-Rolle
Löchrige Abwehr, harmloser Sturm und Verletzungsprobleme - Schottland verbreitet wenig Angst und Schrecken. Die Bravehearts punkten eher mit Herz, Leidensfähigkeit und einer enormen Anhängerschaft. Angeblich haben sich 150.000 Fans auf den Weg nach Deutschland gemacht.
Zudem baut Trainer Clarke auf die Underdog-Rolle seiner Mannschaft und die ganz eigene Charakteristik einer EM. "Er spricht gerne vom 'Turnierfußball'. Clarke glaubt fest daran, dass der Verbandsfußball ein völlig anderes Spiel ist als der Vereinsfußball, insbesondere bei internationalen Turnieren", sagt Sharland.
Wie man große Mannschaften schlagen kann, haben die Schotten gegen Spanien bewiesen, auch wenn das schon 17 Monate her ist. Aber sie lieben es, den Favoriten ein Bein zu stellen und im konkreten Fall Deutschland die Party am Freitag zu verderben.
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