Frankreich - Deutschland: Julian Nagelsmann mit der goldenen Idee - Rückkehrer Toni Kroos im Fokus
Publiziert 24/03/2024 um 11:02 GMT+1 Uhr
Der deutschen Nationalmannschaft ist mit dem 2:0-Triumph im Testspiel gegen Frankreich rund drei Monate vor der Europameisterschaft im eigenen Land die bitter nötige Initialzündung gelungen. Die Rückkehr von Toni Kroos entpuppte sich für Bundestrainer Julian Nagelsmann letzten Endes als goldene Idee, die in den kommenden Wochen ein ganzes Land bewegen soll.
Deutschland siegt im Härtetest gegen Frankreich
Quelle: SID
998 Tage Pause - und dann reichen sieben Sekunden. Ergibt: Ein Tor wie aus 1001 Nacht, eingeleitet per Steilpass von Rückkehrer Toni Kroos direkt nach Anpfiff. Das Comeback, das zum Märchen wird. Der satte Schuss von Florian Wirtz als noch nie dagewesener Treffer, der als schnellstes Tor in die deutsche Länderspielgeschichte eingeht.Mit dem irren Blitzstart sorgte die DFB-Elf dafür, dass den Franzosen und der zuvor prächtigen Stimmung im Groupama Stadium mit dem ersten Angriff der Stecker gezogen wurde.
Das spektakuläre Führungstor beim Triumph über den Vizeweltmeister (2:0) war der Knalleffekt, mit dem Kroos seine Rückkehr nach dem Rücktritt im Anschluss an das Achtelfinal-Aus bei der EM im Sommer 2021 (0:2 gegen England) startete. 107. Länderspiel, 20. Torvorlage, ein 1A-Comeback.
Der Profi von Real Madrid, in früheren Zeiten von Fans, Experten und Medien oft zu kritisch gesehen, wurde am Ende von den deutschen Fans mit Sprechchören gefeiert, von den Gastgebern mit Applaus bedacht.
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"Alle angefangen, Fußball zu spielen": Nagelsmann lobt DFB-Team
Quelle: Perform
Lob an Erfinder Budgereit
Anstoß Kai Havertz, Pass auf Kroos, der sich nach hinten orientierte und einen Sicherheitspass Richtung eigene Abwehr andeutete. Blitzschnell drehte er sich um und feuerte die Kugel nach vorne auf den losgepreschten Wirtz, der den Ball perfekt annahm, sich zurechtlegte und wuchtig unter die Latte des französischen Tores knallte. Schneller schoss keiner.
Der Leverkusener Wirtz übertraf mit seinem ersten (!) Länderspieltor ausgerechnet den Kölner Lukas Podolski, der 2013 im Freundschaftsspiel gegen Ecuador nach neun Sekunden zum 1:0 getroffen hatte - Endstand damals 4:2.
Die Frage ist: Wer hat's erfunden? Von wem stammte der kesse Plan, die Franzosen derart zu überrumpeln? "Großes Kompliment an Mads, dass er eine gute Variante parat hatte", lobte Nagelsmann und meinte Mads Budgereit, den Standardtrainer der Nationalelf. 38 Jahre alt, in Dänemark geboren, Sohn einer Dänin und eines Deutschen, seit August 2021 im Trainerstab.
Nagelsmann schwärmte über den Coup: "Herausragend vorbereitet und dann gut ausgeführt. Flo macht das sensationell gut, wie er den verarbeitet und dann dieser überragende Schuss." Ins Sekundenglück. Und was macht der Initiator? Scherzt. "Die Standardtrainer hatten jetzt vier Monate Zeit gehabt, sich etwas auszudenken", sagte Kroos über seine ersten Ballkontakte, über die Genialität des Augenblicks.
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Jubel im DFB-Team: Jamal Musiala, Kai Havertz und Florian Wirtz
Fotocredit: Imago
Kroos "kein alleiniger Heilsbringer"
Doch die Intention, den 34-Jährigen als Mittelfeld-Dirigenten in die Nationalelf zurückzuholen, hatte Nagelsmann, der erst 36-jährige Bundestrainer. Nach nur einem Sieg in den vier ersten Länderspielen seit Oktober, seit der Amtsübernahme des glücklosen Vorgängers Hansi Flick, arbeitete es in Nagelsmann über den Winter stetig: Welches Personal? Welches System?
Grau bis düster war der DFB-Kosmos nach den Pleiten im November gegen die Türkei (2:3) und in Österreich (0:2), Vorfreude oder gar Euphorie vor der Heim-EM 2024 wurden von Zweifeln und Sorgen erdrückt, erneut frühzeitig im Turnier auszuscheiden - etwa in der Vorrunde wie bei der völlig verkorksten WM 2022 in Katar.
Irgendwann in den letzten Monaten ging Nagelsmann ein Licht auf: Kroos muss zurück, das größte fehlende Puzzleteil zu einer erfolgreicheren EM. Der Mittelfeld-Stratege sagte Ja zur Rückkehr. "Das Sympathische an ihm ist ja, dass er beim ersten Telefonat von der ersten Minute an gesagt hat, dass er kein alleiniger Heilsbringer ist", erklärte Nagelsmann auf der Pressekonferenz, "er spielt mehr Steil- als Querpässe. Und es ist seine Gabe zu wissen, wann er auch mal beruhigen muss. Er ist dieser Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive, den wir uns vorstellen."
Der Taktgeber, der Ruhepol, das Metronom im Mittelfeld. Immer anspielbar, stets mit einer Lösung im Kopf. Ein Bessermacher, eine kickende Lebensversicherung. "Das gibt den anderen Spielern Sicherheit", sagte Nagelsmann, "sie wissen, wenn mal Stress oder Druck ist, ist der Ball bei Toni meistens gut aufgehoben."
Der Domino-Effekt der Kroos-Rückkehr
Doch das Lob gebührt nicht nur dem Rückkehrer selbst, sondern dem Mann mit der goldenen Idee. Denn Nagelsmann ging volles Risiko mit der Karte Kroos, auf die er alles setzte. Mit dieser Schlüsselpersonalie setzte ein personeller und taktischer Domino-Effekt ein, den der Bundestrainer zu verantworten hatte. Weil er Kroos diese zentrale Rolle überließ, rückte Ilkay Gündogan nach vorne auf die Zehner-Position.
Neben Kroos brauchte Nagelsmann einen loyalen, dankbaren Arbeiter (Nagelsmann: "Worker") wie Robert Andrich, der aufräumt und dazwischenhaut. Wie in Lyon zu sehen war: Das passt.
Mit dem neuen Fixpunkt riss Nagelsmann ganz bewusst das langjährigen Sechser-Duo Joshua Kimmich (wie bei Bayern nun auch beim DFB wieder Rechtsverteidiger) und Leon Goretzka (neben der Dortmunder Schar der Enttäuschten das prominenteste Nominierungsopfer) auseinander. Eine weitere Kettenreaktion, die aufging: Neben Gündogan agieren mit Wirtz und Bayern-Profi Jamal Musiala zwei Zauberer wie sie der Bundestrainer nennt.
Das Frankreich-Spiel, in dem Kai Havertz nach sensationeller Vorlage von Musiala zum 2:0 einschob, war ein Aha-Erlebnis, womöglich gar ein Erweckungserlebnis. "Das war mit Sicherheit das Beste, was wir in den letzten Jahren gespielt haben", schwärmte Sportdirektor Rudi Völler. Plötzlich scheinen die dunklen Wolken und die bösen Geister der drei vergangenen Turniere, die unter Vorvorgänger Joachim Löw und Vorgänger Hansi Flick versaubeutelt wurden, vertrieben.
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Toni Kroos im Testspiel gegen Frankreich
Fotocredit: Imago
Nagelsmann macht Druck
Der Mann, der die lang ersehnte Zeitenwende eingeleitet hat, steht jedoch vor einer ungewissen Zukunft. Nagelsmanns im September geschlossener Vertrag gilt bis Turnierende - wann immer das sein wird.
Man hat es nun eilig beim DFB. Eine Verlängerung mit dem 36-Jährigen wäre "von unserer Seite absolut wünschenswert", bekräftigte Präsident Bernd Neuendorf in Lyon. Bereits nach dem nächsten EM-Test am Dienstag in Frankfurt gegen die Niederlande will er mit Nagelsmann sprechen. "Wir sind ein gutes Team, verstehen uns gut, tauschen uns intensiv aus", sagte der DFB-Boss. Das ist aber nicht alles. Es geht um eine berufliche Perspektive und natürlich auch ums Geld.
"Es ist nicht ausgeschlossen, aber es ist auch nicht selbstverständlich", sagte Nagelsmann nach dem 2:0 gegen Frankreich im "ZDF" auf die Frage, ob er bleibt. Es liege auch "ein bisschen am Angebot. Das ist ja klar."
In die Heim-EM wolle er "mit der nötigen Ruhe reingehen", betonte der frühere Bayern-Coach, und diese Ruhe habe man, wenn "alles geklärt ist". Interessant war, dass Nagelsmann in Lyon sein Schicksal mit der Rolle von Sportdirektor Völler verknüpfte. Auch der Vertrag des 63-Jährigen, der im September nach der Entlassung von Flick als Ein-Spiel-Interims-Bundestrainer die Nationalmannschaft von all dem Druck (kurzfristig zumindest) befreite und zu einem 2:1 gegen Frankreich führte, endet mit der EM. "Ich verstehe mich außergewöhnlich gut mit Rudi auf menschlicher Ebene.
Ein sehr, sehr guter Gesprächspartner, er hat noch dazu immer eine gute Geschichte auf Lager", erzählte Nagelsmann. "Er trägt auch immer zur Erheiterung der Gruppe bei, das ist auch wertvoll." Der Bundestrainer gehört zur Abteilung pro Rudi - und umgekehrt ist es genauso.
Nagelsmann: "Weiter aufs Gaspedal treten"
Der Weg in eine rosigere Zukunft ist - theoretisch - geebnet. Zunächst dank der Rückholaktion von Kroos.
"Ich denke, dass wir einen guten und wichtigen Schritt nach vorn gemacht haben", sagte der von allen Gefeierte. Man habe sich "ein bisschen Gefühl für die EM" geholt, "das nehmen wir mit".
Mit Blick auf den nächsten Klassiker gegen die Niederlande betonte Nagelsmann: "Es wird wichtig sein, dass wir es am Dienstag so machen wie gegen Frankreich. Wir wollen den Mut wieder sehen, Fehler dürfen passieren. Wir wollen das Heimspiel auch gewinnen. Wir haben den Blinker gesetzt und sind auf die Straße Richtung EM abgebogen. Jetzt müssen wir weiter aufs Gaspedal treten."
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