EM 2024 in Deutschland - Julian Nagelsmann und seine Revolution in der Nationalmannschaft: Das Risiko zahlt sich aus
Update 30/06/2024 um 17:35 GMT+2 Uhr
Deutschland steht nach einem veritablen Spektakel im Viertelfinale der Heim-Europameisterschaft. Das 2:0 gegen Dänemark kostete eine Menge Nerven, zeigte aber auch: Die Revolution, die Bundestrainer Julian Nagelsmann in der Mannschaft angestoßen und durchgezogen hat, trägt Früchte. Die Spieler strotzen vor Selbstbewusstsein, Fußball-Deutschland steht wieder hinter dem Team. Alles scheint möglich.
Schlotterbeck: "Wir haben was im Land ausgelöst"
Quelle: MagentaTV
Noch tief in der Nacht zuckten am Himmel über Dortmund Blitze, es krachte, es schüttete. Ein Regenschutz als wertvolles Gut, ein Taxi als Sehnsuchtsziel für die Fahrt ins Trockene. Die Straßen rund um das Stadion gerieten zu Großraumpfützen, viele Fans zu begossenen Pudeln.
Ein unwirtlicher, unbehaglicher Sommerabend, der von einem selten da gewesenen Unwetter bestimmt wurde. Und ein zwischenzeitlich unterbrochenes, unwirkliches Spiel, in dem die deutsche Nationalelf mit Ach und Krach, mit Glück und Geschick Dänemark besiegte. Dank der Treffer von Kai Havertz und Jamal Musiala - Donnerwetter!
Mit dem hart erarbeiteten, emotional erkämpften und am Ende doch verdienten 2:0-Erfolg gegen Dänemark zog das DFB-Team ins EM-Viertelfinale ein.
Und das auf den Tag genau drei Jahre nachdem die deutsche Nationalelf in einem EM-Achtelfinale gescheitert war. Mit 0:2 gegen England in London - der Traum von Titel und die Ära von Bundestrainer Joachim Löw waren mit einem Schlag vorbei.
Kommt der Showdown gegen Spanien?
Gegen die tapferen Dänen, die mit drei Unentschieden die Vorrunde überstanden, waren Widerstandsfähigkeit, Wille sowie Moral nötig, um das Viertelfinal-Ticket klarzumachen. Es glückte. Die Fans sangen bereits "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!".
Der Traum vom Endspiel im Berliner Olympiastadion am 14. Juli, er lebt. Doch zuvor trifft das DFB-Team am Freitag in Stuttgart auf den Sieger der Partie Spanien gegen Georgien (Sonntag, 21:00 Uhr im Liveticker). Ein Showdown gegen den Titelfavoriten Spanien, bisher als einziges Team mit drei Siegen aus drei Spielen), wäre die wohl größte Hürde des bisherigen Turniers.
"Ein skurriles Spiel gegen Widerstände"
"Das war ein skurriles Spiel voller Widerstände, gegen die wir sehr gut angekämpft haben", freute sich Bundestrainer Julian Nagelsmann, "wir sind verdient weitergekommen, auch wenn es nicht glasklar war."
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Neuer: "Dieses Spiel hat Geschichte geschrieben"
Quelle: Perform
Was er meinte: Zwei ganz knifflige Szenen kurz nach der Pause, bei beiden hatte das DFB-Team großes Glück. Erst wurde der Treffer von Joachim Andersen wegen einer hauchdünnen Abseitsstellung zurückgenommen (die Überprüfung dauerte zwei Minuten bis zur 50.) - um eine Fußspitze ging Dänemark nicht in Führung, also doch nicht Andersens Märchen-Tor.
Dessen Abend erfuhr eine ganz bittere Wendung: Nach einer Flanke von David Raum hatte er den Ball an die vom Körper abgespreizte Hand bekommen. Schiedsrichter Michael Oliver schaute sich die Bilder auf dem VAR-Bildschirm an und entschied auf Elfmeter: Havertz verwandelte zur Führung - das 1:0 (53.). Ein Donnerhall des Jubels fegte durchs Dortmunder Stadion. Später erhöhte Jamal Musiala bei einem Konter auf 2:0 - geschafft.
Sprechchöre für Nagelsmann
Komplett geschafft war auch Julian Nagelsmann nach diesem aufreibenden Spiel an der Seitenlinie. Ein K.o.-Spiel mit allen Facetten. Mit Herz und Hirn, plus mit den richtigen Bauchentscheidungen, hatte der 36-Jährige seine Mannschaft zum Erfolg gecoacht.
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Nagelsmann freut sich: "Die besten 20 Minuten des Turniers"
Quelle: Perform
Nach Abpfiff waren Erleichterung und Freude sowie Begeisterung über die Atmosphäre in den Gesichtern von Nagelsmann und seinen Assistenten Sandro Wagner und Benjamin Glück abzulesen, als sie genüsslich betrachteten, wie die Spieler vor der Südtribüne die Welle machten. Wenig später wurde Nagelsmann selbst gefeiert. Als er zu den TV-Interviews an der Seitenlinie kam, durfte er in Sprechchören baden.
Das DFB-Lagerfeuer lodert wieder
Zurecht. Denn Nagelsmann ist der entscheidende Faktor dafür, dass dieses DFB-Team da ist, wo es jetzt ist. Wieder angekommen im Kreis der Großen, einer der Titel-Kandidaten. Eine Mannschaft, die sich alles zutraut, der man alles zutraut. Ein Team, das seit den Erweckungstagen im März mit den beiden überzeugenden Test-Länderspielen in Frankreich (2:0) und gegen die Niederlande (2:1) erst eine Kerze der Hoffnung anzündete.
Diese Flamme lodert mittlerweile kräftig und sorgt an den Abenden der EM-Spiele für die Renaissance der guten, alten Lagerfeuer-Momente, weil die Fans kollektiv mitfiebern. Eine Zeit lang motzten und schimpften die deutschen Fans über ihr einst liebstes Kind, mussten durch traumatische WM-Turniere mit dem zweimaligen Vorrunden-Aus (2018 in Russland und 2022 in Katar), bis ihnen das DFB-Team beinahe schon egal war.
Was noch schlimmer ist. Die immer weiter sinkenden TV-Quoten bestätigten dies. Und dann kommt dieser Julian Nagelsmann als Nachfolger von Hansi Flick und entstaubt das Flaggschiff des DFB mit seinem Elan und seiner Energie. Mit Leidenschaft und Mut. Vor allem mit der Courage, klare und für die Betroffenen (Mats Hummels, Leon Goretzka, Julian Brandt) unangenehme Entscheidungen zu treffen. In einzelnen, persönlichen Rollengesprächen legte er bereits im März den Grundstein für die neue Teamhierarchie. Jeder Spieler wusste, woran er ist und sein würde. Jeder kannte seine Aufgabe. Demut oder Urlaub. Und dann kam noch die Schlüsselpersonalie mit der Rückkehr von Spielmacher Toni Kroos, den Nagelsmann und sein Trainerteam vom Comeback überzeugten.
Guter Nagelsmann-Griff: Sané für Wirtz
Und auch in den Spielen coachte der Bundestrainer mit Mut und Konsequenz, beweist das richtige Händchen, etwa mit Joker Niclas Füllkrug beim 1:1 gegen die Schweiz. In den drei Gruppenspielen setzte er konsequent (manche schimpften: stur!) auf dieselbe Startelf. Gegen Dänemark nahm er dann gleich drei Änderungen vor.
Wegen der zweiten Gelben Karte musste Jonathan Tah zuschauen, für ihn kam der Dortmunder Nico Schlotterbeck in seinem Heimstadion zu seinem ersten Einsatz von Beginn an, als Innenverteidiger neben Antonio Rüdiger, der trotz Zerrung aus dem Schweiz-Spiel (1:1) starten konnte. Zwei weitere Änderungen nahm Nagelsmann dank der Trainingseindrücke und wegen des Gegners vor: David Raum begann für Maximilian Mittelstädt auf der Linksverteidiger-Position, Bayern-Profi Leroy Sané anstelle von Florian Wirtz auf dem rechten Flügel.
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Füllkrug: "Bisschen Glück und einen guten Torwart"
Quelle: Perform
Außerdem setzte er weiter auf die hängende Spitze Havertz, obwohl Fans, Experten und Medien den Knipser Füllkrug forderten. Ging gut - 1:0. Als Musiala in der zweiten Halbzeit gegen die Dänen etwas schwächelte, nahm er ihn nicht runter. Ging wieder gut - 2:0. Die aktuelle Form und das Momentum zählen, keine Erbhöfe oder früherere Verdienste - das zieht Nagelsmann durch.
"Dann rattert es in den Köpfen"
Und doch war Nagelsmann, der Goldfinger, nicht ganz zufrieden mit seiner Mannschaft. "Wir haben immer noch Phasen im Spiel, wenn es nicht so funktioniert und nicht so gut läuft, dann rattert es in den Köpfen", bemängelte er und sagte: "Das muss nicht sein, das ist gar nicht nötig." Er will daran arbeiten, dass seine Spieler insgesamt "ruhiger" werden.
Kommt Zeit, kommt Tat. Die neue Selbstverständlichkeit, das frisch erlangte Selbstbewusstsein sickert langsam ein. "Es macht mich stolz, wenn die Spieler langsam die alte Festplatte gelöscht kriegen und verstehen, wie gut sie sind." Und noch werden? War die Dänemark-Partie das Knackpunkt-Spiel dieser EM für Deutschland? Das Viertelfinale wird es zeigen.
Sicher ist: Der Einzug unter die letzten Acht ist rein faktisch der größte Erfolg seit 2016 für die Nationalelf, die landesweit wiedergewonnene Lust am DFB-Team Nagelsmanns größtes Verdienst. Der betrat übrigens im Februar 2016 die Bundesligabühne, wurde mit erst 28 Jahren Trainer der TSG Hoffenheim, als jüngster Coach der Liga. Erst acht Jahre ist das her. Verrückt. Wie dieser Gewitterabend von Dortmund.
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Player of the Match Rüdiger: "Wir hätten sie vorher töten können"
Quelle: MagentaTV
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