EM 2024 - Drei Dinge, die bei Österreich gegen Türkei auffielen: Teufelskerle zerstören Rangnicks Lieblinge
Update 03/07/2024 um 00:46 GMT+2 Uhr
Die Türkei hat Österreich in einem turbulenten EM-Achtelfinale mit 2:1 (1:0) besiegt und trifft im Viertelfinale auf die Niederlande. Ein Blitztor brachte die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick schon früh in Rückstand. Danach hatte Rangnick eine Lösung parat, doch die Türken bestachen vor allem in Sachen Mentalität und Disziplin. Drei Dinge, die auffielen.
Rangnick hadert: "Hatten nicht das notwendige Glück"
Quelle: Perform
Ralf Rangnicks Traum vom österreichischen EM-Wunder ist ausgerechnet in seiner alten fußballerischen Heimat Leipzig jäh geplatzt. Die Mannschaft des deutschen Teamchefs verlor am Dienstag ein feuriges Achtelfinale gegen leidenschaftlich kämpfende Türken auf bittere Weise mit 1:2 (0:1).
Lange hatte das Rangnick-Team gar als Geheimfavorit auf den Titel gegolten, nun verpasste es jedoch den erstmaligen Einzug unter die besten Acht einer EM-Endrunde.
Nach einer tollen Vorrunde, in der Österreich vor Vize-Weltmeister Frankreich und den Niederlanden Gruppensieger geworden war, endete die Reise wie schon bei der EM 2021 im Achtelfinale.
Urheber des österreichischen Leids war der türkische Verteidiger Merih Demiral, der nicht nur nach 57 Sekunden das schnellste Tor in der K.o.-Phase einer Europameisterschaft schoss, sondern auch in der zweiten Hälfte (59.) per Kopf nachlegte. Gregoritsch (66.) verkürzte für Österreich.
Durch den so ersehnten Erfolg erreichte die im Vorfeld als Underdog angesehene Türkei, die gar ohne ihren gelbgesperrten Kapitän Hakan Calhanoglu hatte auskommen müssen, erstmals seit 16 Jahren ein EM-Viertelfinale.
Dort trifft das Team von Trainer Vincenzo Montella am Samstag (21:00 Uhr im Liveticker) im Berliner Olympiastadion auf die Niederlande.
Drei Dinge, die uns in Leipzig auffielen.
1.) Spektakulärer Kampf mit ganz viel Feuer
Die permanenten Pfiffe der türkischen Fans bei Ballbesitz Österreich müssen ausgeklammert werden, die waren - gelinde gesagt - etwas nervig und unsportlich. Doch was sich sonst in Leipzig abspielte, war einfach nur packend und herausragend.
Dieses Achtelfinale war ein Duell zweier Teams, die auf Angriff setzten. Kein Abwarten, kein großes Taktieren, kein langweiliges Ballgeschiebe zwischen den Innenverteidigern. Sowohl die Elf von Rangnick, als auch die von Montella wollte die Offensive, sie hatten einen Plan, sie hatten fußballerische Finesse (Arda Güler - was für ein Spieler mit erst 19 Jahren!) und spielerische Qualität.
Schön auch: Obwohl die Zweikämpfe intensiv geführt wurden, ließ der portugiesische Schiedsrichter Artur Soares Dias den Spielfluss nicht ins Stocken geraten. Er ließ viel durchgehen, aber die Spieler nicht durchdrehen. Im Gegenteil: Sogar einige Tacklings - wie die Grätsche von Kaan Ayhan in der 88. Minute - waren Highlights.
Es herrschte jederzeit hohes Tempo, hohe Laufbereitschaft und Spannung bis zur überragenden Parade von Mert Günok gegen Christoph Baumgartner in der Nachspielzeit. Dadurch war es eines, wenn nicht das beste Spiel dieser EM bislang.
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Mert Günok pariert in der Nachspielzeit sensationell gegen Christoph Baumgartner
Fotocredit: Getty Images
Von diesem Feuer auf dem Platz bitte mehr in den künftigen Knockout-Spielen - das war heiß!
2.) Montella findet tödlichen Mix
Respekt, Vincenzo Montella! Der Trainer der Türkei hat offensichtlich das Erfolgsrezept für seine Mannschaft gefunden. Auf den Punkt gebracht: Es ist die so unvergleichliche Leidenschaft der Türken, gepaart mit italienischer Taktik-Disziplin.
Sie sind kompakt im Zentrum, sicher und kreativ in Umschaltmomenten und noch dazu gefährlich bei Standards. Mit Arda Güler haben sie ein Ausnahmetalent in ihren Reihen, das adäquat eingesetzt wird. Der 19-jährige Offensivakteur von Real Madrid war vor allem im ersten Abschnitt Dreh- und Angelpunkt im Angriffsspiel, ihm standen phasenweise drei Gegenspieler auf den Füßen. Und er fand trotzdem noch eine Lösung.
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Das türkische Supertalent Arda Güler wird von vier Österreichern umringt
Fotocredit: Getty Images
Im Gegensatz zu Österreich ließen sich die Türken nicht vom hohen Erwartungsdruck beirren, sondern blieben fokussiert. Selbstbewusst ist die türkische Mannschaft ohnehin, die frühe Führung gab ihr nochmals einen Schub. In den wichtigen Momenten wirkten sie einen Tick schneller, fitter und entschlossener als der Gegner. Das Konstrukt ist stabil, die Emotionen sind kanalisiert.
Das Ganze ergibt ein Klima, in dem jeder Spieler über sich hinauswachsen kann wie Keeper Günok gegen Baumgartner in der Nachspielzeit - eine Glanzparade vom anderen Stern. "Die beste Parade, die ich je gesehen habe. Unglaublich", urteilte Gregoritsch.
Wie Doppel-Torschütze Demiral zum 2:0 hochstieg, stand auch symptomatisch für den dann doch am Ende verdienten Sieg. Genau dieses Stück waren die Türken besser als Österreich - und das haben sie sich erarbeitet. Die Niederlande können sich im Viertelfinale auf etwas gefasst machen.
3.) Österreich scheitert im "Mindgame"
Nach dem ersten Platz in der "Todesgruppe" war Österreich plötzlich Favorit. Im Nachhinein ließe sich vermuten: Das stand nicht im Plot von Ralf Rangnick und könnte dazu geführt haben, dass seine Mannschaft den Kopf nun doch zu sehr einschaltete.
Die Erwartungshaltung, die Euphorie im eigenen Land war groß. Zu gut die gezeigten Spiele, zu belebend der von Rangnick eingeschlagene Weg. Der Stil war flott, die Ideen sprudelten nur so aus den Mittelfeld-Regisseuren Sabitzer und Baumgartner, auch Verletzungssorgen schienen kein Problem zu sein.
Es herrschte das Gefühl vor, eine homogene Mannschaft zu haben, in der jeder jeden ersetzen kann. Die Leistung gegen die Türkei war nicht schlecht. Sie war sogar gut. Aber eben nicht ausreichend, weil der Druck wohl doch zusätzlich auf den Schultern lastete.
Ausgerechnet an diesem Abend, an Rangnicks alter Wirkungsstätte Leipzig, ließen ihn seine "Lieblinge" im Stich. Sabitzer erwischte keinen Glanztag und auch Arnautovic, der etwas überraschend für Gregoritsch in die erste Elf beordert worden war, machte kein gutes Spiel.
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Enttäuschte österreichische Mienen nach dem EM-Aus im Achtelfinale gegen die Türkei
Fotocredit: Getty Images
Bezeichnend, dass er allein vor dem Tor scheiterte. Rangnick selbst sind wenig Vorwürfe zu machen, er reagierte in der Halbzeit richtig auf den Rückstand, brachte Gregoritsch und Prass, ließ mehr Flanken und schob sein Team insgesamt höher. 21:6 Torversuche gab es für Österreich, 66 Prozent der Abschlüsse gelangen im gegnerischen Strafraum.
Der Trainer hatte die Lösung parat, doch die Mindgames verloren, weil die Türken mental brutal blieben. "Wir hatten genug Chancen, der einzige Kritikpunkt ist, dass wir nicht mehr Tore geschossen haben. Es ist unwirklich, dass wir das Spiel verloren haben", resümierte Ragnick.
Der Weg, auf dem sich die österreichische Nationalmannschaft mit ihm befindet, ist weiterhin der richtige. "Ich bin sehr traurig. Wir haben es nicht verdient, zu verlieren", haderte Gregoritsch mit dem Schicksal. Die Enttäuschung ist nun aber verständlicherweise sehr groß. Es wäre bei dieser EM mehr drin gewesen.
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