Fabian Ernst im Interview

Ex-Nationalspieler Fabian Ernst spricht mit eurosport.yahoo.de über den türkischen Fußball, seine Zeit bei Besiktas und das bittere Ende im DFB-Team. Im Nationalteam fand er ab 2006 keine Berücksichtigung mehr und entschied sich später für seinen Rücktritt. Dennoch drückt er Deutschland die Daumen.

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Das Interview führte Dirk Adam
Mit Besiktas und mit Bremen sind Sie Meister und Pokalsieger geworden. Welches "Double" war im Rückblick besser?
Fabian Ernst: Ich hatte das Glück, sowohl mit Bremen als auch mit Besiktas beide Pokale zu gewinnen. Das passiert nicht so oft, dass man als Fußballer beide "Doubles" holen kann. Von daher stehen diese beiden Titel sowohl in Deutschland als auch in der Türkei fast auf einer Stufe. In Bremen war es 2004 etwas unerwarteter. Hier, als großer Klub in der Türkei, spielt man mit Besiktas eigentlich immer vorne mit und steht in der Verpflichtung, Titel zu holen und international zu spielen. Deshalb denke ich, dass ich die beiden Titel in Bremen etwas höher einordnen würde.
Sie spielen seit 2009 für Besiktas. Wie würden Sie diesen Verein charakterisieren?
Ernst: Ich sehe Besiktas als Arbeiterverein. Es ist schon so, dass Fenerbahce ein bisschen mehr investiert und mehr Geld hat. Von der Struktur her nehmen sich Besiktas, Fenerbahce oder Galatasaray aber nichts. Ich denke, da sind alle Vereine ziemlich gleich. Von der Geschichte ist Besiktas eher der Arbeiterklub und das sehen die Leute auch gerne auf dem Spielfeld. Aber die Zeiten ändern sich und auch Besiktas muss international wettbewerbsfähig sein.
Kann man den türkischen Fußball mit dem Fußball in Deutschland vergleichen?
Ernst: Man kann es nicht wirklich vergleichen. Ich denke, dass die Bundesliga von der Spielanlage und von der Taktik eine Klasse besser ist. Man sieht auch, dass die türkischen Mannschaften nicht den internationalen Erfolg haben wie das DFB-Team. In der Türkei herrscht noch ein Stück Nachholbedarf. Hier wird viel mit Kraft gespielt. Zwar gibt es viele individuell gute Spieler, aber an einem geschlossenen Mannschaftsgefüge muss man noch arbeiten, damit es insgesamt besser klappt.
Geht der Blick manchmal zurück nach Deutschland? Zu Ihren alten Vereinen wie Bremen oder Schalke?
Ernst: Ich verfolge das, definitiv. Besonders meine Ex-Klubs. Bremen ist sicherlich eine Überraschung nach dem schlechten letzten Jahr. Ich weiß nicht, woran es liegt. Aber wenn man erstmal einen guten Start hat, dann stellt sich der Erfolg von alleine ein. Das war zu meinen Zeiten in Bremen auch so, dass wir über die mannschaftliche Geschlossenheit und das ruhige Umfeld bei Werder sehr gut arbeiten konnten. Wir hatten keine möglichen Starspieler, sondern in der Breite wirklich gute Fußballer. Auf Schalke ist immer was los, da gibt es immer was Neues. Ich habe das natürlich auch verfolgt mit Ralf Rangnick und war sehr überrascht. Aber ich denke, dass man mit Huub Stevens genau den richtigen Trainer hat, der die Mannschaft nach vorne bringen kann.
Das Thema Burn-out beherrscht momentan die Medien? Gab's dieses Syndrom schon früher?
Ernst: Ich glaube, man hat es früher nur anders genannt. Ich denke, so etwas gab es damals auch schon. Die Zeiten haben sich aber in dieser Weise geändert, dass man als Spieler oder als Trainer unter einem immensen Druck steht. Eine Auszeit darf man sich fast schon nicht mehr erlauben. Dieses Tabu-Thema ist in den letzten Wochen aber ein bisschen aufgeweicht worden, durch die Leute, die ihre Krankheit öffentlich gemacht haben. Wie bei Ralf Rangnick bestand die Gefahr, dass man ganz schnell "abgeschnippelt" wird und nur noch schwer den Anschluss findet. Von daher sollte man offen darüber sprechen und den Leuten auch eine zweite Chance geben, wenn sie wieder fit sind.
Sie kommen aus Hannover. Wie sehr hat Sie das Schicksal von Robert Enke berührt?
Ernst: Das geht sehr tief in die persönliche Schiene. Ich glaube, dass man so etwas überhaupt nicht nachvollziehen kann, was in so einem Menschen vorgeht. Das Schicksal hat alle sehr betroffen gemacht. Aber was in Robert vorgegangen ist, kann man nur sehr schwer beurteilen. Ich denke aber, dass wir jetzt einigermaßen auf dem richtigen Weg sind, dass man diese Dinge öffentlich macht. Aber es wird mit Sicherheit noch genügend Fälle geben, die sich nicht trauen, weil sie vielleicht mental anders gestrickt sind.
Auch wenn der Übergang von diesem Thema schwer fällt. Wie schlägt sich Deutschland gegen die Türkei?
Ernst: Das deutsche Team ist klarer Favorit. Der einzige Vorteil, den die Türken haben, ist die heiße Atmosphäre im neuen Galatasaray-Stadion. Vom spielerischen Potenzial ist das DFB-Team ganz klar vorne, auch wenn es bereits qualifiziert ist. Da muss schon ziemlich viel auf dem Platz und auf den Tribünen passieren, dass Deutschland dieses Spiel nicht gewinnt.
Sehen Sie Deutschland auf Augenhöhe mit Spanien?
Ernst: Auf dem Weg zum Titel bei der EURO 2012 steht eigentlich nur noch Spanien im Weg, wenn man von der Qualität ausgeht. Aber was ich zuletzt von Deutschland gesehen habe, war schon imponierend. Bei einem EM-Turnier, an einem Spieltag ist durchaus alles möglich.
Sie haben 24 Länderspiele für Deutschland absolviert. Warum haben Sie damals Ihren Rücktritt erklärt?
Ernst: Es gab keinen klaren Schlussstrich, von keiner Seite. Wenn man zwei Jahre gefragt wird, was ist denn nun, macht man sich seine Gedanken. Damals kam keine Einladung mehr vom Bundestrainer und deshalb habe ich mich zu diesem Schritt entschieden. Es gab damals auch kein Gespräch, wo mir mitgeteilt wurde, das war's jetzt. Deshalb wollte ich es offiziell machen, da die Sache anscheinend für beide Seiten geklärt war. Damit war die Sache gegessen und das Kapitel Nationalmannschaft komplett abgeschlossen.
Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere in der Bundesliga ausklingen zu lassen?
Ernst: Ich bin jetzt 32 Jahre alt und stehe noch zweieinhalb Jahre bei Besiktas unter Vertrag. Ausklingen lassen ist immer so ein blödes Wort, aber ab 30 fängt jeder Fußballer an zu denken. Wie verlaufen die letzten Jahre? Wie plane ich das? Wie gesagt, ich habe noch einen Vertrag. Aber wenn die Beine es zulassen, wenn man noch auf dem nötigen Leistungsniveau ist und der Mannschaft helfen kann, kann ich mir vorstellen, noch einmal in der Bundesliga zu spielen.
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