Belgien entkommt gegen Japan dem Tod: Ein teuflisch guter Plan
Belgien liegt gegen Japan 0:2 zurück, hat das Versagen vorheriger Turniere vor Augen - und schafft dennoch in einem dramatischen WM-Achtelfinale die Wende. Trainer Roberto Martínez wechselt mit Marouane Fellaini und Nacer Chadli den Sieg ein, Kevin De Bruyne treibt sein Team auch in der 94. Minute noch an. Zurück bleibt ein fassungsloser japanischer Trainer, der einem fast leid tun muss.
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Akira Nishino saß auf der Pressekonferenz und sah einigermaßen fassungslos aus.
Die dunklen Augen des japanischen Nationaltrainers blickten ins Leere, suchten nach einer Erklärung, warum er jetzt hier sitzen und über eine Niederlage statt einen Sieg reden musste.
Dramatik nimmt Japans Trainer schwer mit
"Es fühlt sich wie eine Tragödie an", sagte er, "aber ich muss die Niederlage akzeptieren. Ich bin am Boden zerstört, einfach sehr enttäuscht."
Wie war es nur dazu gekommen? Er konzentrierte sich. Sprach leise, aber klar. Beantwortete jede Frage. Fast eine halbe Stunde lang.
Auch die, was er denn seinen Spielern gesagt hatte, als er sie nach 95 dramatischen Minuten, einer zwischenzeitlichen 2:0-Führung und einem Last-Minute-K.o. vom Rasen aufsammeln musste:
Belgien spielt den perfekten Konter
Fußball kann manchmal durchaus grausam zu seinen Verlierern sein. So hatte eine Ecke der Japaner zum entscheidenden Gegentor geführt, ein perfekt vorgetragener Konter die Asiaten kalt erwischt.
Weil Kevin De Bruyne am eigenen Fünfer schon zu laufen anfing, als Torwart Thibaut Courtois noch dabei war die Ecke runter zu pflücken.
Weil Courtois sofort auf De Bruyne warf und der plötzlich sehr viel Wiese vor sich sah. Weil De Bruyne letztlich perfekt Thomas Meunier auf dem Flügel bediente, Romelu Lukaku dessen Flanke in der Mitte perfekt durchließ und Nacer Chadli kühl zum 3:2 einschob (90.+4).
"Es hat nur ein paar Sekunden gedauert", versuchte Nishino das eben Erlebte noch zu verarbeiten. Und gab zu:
"Damit haben meine Spieler nicht gerechnet." Und er auch nicht.
Japan wird ein Eckball zum Verhängnis
Ein bisschen hatten sie sich halt doch mit der Möglichkeit eines Sieges beschäftigt. 2:0 in Führung bis zur 69. Minute, das erste WM-Viertelfinale der japanischen Fußballgeschichte vor Augen.
Später, nach Belgiens Ausgleich, immerhin noch die Chance auf die Verlängerung. Einen aussichtsreichen Freistoß gab es noch, Courtois wehrte Keisuke Hondas Schuss gerade so zur Seite ab. Und dann gab es da noch diesen einen Eckball, der ihnen zum Verhängnis wurde.
"Wir wollten das Spiel entscheiden oder zumindest in die Verlängerung gehen. Wir haben einfach nicht mit einem solchen Super-Konter gerechnet", musste Nishino zugeben. Und damit war eigentlich alles gesagt.
Belgien erinnert sich an Wales
Seit der WM 1966 hatte kein Team mehr in einer K.o.-Phase einen Zwei-Tore-Rückstand mehr in regulärer Spielzeit in einen Sieg umgekehrt. Belgien gelang es, weil Trainer Roberto Martínez ein glückliches Händchen bewies.
Als Martínez jedenfalls bei 0:2-Rückstand in der 65. Minute mit Marouane Fellaini und Chadli den Sieg einwechselte, hatten einige Spieler schon das Versagen der letzten Turniere vor Augen gehabt, speziell das EM-Aus 2016 im Viertelfinale gegen Wales (1:3).
"Wir haben sicher zurück an Wales gedacht", sagte Eden Hazard nachher ehrlich, "aber wir haben auch gedacht, dass wir noch Tore schießen können oder zumindest noch Spieler auf der Bank haben, die den Unterschied ausmachen können."
Joker Fellaini entscheidend
So war es kein Zufall, dass Fellaini den Ausgleich (74.) und Chadli den Sieg besorgte, nachdem Jan Vertonghens Kopfballbogenlampe Belgien wieder Leben eingehaucht hatte (69.).
"Die Spieler, die ich gebracht habe, haben den Glauben zurück aufs Feld getragen", sagte Martínez. Entscheidend war vor allem Fellaini. Mit ihm als Ergänzung zu Lukaku war fortan Tohuwabohu im Strafraum der Japaner angesagt - ein teuflisch guter Plan.
"Japan hat uns zeitweise enorm frustriert und mit chirurgischer Präzision aus zwei isolierten Situationen zwei Tore gemacht. Man muss ihnen ein Kompliment machen, sie waren perfekt vorbereitet", lobte Martínez.
Aber es war nach den Treffern von Genki Haraguchi (48.) und Takashi Inui (52.) ja noch ziemlich lange zu spielen. "Wir mussten eine Lösung finden. Vor allem aber unser Verlangen, das Spiel noch zu gewinnen", sagte der belgische Trainer. Und sie fanden es.
De Bruyne entschlossen
Auf die Frage, was er sich unmittelbar nach dem 0:2 gedacht habe, antwortete De Bruyne:
"Es waren noch 40 Minuten zu spielen. Es gibt immer mal wieder schwierige Momente im Fußball, du musst einfach weitermachen. Ich habe immer dran geglaubt, dass wir es schaffen. Ich habe dem Team gesagt, dass wir weiterarbeiten müssen, dann kriegen wir sicher die Chancen."
Und auch nach dem 2:2 hatte Belgien nicht genug, wollte die Verlängerung nicht einfach so akzeptieren. "Wir hätten auch auf sicher spielen und in die Verlängerung gehen können", sagte De Bruyne:
Und war letztlich ausschlaggebend dafür, dass Nishino seine Spieler nur noch Duschen schicken konnte.
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