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Sami Khedira kann bei WM 2018 wieder Khedira sein

Khedira kann wieder Khedira sein

15/06/2018 um 08:43Aktualisiert 16/06/2018 um 18:27

Beim deutschen WM-Triumph 2014 bestand das Sozialgerüst der Nationalmannschaft aus Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und auch Per Mertesacker. Alle sind zurückgetreten. Neben Kapitän Manuel Neuer sowie Toni Kroos, Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng rückte Sami Khedira in die Riege der Bosse auf. Der Profi von Juventus Turin ist immer noch da. Oder besser: wieder.

"Glauben Sie mir", sagt Sami Khedira, "jeder, der 2014 dabei war, hat noch den Weg zum Titel im Kopf, der war steinig. Es gab auch Reibereien und Meinungsverschiedenheiten. Wir haben es dann geschafft, Egoismen hintenanzustellen", erzählt der deutsche Nationalspieler in der "Stuttgarter Zeitung".

Die Retrospektive vermag zu verklären: Nein, es war eben nicht alles dufte beim vierten Stern vor vier Jahren. Inzwischen hat das DFB-Team sein Gesicht gewandelt, der 27-jährige Khedira wurde zum 31-jährigen Khedira, der vielleicht ein noch besserer Fußballer ist und sicherlich ein noch besserer Rhetoriker:

"Die Qualität und den absoluten Hunger auf Erfolg sehe ich auch jetzt. Es geht darum, wieder diesen Spirit zu entfachen, den andere Mannschaften nicht haben. Man kann so viel erzählen, wie man will, man muss es zeigen. Der spezielle Geist muss aus dem Team heraus kommen. "

Mit Bestimmtheit sagen könne er nur dieses: "Dass unsere Grundvoraussetzungen schon mal stimmen."

Khedira dachte "intensiv" ans Karriereende

Zwischen 2014 und 2018 lagen Phasen, die nicht unbedingt nahelegten, dass Khedira bei der Mission Titelverteidigung zum Stammpersonal zählt. Hat er ja selbst umrissen. "Intensiv" erwog er gar ein Karriereende, als sein Körper nicht umsetzte, was der Kopf befahl. Khedira will "zu den Besten gehören", konnte aber nicht. "Dann hat es mir einfach keinen Spaß gemacht", sagte er dem ZDF.

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Er sei schließlich zum Entschluss gelangt, Prozesse adaptieren zu müssen, mehr Spezifikation, mehr Individualisierung im Training. Das half, die Verletzungsrate ging streng zurück, und Khedira fühlt, dass er wieder Khedira ähnelt:

"Ich kann den Rundumblick haben, kann Mitspieler besser führen und andere Aufgaben intensiver übernehmen. Es gibt gerade keine Grenzen nach oben für mich."

2014 bestand das Sozialgerüst der Nationalmannschaft aus Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und Per Mertesacker. Alle sind zurückgetreten. Neben Kapitän Manuel Neuer sowie Toni Kroos, Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng ist Khedira aufgerückt in die Riege der Bosse, deren Aufgabe nicht nur darin besteht, Bälle zu parieren (Neuer), zu verteilen (Kroos) oder zu versenken (Müller). Sie bilden den innenpolitischen Kern eines Teams, das einen 2014er Spirit braucht, um 2018 maximal zur reüssieren.

"Özil und Gündogan wissen, was sie gemacht haben"

Khedira steht bei 75 Länderspielen, er will zuallererst "durch Leistung vorangehen. Wenn ich das nicht abrufe, habe ich eh nichts zu sagen." Der Profi von Juventus Turin nennt "Weitblick", wenn er davon spricht, Führungsanforderungen zu genügen - jenen von Bundestrainer Joachim Löw und nicht zuletzt eigenen. Khedira hat sein Verständnis von Fußball nie auf die Spielfeldmarkierungen des Rasenrechtecks beschränkt:

"In der Kommunikation ist es wichtig, dass man ein Gespür für den anderen entwickelt. Ich rede mit Antonio Rüdiger anders als mit Mesut Özil. Da geht es um die Herkunft, ums Alter, um den Charakter, da muss man auf den anderen eingehen."

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Khedira, der Schwabe mit tunesischen Wurzeln, ist so etwas wie der DFB-Integrationsminister. Logisch, dass er eine Meinung zur Debatte um Özil und Ilkay Gündogan hat. "Die Jungs", sagt er, "sind nicht ganz auf den Kopf gefallen, sie wissen, was sie gemacht haben. Mesut und Ilkay sind deshalb aber keine besseren oder schlechteren Menschen."

Khedira hat Vorsprung gegenüber Gündogan

Durchaus ironisch, dass Khedira mit Gündogan um den freien Platz neben Kroos konkurriert. Sogar Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff gesteht, dass die Fan-Aversionen gegen Gündogan wegen dessen Fotos mit Türkeis Machthaber Recep Tayyip Erdogan ein "kleiner Aspekt" bei Löws Aufstellungsvarianten sein können.

Gündogan ist der feinere Fußballer, ein Ensemblemitglied in Pep Guardiolas Passmaschine Manchester City; aber der geradlinigere und torgefährlichere Khedira hat einen Vorsprung. Erneut. Zu seiner dritten und wohl letzten WM äußert er einen frommen Wunsch, der bloß kein Wunsch bleibt, falls Überzeugung draus wird: "Es wäre die absolute Krönung, wenn wir den Titel verteidigen."

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