Taktik-Check: Die Trends der Fußball-WM 2018

Frankreich ist Weltmeister 2018, weil sich die Devise "Safety first" bewährt, Trainer Didier Deschamps aber auch Kollektiv und individuelle Stärken am besten vereinen konnte. Belgien zeigt dagegen, dass Variabilität Trumpf ist und man auch mehrere Spielsysteme und Taktiken während einer Partie auspacken kann, um umberechenbar zu sein. Die taktischen Lehren, die sich aus der WM ziehen lassen.

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Nach der WM ist vor der Saison: Beim Turnier der Weltelite werden die Vereinstrainer genau hingeschaut haben. Welche taktischen Trends konnte man in Russland beobachten? Welche Stilmittel haben sich besonders bewährt? Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, welche taktischen Lehren sich aus der Weltmeisterschaft ziehen lassen.

Taktik-Trend 1: Safety First

Bis auf wenige Ausnahmen gab es bei der WM selten spektakuläre Partien zu sehen. Viele WM-Spiele waren von großer Vorsicht geprägt, keine Mannschaft wollte leichtfertig in Rückstand geraten. Nachdem das offensive Umschaltspiel in den letzten Jahren (auch in den "kleinen" Teams) immer weiter optimiert worden war, merkte man nun die Angst der Mannschaften davor, ausgekontert zu werden.
Die Folge: Viele Teams griffen nur mit sehr wenigen Spielern an, oft blieben sechs oder sogar sieben Feldspieler hinter dem Ball. Weltmeister Frankreich wählte zum Beispiel oft schon früh im Aufbau den langen Ball auf Zielspieler Olivier Giroud; die dribbelstarken Einzelkönner Antoine Griezmann und Kylian Mbappé lauerten auf Abpraller und setzten die Angriffe fort. Weil sich zusätzlich zum Offensivdreieck meistens nur ein oder zwei weitere Spieler - Paul Pogba aus dem Zentrum oder einer der Außenverteidiger - einschaltete, stand Frankreich nahezu immer gut abgesichert gegen gegnerische Konter.
Die Lehre: Die Absicherung gegen Konter wird immer wichtiger, niemand will "einfache" Tore kassieren. Daraus folgt jedoch, dass man mit weniger Spielern angreift und diese Spielzüge umso besser planen muss. Wohin wird ein langer Ball gespielt? Wie positioniert man sich um die Zielzone herum? Darüber hinaus wird die Wichtigkeit des Dribblings hervorgehoben – schließlich müssen sich die Offensivspieler vermehrt in Unterzahlsituationen behaupten.

Taktik-Trend 2: Variabilität ist Trumpf

Belgien zeigte sich bei der WM als sehr wandelbares Team. Die mit großer individueller Klasse gespickte Mannschaft wechselte zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette, im Offensivbereich dachte sich Trainer Roberto Martínez ebenfalls stets etwas Neues aus. Viele der Spieler auf dem Feld können gleich mehrere Positionen spielen, sodass die Taktik auch ohne Auswechslungen schnell geändert werden konnte.
Belgien wechselte zwischen dominanten Ballbesitzphasen und Hochgeschwindigkeitskontern. Gegen den Ball zogen sie sich mal sehr weit zurück wie gegen Brasilien, dann streuten sie plötzlich wieder Phasen des Angriffspressings ein. In der Regel geht Ballbesitzfußball mit hohem Angriffspressing einher, tiefes Verteidigen wird meistens mit Konterfußball kombiniert. Belgien brach diese "Regeln" – und hatte damit Erfolg.
Als sie tiefer verteidigten, nahmen sie sich nach Ballgewinnen die Zeit, ihr Positionsspiel aufzuziehen, sodass ihre Einzelkönner um Eden Hazard und Kevin De Bruyne das Spiel vom zweiten ins letzte Drittel bringen konnten. Bei Gelegenheit – wie zum Beispiel gegen Brasilien – nutzten sie aber auch geradlinige Konter.
Die Lehre: Fußball ist mittlerweile (auch) zum Spiel der Informationen geworden: Wo sind zu bespielenden Räume? Wie wird der Gegner uns anlaufen? Je flexibler eine Mannschaft ist, desto schwieriger sind sie auszurechnen. Gute Teams (und Trainer) werden in Zukunft dank vielseitig einsetzbarer Spieler und verschiedenen einstudierten Varianten häufiger während des Spiels variieren, um den Gegner ständig vor neue Herausforderungen zu stellen. Plan A wird vom kommenden Gegner dank aufwändiger Videoanalyse ohnehin komplett durchleuchtet, spontane Umstellungen während der Partie sind für Trainer und Spieler schwerer zu durchschauen. Variabilität und Anpassungsfähigkeit werden daher klare Merkmale der kommenden Top-Teams und Überraschungsmannschaften sein.

Taktik-Trend 3: Asymmetrie und richtige Spielerrollen

Die Zeiten, in denen der rechte und der linke Mittelfeldspieler nahezu das identische Profil haben mussten, sind vorbei - Asymmetrie ist en vogue! Damit ist gemeint, dass auf den Flügeln oft bewusst unterschiedliche Spielertypen eingesetzt werden. Auch hier ist Weltmeister Frankreich ein Paradebeispiel: Auf rechts spielt mit Mbappé ein Sprinter mit klarem Drang zum Tor, auf links hingegen Blaise Matuidi, ein gelernter Sechser bzw. Achter. Weil Frankreich viel über rechts aufbaute und auch die langen Bälle eher nach (halb)rechts schlug, brauchten sie links ein passendes Gegengewicht.
Viele hatten vor dem Turnier den Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé als Stammspieler im linken Mittelfeld auf dem Zettel, Trainer Didier Deschamps erkannte aber schnell, dass es hier einen anderen Spielertypen brauchte. Mit Matuidi, der seiner gelernten Rolle entsprechend ständig ins Zentrum rückte, gab es eine zusätzliche Absicherung bei den Angriffen über rechts. Pogba konnte aufrücken, Kanté wurde im Zentrum von Matuidi unterstützt. Durch diesen Schachzug wurden auf einen Schlag alle Spieler in ihre Paraderollen gebracht: Mbappé konnte vom Flügel in die Spitze starten, Pogba konnte gut abgesichert nach vorne marschieren und entlastete damit Griezmann, der wiederum mehr Raum zwischen den gegnerischen Linien suchen und finden konnte.
Die Lehre: Ein starkes Kollektiv zu haben bedeutet nicht, dass die individuelle Klasse zu kurz kommen muss. Im Gegenteil: Gute Trainer finden Lösungen, um die größten Stärken ihrer besten Spieler so einzubinden, dass sie maximal effektiv sind und dabei aber nicht die kollektive Stabilität stören. Eine solche Asymmetrie auf den Flügeln kann auch für nicht so stark besetzte Teams eine Möglichkeit sein, ihre(n) beste(n) Spieler mit den nötigen Freiheiten auszustatten und gleichzeitig defensiv gut zu stehen.
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