Was England plötzlich vom WM-Titel träumen lässt
VonTom Adams
Publiziert 04/07/2018 um 16:07 GMT+2 Uhr
England gewinnt ein Elfmeterschießen bei einer WM und entfacht damit ungeahnte Euphorie im Land. Der Weg zum Finale ist machbar, das Team strotzt vor Selbstvertrauen, der Trainer hat eine klare Vision - Tom Adams von Eurosport UK erklärt als Gast-Autor die aufblühenden Gefühle einer darbenden Nation für ihre Nationalmannschaft und ihren Anti-Helden als Team-Manager.
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von Tom Adams (Eurosport UK)
Was elektrisiert England so plötzlich?
Hoffnung, Leidenschaft und dieses bestimmte Hochgefühl, dass dir nur Fußball geben kann. Niemand, wirklich niemand dachte vor dem Turnier an den WM-Titel - die Fans wollten einfach mal wieder unterhaltsamen Fußball sehen und sich wieder mal mit der Nationalmannschaft identifizieren können.
"It's coming home" startete als ironisches Meme auf Twitter, setzt sich nun aber fort wie ein Lauffeuer, als Schlachtruf der Massen - denn so langsam manifestiert sich der Gedanke, dass sie es WIRKLICH schaffen könnten, Weltmeister zu werden - oder zumindest ins Finale zu kommen...
Das Viertelfinale zu erreichen, ist jedenfalls vorher schon als großer Erfolg angesehen worden. Aber da sind wir jetzt - und der Gegner heißt Schweden. Danach wäre es Russland oder Kroatien. Um es kurz zu machen: Durch den Sieg über Kolumbien sind die Leute jetzt richtig angefixt und träumen von mehr.
Andererseits empfiehl es sich gerade jetzt, ruhig bleiben. England war schon mehrfach im Viertelfinale, zuletzt 2002 und 2006. Beide Male war dort Endstation, schwer belastet vom puren Gewicht der Erwartungen waren die Spieler der Aufgabe gegen Brasilien und Portugal nicht gewachsen.
Letztlich ist es so: Das EM-Aus gegen Island 2016 war vielleicht der Tiefpunkt der englischen Fußball-Geschichte und vielleicht sogar das schmerzhafte Ende einer Beziehung zwischen Fans und Fußballern. Und egal, wie das Viertelfinale gegen Schweden jetzt ausgeht: Dieses Team wieder vor Leidenschaft sprühen zu sehen und wieder eine Verbindung zwischen Fans und Mannschaft zu spüren, ist bereits ein sehr großer Schritt. Und hey: Wir haben ein Elfmeterschießen gewonnen!
Was hat das Verhältnis der Fans zum Team verbessert?
In erster Linie die Spieler - es gibt einfach einige sehr brauchbare Identifikationsfiguren und keine großen Egos mehr. Einfach eine tolle Truppe, voller junger, aufregender und vor allem talentierter Spieler, die nicht per se vom Misserfolg der vergangenen Turniere runtergezogen werden.
In den letzten 20 Jahren wurden immer wieder überzogene Erwartungen von sportlich enttäuschenden Auftritten zerschmettert. Diese Mannschaft will ihre eigene Geschichte schreiben und das spüren die Fans.
Team-Manager Gareth Southgate war bereits bei der Kadernominierung so smart, darauf zu achten, keine in diesem Aspekt "vorbelasteten" Spieler - wie zum Beispiel Joe Hart - zu nominieren. Die Mentalität der Mannschaft hat sich so komplett verändert.
Der Spielstil aber auch. Ein bisschen pflanzt sich im Nationalteam das fort, was Pep Guardiola bei Manchester City angefangen hat: England spielt autoritär von hinten raus und Spieler wie Kyle Walker und Harry Maguire haben die Freiheit, auch mal die Mittellinie zu überqueren - ein grundlegender Unterschied zur vermeintlich 'Goldenen Generation', wie Rio Ferdinand neulich hervorragend erklärte:
Und so könnte man es fortsetzen. Es gibt Einiges, was für die aktuelle Mannschaft spricht und bei den Fans wieder Emotionen hervorruft. Und hey: Wir haben ein Elfmeterschießen gewonnen!
Wie groß ist der Anteil von Southgate?
Er ist sicher noch kein "Mastermind", der das Team nun ganz sicher zum Titel führen wird - der Erfolg bis hierhin trägt aber ganz klar seine Handschrift. Southgate hat einfach dringend benötigte Schritte durchgezogen und das Nationalteam damit im Jahr 2018 ankommen lassen. Sich jetzt jedenfalls vorzustellen, Sam Allardyce wäre eigentlich der Nationalcoach, hätte es nicht diesen Skandal um ihn gegeben, ist ein wahrlich furchtbarer Gedanke.
Was Southgate verändert hat? Nun, wie beschrieben, hat sich die Spielphilosophie schon mal grundlegend verändert - zumindest für englische Maßstäbe. Gemeinsam mit der FA hat man die "England-DNS" (hier mehr Details) entwickelt, eine Art goldener Leitfaden für alle Nationalmannschaften bis in den U-Bereich.
Bei der FA hat man endlich begonnen, sich die Erfolge in Spanien und Deutschland anzusehen und Ansätze zu kopieren - die Eröffnung eines zentralen "Coaching Centers" in Burton ist ein gutes Indiz dieses Umdenkens. Der Verband ist auf die Trainerausbildung fixiert und willens dort neue, professionalisierte Wege zu gehen.
Southgate war U21-Trainer, als dieser Prozess begann, und bringt diese neue Philosophie nun mit großem Erfolg in der A-Mannschaft ein.
Bereits in Freundschaftsspielen gegen die Niederlande (1:0) und Italien (1:1) im März konnte man sehen, dass dieses englische Team sein Spiel mit furchtlosen Flachpässen aus der eigenen Abwehr heraus aufziehen will - ähnlich wie es Barcelona so erfolgreich macht. Der Spielaufbau ist Southgate enorm wichtig, weshalb er auch den eher unerfahrenen Jordan Pickford ins Tor gestellt hat - weil dieser schlicht besser mit dem Ball umgehen kann als seine Konkurrenten.
Es war ebenso mutig von ihm, Spieler wie Maguire aus denselben Gründen den erfahreneren Chris Smalling und Gary Cahill vorzuziehen. Wayne Rooney abzusägen war zudem ein harter, aber notwendiger Schritt.
Southgate scheut sich also nicht, mutige und selbstbewusste Entscheidungen zu treffen, wenn es seiner Meinung nach der Sache dienlich ist. Sein 3-5-2 mit zwei offensiven Mittelfeldspielern und nur einem zentral defensiven spielen zu lassen, ist ein weiteres Indiz hierfür.
Southgate hat zudem dafür gesorgt, dass sich das Verhältnis zwischen Nationalmannschaft und Presse enorm verbessert hat. Vor dem Turnier gab es erstmals einen "Super Bowl"-ähnlichen Medientag, an dem wirklich alle Spieler für Interviews zur Verfügung standen. Während der WM erlaubte er seinen Spielen, in lockerer Atmosphäre Journalisten beim Darts und Bowling herauszufordern.
Dem Vernehmen nach ist er ein großer Fan der NFL und NBA und offenbar hat auch hier einige amerikanische Strategien adaptiert - zum Beispiel bei den nun in Russland so erfolgreichen Standard-Varianten des Teams. Der Anteil seines Co-Trainers Steve Holland daran ist auch nicht zu unterschätzen.
Southgates Popularität hat während der WM jedenfalls zugenommen. So drastisch, dass sich sogar Southgate-übliche Westen in England plötzlich viel besser verkaufen. Die Fans lieben ihn aber schon allein deswegen, weil sich seine Geschichte mit dem verschossenen Elfmeter bei der EM 1996 und der nun erfolgten Wiedergutmachung so schön erzählen lässt.
Selbst wenn England gegen Schweden ausscheiden sollte, war die WM für Southgate ein Erfolg. Denn hey: Wir haben ein Elfmeterschießen gewonnen!
Könnte gegen Schweden alles wieder vorbei sein?
Diese Furcht ist selbstverständlich da - aber wir Engländer sind es ja bereits gewohnt, im Viertelfinale auszuscheiden. Es würde uns zumindest nicht überraschen. Doch Schweden ist alles andere als eine Fußball-Supermacht und die hier bereits angeführten Gründe lassen doch stark daran glauben, dass mit dieser Mannschaft mehr drin ist.
Ich persönlich würde viel auf einen Halbfinal-Einzug setzen, weil England einfach das nötige Setup hat, auch Schweden zu besiegen.
Alles in allem war es jedoch von vornherein weitaus wahrscheinlicher, dass diesem Team 2022 der große Wurf gelingt, wenn weitere verheißungsvolle Spieler aus den U-Mannschaften zu den "Three Lions" stoßen (zum Beispiel Dortmunds Jadon Sancho) und die aktuell noch sehr junge Mannschaft einen gewissen Reifegrad erreicht hat.
Egal, was am Samstag passieren mag: Wir blicken optimistisch in die Zukunft. Und hey: Wir haben ein Elfmeterschießen gewonnen!
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