Im Überschwang ihrer Gefühle kannten die jungen Krieger keine Gnade, es gab kein Entrinnen. Didier Deschamps wollte der Welt gerade erklären, wie er der Grande Nation ihren wohl größten Tag seit zwanzig Jahren beschert hatte, da flog die Tür auf. Seine Baby Bleus stürmten herein, voller Übermut bespritzten und übergossen sie ihren Trainer, der wie ein strenger, aber auch gutmütiger Vater für sie ist, mit Champagner. Paul Pogba tanzte ausgelassen auf dem Tisch.
Es war der Ausbruch der ungezügelten Freude einer jungen Horde glückseliger Fußballer, die Frankreich in einen Freudentaumel versetzt haben. Und ein Zeichen der Wertschätzung für einen Mann, der den kollektiven Rausch zwanzig Jahre nach dem Sieg bei der WM im eigenen Land ein zweites Mal ermöglicht hatte. Deschamps war die Situation beinahe peinlich, aber er lächelte milde:
Die sind komplett verrückt. Ich entschuldige mich. Aber sie sind jung und glücklich.
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Eine Nation außer Rand und Band

Daheim in Frankreich war da schon die Hölle los. Etwa auf dem Marsfeld, wo 90.000 im Schatten des Eiffelturms das 4:2 (2:1) über unglaublich tapfere Kroaten bejubelten, das ganze Land geriet in Ekstase, mancherorts entlud sich diese Energie auch in Krawallen. "Der Tag des Triumphes ist endlich da", titelte die Fachzeitschrift France Football. "Es ist historisch", ergänzte L'Equipe. Wie wahr: Denn nicht zuletzt ist Deschamps, Kapitän und zentrale Figur beim Titelgewinn 1998 im eigenen Land, nun erst der Dritte, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde.
Den Pantheon der Größten haben bislang nur der Brasilianer Mario Zagallo (1958/1962 und 1970) und Franz Beckenbauer (1974 und 1990) betreten. Nun also Deschamps. "Es ist ein illustrer Kreis", sagte er bescheiden und ergänzte verschmitzt: "Als Trainer stehen wir jetzt auf derselben Stufe. Sie waren aber wunderbare Spieler. So schön habe ich nicht gespielt." Doch schön spielen ist für Deschamps auch nicht maßgeblich: Er will Erfolg. Da ist der gebürtige Baske ganz pragmatisch.

Deschamps formte eine Einheit

Die neuen Weltmeister sind allesamt technisch beschlagene Ausnahmespieler. Der Wunderknabe Kylian Mbappe etwa, der sich anschickt, in die Fußstapfen des großen Pele zu treten. Oder Antoine Griezmann, der in diesem Jahr womöglich sogar in die Endausscheidung bei der Wahl zum Weltfußballer kommt. Aber erst Deschamps hat auch Individualisten wie Pogba oder Talenten wie dem Stuttgarter Benjamin Pavard beigebracht, was zu tun ist, wenn man Weltmeister werden will. Sie alle haben sich gefügt. Griezmann erklärte:
Wir waren eine geschlossene Mannschaft. Die Ersatzspieler waren nie genervt. Das hat dem Team sehr gut getan.

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Ähnliche Erkenntnisse waren vier Jahre zuvor von den deutschen Weltmeistern zu hören gewesen. Eine letzte Erinnerung an die magische Nacht von Rio 1463 Tage zuvor rief nun nur noch Philipp Lahm hervor. Er trug den Goldpokal zur Bühne auf dem Rasen des Luschniki-Stadions, auf der ihn nun eine Mannschaft im wahrsten Sinne des Wortes an sich riss.
Nein, Frankreich spielte nicht berauschend, auch im Finale, gestand Deschamps, "war nicht alles richtig". Aber, stellte er lapidar und zugleich äußerst zufrieden fest: "Frankreich ist Weltmeister, das heißt, wir haben Dinge besser gemacht als die anderen." Les Bleus waren eine Einheit, bereit, alles für den Sieg zu tun. "Diese Spieler sind Krieger", sagte Deschamps und betonte:
Talent macht keinen Unterschied. Wichtig ist die mentale Einstellung. Und die haben alle meine Spieler.

Lehren aus EM 2016 gezogen

Deschamps hat zugleich aus seiner bislang größten Niederlage die Lehren gezogen. Bei der EM 2016 in Frankreich unterlag die bestens besetzte Equipe Tricolore im Endspiel Portugal (0:1 n.V.). "Es war so schmerzvoll, diese Gelegenheit, Europameister zu werden, liegengelassen zu haben. Aber vielleicht wären wir nicht Weltmeister heute. Wir haben viel daraus gelernt", behauptete Deschamps. Er hat in den vergangenen zwei Jahren einen Umbruch eingeleitet und ihn erstaunlich schnell abgeschlossen.
"Neue Spieler sind dazugekommen, und das war sehr gut für uns. Sie haben den Wert des Teams gesteigert", sagte Griezmann über die Mannschaft, die nun Weltmeister ist. Und das heißt nicht, dass Deschamps mit dieser Equipe Tricolore einfach unverändert weitermacht. Frankreich scheint ein schier unerschöpfliches Reservoir an Spielern zu haben. Der nicht nominierte Kingsley Coman oder Corentin Tolisso vom FC Bayern gehören dazu. Für die internationale Konkurrenz verheißt das nichts Gutes.
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