WM 2018 - Southgates "Three Lions": Mit neuer Leichtigkeit zum Titel

England steht nach dem Viertelfinalsieg gegen Schweden nur einen Sieg vom Finaleinzug entfernt. Vater des größten englischen Erfolgs der vergangenen 28 Jahre ist Gareth Southgate. Sympathie- und Popularitätswerte des 47-Jährigen gehen zu Hause und im Netz durch die Decke. Dabei war Southgate bis vor Kurzem noch der Inbegriff der englischen Erfolglosigkeit.

Gareth Southgate

Fotocredit: Getty Images

Wenige Sekunden nach Abpfiff des WM-Viertelfinals gegen Schweden nimmt Englands Nationalcoach Gareth Southgate seinen Superstar Harry Kane zur Seite. Der Stürmer wirkt unzufrieden, wird vom Coach aufgebaut. Bilder, die nahelegen, England sei soeben wie sooft bei großen Turnieren krachend gescheitert.
Minuten später stehen Spieler und Trainer jedoch gemeinsam strahlend in der Mixed-Zone. England ist soeben souverän mit 2:0 ins Halbfinale der WM 2018 eingezogen - zum ersten Mal seit 28 Jahren. Und das Mutterland des Fußballs liegt seinem Trainer zu Füßen.

#GarethSouthgateWould

Wie sehr die Engländer auf ihren Erfolgscoach abfahren zeigt aktuell eine Aktion in den sozialen Netzwerken. Unter dem Hasghtag #GarethSouthgateWould feiern englische Fans ihren Trainer auf humorvolle Art und Weise. Das nicht ganz ernst gemeinte Spiel ist einfach: DerUser postet einen Satz, der mit #GarethSouthgateWould beginnt und beendet ihn mit einer meist fiktiven Handlung, die Southgate tun würde, um anderen zu helfen.
Eine Aktion der Wertschätzung, hat der einstige Buhmann der Nation dem englischen Fußball doch aus der jahrelangen Tristesse geholfen.
Ausgerechnet dem Mann, der bis vor kurzem noch sinnbildlich für das bittere Aus bei der Heim-EM 1996 stand, gelingt der größte Erfolg der jüngeren englischen Fußballgeschichte.
Märchenhaft.

1996 ist Southgate der Depp

Rückblick. Am 26. Juni 1996 trifft England im Halbfinale seiner Heim-EM auf Deutschland. Nach 120 Minuten steht es 1:1 – Elfmeterschießen. Beim Stand von 4:4 im Shoot-Out tritt Southgate als fünfter Schütze an und schießt unplatziert in Richtung linke untere Ecke. Andreas Köpke, heutiger Torwarttrainer beim DFB, hat keine Mühe den Ball zu halten. Sekunden später besiegelt der Treffer von Andreas Möller das bittere Aus für England - und Southgate ist der Sündenbock einer ganzen Fußballgeneration.
Spott und Häme folgen, sind auch 20 Jahre danach noch nicht ganz verstummt. Der Name Southgate steht unter anderem als Synonym für "Scheitern vom Elfmeterpunkt". Noch heute sagt Southgate:
Der aktuelle Erfolg dürfte für Southgate daher einen therapeutischen Effekt haben. Er ist es, der den über allem schwebenden Elfmeterfluch der "Three Lions" im Achtelfinale gegen Kolumbien bricht. Und er ist es, der nun die Chance hat, zum zweiten Mal nach 1966 den WM-Titel zurück nach England zu holen.
picture

EM 1996: Southgate verschießt gegen Köpke

Fotocredit: Imago

Dabei ist die Mannschaft um Superstürmer Kane nach dem Ausscheiden diverser Favoriten alles andere als Außenseiter.

Notösung Southgate

Von langer Hand geplant war die Erfolgsstory Southgate keineswegs.
Im Herbst 2016 kommt er etwas überraschend an den Posten des englischen Nationaltrainers. Eigentlich hat der englische Verband nach dem EM-Aus gegen Island 2016 in Frankreich schon den passenden Nachfolger für Roy Hodgson gefunden. Sam Allardyce ist der Auserwählte, bliebt aber nur ein Spiel im Amt, weil er verdeckt recherchierenden Reportern Tipps zur Umgehung von Transferregeln gibt und dabei überführt wird. Der Rausschmiss ist die Folge.
Als Notlösung präsentiert der Verband wenig später Southgate, der dem Team einen frischen Anstrich verpasst. Altgediente Profis wie Wayne Rooney oder Torhüter Joe Hart sortiert er aus, und auch die altehrwürdige Viererkette muss dran glauben. Southgate präferiert drei zentrale Verteidiger. Ein Schritt, den seine Vorgänger allesamt nicht wagten.

Klima der Leichtigkeit

Vor allem ist es aber Southgates Führungsstil, der ihn so erfolgreich macht.
In der Mannschaft herrscht ein Klima der Leichtigkeit. Schotteten sich Englands Mannschaften bei vergangenen Turnieren noch regelmäßig von der Außenwelt ab, tauchen in Russland nun Videos von Dart-Partien der Spieler mit Journalisten oder absurden Einhornrennen im Swimmingpool auf.
Auch das öffentliche Bekenntnis von Verteidiger Danny Rose, der im vergangenen Jahr unter schweren Depressionen litt, deutet auf den neu gewonnenen Zusammenhalt in der Mannschaft hin. Das kommt gut an, weil auch die Ergebnisse stimmen.
Southgate hat das Gespür, sensible Spieler richtig anzupacken und zur Höchstleistung zu treiben. Auch deswegen feierte er nach dem Halbfinaleinzug nicht ausgelassen am Spielfeldrand, sondern nahm sich sofort Zeit für den enttäuschten Kane, der ein schwaches Spiel machte, und baute ihn auf.

Fußballfieber in England

In England fiebert eine ganze Nation wieder mit seiner Nationalmannschaft. Ein Verdienst des einstigen Buhmanns Southgate, der die lange Zeit verlorene Verbindung zwischen dem englischen Publikum und dem Nationalteam wieder hergestellt hat und ganz nebenbei zum gefeierten Star seiner eigenen Unternehmung geworden ist.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung