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WM 2018 - Taktik-Check: Die Gründe für das deutsche WM-Desaster

Taktik-Check: Die Gründe für das deutsche WM-Desaster

29/06/2018 um 11:35Aktualisiert 29/06/2018 um 17:35

Der Weltmeister ist ausgeschieden – und zwar verdient. Gegen Südkorea setzte es im abschließenden Gruppenspiel eine 0:2 (0:0)-Niederlage. Neben Form und Fitness stimmte es vor allem in puncto Taktik nicht bei der DFB-Auswahl. Einige dieser problematischen Aspekte wiederholten sich sogar über alle drei Spiele hinweg. Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, was schief lief.

Nach der Pleite gegen Südkorea und dem damit verbundenen historischen Ausscheiden werden die Verantwortlichen des DFB-Teams zeitnah in die Aufarbeitung des Turniers gehen. Dabei dürfte vor allem der taktische Aspekt eine große Rolle spielen.

Die Probleme im Spielaufbau

Deutschland war gegen jeden der Gegner klarer Favorit und hatte wie zu erwarten deutlich mehr Ballbesitz. Mexiko, Schweden und Südkorea stellten die DFB-Elf vor verschiedene Aufgaben, sowohl was die Anlaufhöhe als auch was die Intensität angeht.

Unabhängig vom Spielsystem des Gegners baute das Team von Joachim Löw in der gleichen Ordnung auf: Toni Kroos ließ sich auf die linke Seite fallen, während der Linksverteidiger (Marvin Plattenhardt bzw. Jonas Hector) sehr weit nach vorne schob. Der linke Innenverteidiger (Mats Hummels bzw. Antonio Rüdiger) besetzte etwas nach hinten gerückt das Zentrum, der rechte Innenverteidger (Jerôme Boateng bzw. Niklas Süle) rückte rechts so hoch wie Kroos auf links.

Durch eine solche breite Dreierkette soll die erste gegnerische Linie im Pressing leichter durchbrochen werden. Durch die versetzte Positionierung der Aufbauspieler kann der zentrale Akteur die Bälle vorbei an den gegnerischen Stürmern auf seine Nebenleute spielen, die dann ins Mittelfeld andribbeln können. Dies gelang Deutschland auch immer wieder, das große Problem war die Anschlussaktion. Zu oft standen fünf oder sogar sechs Spieler auf einer Linie – und zwar ganz vorne.

So gab es eine große Distanz – und dazu noch eben das komplette gegnerische Mittelfeld – zwischen der Aufbaudreierkette und den Offensivspielern. Dieses Problem wurde zusätzlich dadurch verstärkt, dass man durch die breite Positionierung Kroos´ und des rechten Innenverteidigers im Aufbau schnell auf eine Seite festgelegt war. Der Gegner konnte kompakt rüberschieben und Überzahlsituationen in den gefährlichen Bereichen der ballnahen Zone schaffen.

Das Loch im Zentrum

Was wäre die Lösung gewesen? Wichtig bei einer Aufbaustruktur wie dieser ist vor allem die Positionierung des zweiten Sechsers. Dieser muss dringend die Position vor den drei Aufbauspielern halten und sich immer wieder "auf Lücke" anspielbar machen – also im Rücken der gegnerischen Stürmer. Wichtig dabei: Orientierung, Körperstellung und Geduld.

Sami Khedira ist kein klarer Sechser, der das Spiel aufbaut. Im Spiel gegen Mexiko rannte er zu viel kreuz und quer über den Platz und wollte überall helfen – eine Eigenschaft, die ihn grundsätzlich ja sehr wertvoll macht. Allerdings war dies nicht gefragt. Bei seiner Startelfrückkehr gegen Südkorea spielte er dann in den richtigen Räumen, konnte aber nicht überzeugen.

Sami Khedira

Sami KhediraGetty Images

Zu oft stellte er sich so zum Spielgeschehen, dass er den Ball nur mit dem Rücken zum Tor empfangen konnte. Zudem vergaß er die ständigen Schulterblicke, um die Position der Gegner und der Mannschaftskollegen zu scannen.

Die Folge: Khedira wurde zwar immer wieder mit Pässen aus der Dreierkette gefunden, brauchte aber zu lange bei seinen Aktionen. Weil er aufgrund der fehlenden Vororientierung nicht wissen konnte, wie das Spiel fortzusetzen war, verlor er Zeit und geriet regelmäßig in Drucksituationen – aus diesen folgten logischerweise einige gefährliche Ballverluste.

Sebastian Rudy, dessen Nominierung unter deutschen Fans (und teilweise auch "Fachleuten") eher belächelt worden war, füllte die Rolle als klarer Sechser gegen Schweden hervorragend aus. Seine ständige Orientierung und eine "offene" Stellung zum Ball ermöglichte es ihm, das Spiel schnell zu machen und dabei sehr einfach und fehlerlos zu bleiben. Leider verletzte sich der Bayern-Akteur frühzeitig.

Ilkay Gündogan ist grundsätzlich prädestiniert für diese Rolle, spielte anfangs aber viel zu hoch und hielt nicht die Verbindung zu den Aufbauspielern. Als er dann besser positioniert war, unterliefen ihm ungewöhnlich viele Fehler, nach denen wiederum sofort eine sichtbare Verunsicherung einsetzte.

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Die strategisch so enorm wichtige Position zwischen den Mannschaftsteilen wurde also fast nie so besetzt, wie es für das deutsche Spiel nötig gewesen wäre. Findet man im Aufbau diesen zentralen Mann, kann man das gegnerische Mittelfeld von dieser Position aus deutlich einfacher überbrücken als mit einem andribbelnden Innenverteidiger nahe der Außenlinie.

Die fehlende Konterabsicherung

Weil man im Spielaufbau durch die fehlende Anspielstation im Zentrum immer wieder nach außen gedrückt wurde und dort weniger bzw. schwierigere Passoptionen hatte, stieg die Fehlerquote in ungewohnte Höhen. Ballverluste ohne Ende waren die regelmäßige Folge aus diesen Situationen. Das Zentrum war in diesen Szenen komplett geöffnet, zudem gab es hinter den Aufbauspielern ohnehin große Räume.

Alle drei Gegner konnten gegen Deutschland mehrere Großchancen per Konter herausspielen, diverse starke Tacklings der Innenverteidiger sowie Manuel Neuers Stärke im Eins-gegen-Eins verhinderten so einige Gegentore.

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Auffällig beim Thema Konterabsicherung war auch die fehlende Intensität im Gegenpressing. Nach Ballverlusten wurde nicht so konsequent umgeschaltet wie sonst, nur selten gingen die ballnahen Spieler nach Fehlpässen oder gescheiterten Dribblings im Vollsprint auf Balljagd. Die bereits beschriebene schlechte Staffelung in Ballbesitz, mit zu vielen Spielern auf einer Linie, erschwerte das Gegenpressing natürlich.

Was sich nun ändern muss

Unabhängig davon, ob Löw weiterhin Bundestrainer bleibt oder einen Rücktritt in Erwägung zieht, muss man nun die richtigen Schlüsse aus dem Ausscheiden ziehen. Nein, Deutschland braucht keinen radikalen personellen Umbruch. Nein, es braucht auch keine grundsätzliche Änderung der Spielphilosophie. Und nein, dominantes Ballbesitzspiel ist nicht "entziffert" oder gar "tot".

Alles andere als eine aktive, offensive Spielweise wäre angesichts der Spielerausbildung und dem vorhandenen Spielermaterial absoluter Quatsch, das DFB-Team muss also keine Kick-and-Rush- oder Kontertruppe werden.

Das Trainerteam muss Lösungen finden, um die Probleme im Aufbau zu beheben. Will man bei dieser Struktur mit Kroos auf seiner Paradeposition halblinks bleiben, braucht man ohne Wenn und Aber einen klaren Sechser, der geduldig die Position hält, sich ständig umblickt und den Ball mit wenigen Kontakten weiterspielt.

Rudy hat sich trotz der überschaubaren Spielzeit klar für diese Rolle empfohlen, Dortmunds Julian Weigl ist ebenso prädestiniert für diese Rolle. Und dass Joshua Kimmich eigentlich ja auch ein Sechser mit ebendiesem Fähigkeitenprofil ist, haben die meisten Leute ja eh schon vergessen.

Kimmich beim Spiel Deutschland gegen Mexiko

Kimmich beim Spiel Deutschland gegen MexikoGetty Images

Ist der Aufbau stabilisiert, muss dringend daran gearbeitet werden, den Gegner im letzten Drittel zielstrebig auszuhebeln. Themen wie Strafraumbesetzung und Tiefenlaufwege dürften hier weit oben auf der Agenda stehen. Ebenso der Mut zum Dribbling.

Um diese offensive Ausrichtung abzusichern, braucht es im DFB-Team wieder eine größere Bereitschaft zum intensiven Gegenpressing, damit die Innenverteidiger eher in ein bis zwei statt zehn Laufduelle über den halben Platz gehen müssen. Aus früheren bzw. höheren Ballrückeroberungen kann die Mannschaft dann auch endlich mal wieder in ihre gefürchteten offensiven Umschaltaktionen kommen.

Eurosport-Check: Die taktischen Probleme des Teams lagen im Detail und führten zusammen mit Formschwäche, möglicherweise nicht ausreichender Fitness und eventuellen psychologischen Aspekten zu einem Debakel. Mit der starken taktischen Basis des Teams lässt sich aber gut arbeiten, diese Feinjustierung mit einigen personellen Wechseln wird eine interessante Herausforderung werden.

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