Drei Dinge, die bei Deutschland gegen die Ukraine auffielen: Dreierkette? Viererkette? Stabilität null!
Von Andreas Lehner
Publiziert 12/06/2023 um 21:31 GMT+2 Uhr
Pfiffe statt Euphorie: Die deutsche Nationalmannschaft offenbart im Benefiz-Länderspiel gegen die Ukraine (3:3) erneut eklatante Schwächen in der Defensive. Vor allem ein BVB-Verteidiger fällt ab. Immerhin retten zwei starke Mittelstürmer-Leistungen das Remis. Ein Jahr vor Beginn der Heim-EM löst dieser Auftritt aber nicht die erwünschte Aufbruchstimmung aus. Drei Dinge, die uns auffielen.
DFB-Elf enttäuscht gegen die Ukraine: "Nicht unser Anspruch"
Quelle: SID
Die deutsche Nationalmannschaft ist im 1.000 Länderspiel der DFB-Geschichte nur zu einem 3:3 (1:2) gegen die Ukraine gekommen.
Die DFB-Elf ging zwar früh durch Niclas Füllkrug in Führung (6.), kassierte aber noch vor dem Seitenwechsel zwei Gegentreffer durch Viktor Tsygankov (19.) und ein Eigentor von Antonio Rüdiger (23.).
Nach dem 1:3 durch Tsygankov (56.) retteten Kai Havertz (83.) und Joshua Kimmich per Foulelfmeter (90.+1) das Unentschieden.
Drei Dinge, die uns beim Testspiel zwischen Deutschland und der Ukraine auffielen.
1.) Dreierkette? Viererkette? Stabilität null!
Gewinner und Verlierer der ersten Halbzeit waren schnell ausgemacht: Mit der Auswechslung von Nico Schlotterbeck zur Pause reagierte Bundestrainer Hansi Flick auf eine einmal mehr schwache Leistung des Dortmunders im Nationaldress. Gerade in seinem Kerngebiet Verteidigen unterlaufen ihm auf höchstem Niveau viel zu viele Fehler - zu beobachten bei den ersten beiden Gegentreffern.
Dass Matthias Ginter mit einem kapitalen Stockfehler das 1:3 der Ukrainer ermöglichte, setzte der unterirdischen Defensivleistung die Krone auf. Nach etwas mehr als einer Stunde beendete Flick dann auch das Experiment Dreierkette und stellte auf 4-3-3 um.
Als Profiteur der anfälligen Defensive durfte sich der Niklas Süle fühlen, der sich in den letzten Bundesligawochen stabilisiert und dessen Nichtnominierung in Dortmund für Unverständnis gesorgt hatte.
Flick musste den Verzicht auf Süle mehrfach öffentlich begründen und verwies dabei auf die nicht optimale körperliche Fitness des Verteidigers. Unabhängig von dieser Personaldebatte wird sich Flick aber in den nächsten Tagen Fragen nach der defensiven Instabilität seiner Mannschaft anhören müssen - ein Problem, das er auch schon beim FC Bayern mit sich herumschleppte.
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Matthias Ginter, Antonio Rüdiger und Lukas Klostermann (von links)
Fotocredit: Imago
Mit der Nominierung einer Dreierkette erhoffte sich der Bundestrainer mehr Kompaktheit im Verteidigen. Diese Hoffnung wurde schnell enttäuscht. Flick ist in der Defensive weiterhin ein Suchender, in Bremen bot er im 22. Spiel seiner Amtszeit die 19. unterschiedlich zusammengestellte Abwehrreihe auf.
Neben den individuellen Schwächen in der letzten Kette offenbarte die Partie auch eine weitere Unwucht im deutschen Kader. Es fehlt ein defensiver Mittelfeldspieler - auch das ein Problem, das Flick vom FC Bayern kennt und das der Klub noch nicht gelöst hat. Eine bessere Absicherung im Zentrum hätte möglicherweise die ersten beiden Gegentreffer verhindern können.
Insgesamt war der Raum zwischen Abwehrkette und dem zentralen Mittelfeld-Duo Joshua Kimmich und Leon Goretzka viel zu groß. Ein gefundenes Fressen für die schnell umschaltenden Ukrainer mit Mykhailo Mudryk und Andrey Yarmolenko.
Auch hier wird Flick seine Kaderauswahl überdenken müssen. Denn neben der Nichtnominierung von Süle fühlte sich auch mindestens ein weiterer Spieler übergangen: Rani Khedira von Union Berlin.
2.) Pfiffe statt Euphorie
"Ich habe den Spielern gesagt, dass wir erwarten, dass sie ans Limit gehen, dass sie auch leiden. Es gilt, jedes Spiel zu nutzen, um beim EM-Eröffnungsspiel am 14. Juni in der Startelf zu stehen." Diese Worte schickte Flick der Partie gegen die Ukraine auf der Pressekonferenz am Sonntag voraus.
Bei seinen Spielern schien diese Ansage aber nicht angekommen zu sein. Nach einer ordentlichen Anfangsphase mit der frühen Führung kehrte schnell Selbstzufriedenheit ein im deutschen Spiel. Der Ball zirkulierte zu langsam, die Tiefe wurde kaum noch attackiert und die entscheidenden Zweikämpfe gingen mehr und mehr an die Ukrainer.
Nach dem Spiel war Flick gnädiger mit seiner Mannschaft. Er sprach am "ZDF"-Mikrofon von einem "langen Prozess", den das Team vor sich habe. Es fehle ihr eine "breite Brust". Insgesamt zeige diese Partie "die Verfassung der Mannschaft".
Auch das Bremer Publikum ließ der DFB-Elf an diesem Abend einiges durchgehen. Lange hielt es still, erst nach dem 1:3 und der fehlenden Reaktion der Spieler auf dem Platz häuften sich die Pfiffe. Bis zur Schlussphase sah es danach aus, als würde die deutsche Nationalmannschaft die Niederlage über sich ergehen lassen.
Einzig Kai Havertz war es dann zu verdanken, dass sich die Mannschaft doch noch mit einer Ehrenrunde und Applaus vom Platz verabschieden durfte. Der Chelsea-Angreifer setzte sich zweimal gut gegen die ukrainische Defensive durch, verwandelte einmal selbst und holte dazu einen Strafstoß heraus.
Havertz‘ Durchsetzungsvermögen in der Schlussphase war die zweite gute Mittelstürmer-Nachricht an diesem Abend. Die erste lieferte Niclas Füllkrug ...
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Kai Havertz (Deutschland) bejubelt seinen Treffer gegen die Ukraine
Fotocredit: Getty Images
3.) Rekordmann Füllkrug löst das Neuner-Problem
Der Stadionsprecher hatte noch Marius Wolf als Torschützen ausgerufen, aber der Dortmunder muss weiter auf sein erstes Länderspieltor warten. Und eigentlich war es am Jubel auch schon deutlich erkennbar, dass der Torschütze nicht Wolf, sondern Füllkrug heißen muss. Der riss nämlich sofort die Faust nach oben und reklamierte den Treffer damit für sich. Ganz im Stile eines echten Neuners.
Und genauso hatte er den Treffer auch erzielt - mit einem guten Laufweg Richtung Tor und dann irgendwie noch ein Körperteil reinhalten. Immerhin ein positiver Aspekt dieses Abends.
Für den (Noch)-Bremer war es das siebte Tor im siebten Länderspiel - eine bärenstarke Quote.
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DFB-Stürmer Niclas Füllkrug in Aktion
Fotocredit: Imago
Mit diesem Treffer reihte sich Füllkrug in eine illustre Liste der deutschen Länderspiel-Geschichte ein. Der 30-Jährige ist der erst fünfte deutsche Nationalspieler, der in fünf aufeinanderfolgenden Länderspielen getroffen hat.
Das schafften vor ihm nur Max Morlock (erzielte 1953/54 in fünf Spielen acht Tore), Klaus Fischer (1981, sechs Tore), Andreas Möller (1993, fünf Tore) und natürlich Gerd Müller. Der "Bomber der Nation" schaffte dieses Kunststück zweimal (1969 acht Tore und 1970 zehn Tore). Seine zweite Serie 1970 konzentrierte Müller sogar "nur" auf die WM-Spiele in Mexiko.
Einen deutschen Nationalspieler, der in sechs Länderspielen am Stück getroffen hat, gab es dagegen noch nie. Aber am Freitag (20:45 Uhr im Liveticker) geht's ja schon gegen Polen weiter.
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