Zinédine Zidane bleibt ein Nimbus erhalten: Der Trainer von Real Madrid hat als Coach noch keinen Clásico beim FC Barcelona verloren.

Das 3:1 (1:1) am Samstagabend bedeutete im sechsten Auswärtsspiel im Camp Nou den dritten Real-Sieg unter Zidane, dazu gab es drei Unentschieden.

La Liga
3:1! Starke Reaktion von Real im Clásico
24/10/2020 AM 15:53

"Es war das perfekte Spiel", meinte Zidane, der unter der Woche nach zwei peinlichen Heimniederlagen gegen den FC Cádiz (0:1) und Schachtjor Donezk (2:3) schon angezählt wurde: "Gibt aber auch nur drei Punkte."

Und von uns: drei Dinge, die auffielen.

1.) Ohrfeige für Griezmann

Ronald Koeman hat den FC Barcelona in seinen ersten Monaten als Coach schon spürbar umgebaut, ein altes Problem blieb aber bis zum Clásico: Wohin mit Antoine Griezmann? Gegen Real Madrid gab der Niederländer eine klare Antwort: auf die Bank.

Statt Griezmann setzte der neue Barça-Coach in seinem 4-2-3-1 auf Messi und die Jugend: Pedri (17) spielte auf dem linken, Lionel Messi auf dem rechten Flügel und – auf der Position etwas überraschend - Ansu Fati (17) in der Spitze.

"Der Plan war, Spielkontrolle zu haben, Leos Position zu verändern und Ansu als Referenz für seine Geschwindigkeit ganz vorne spielen zu lassen", argumentierte Koeman hinterher.

Vertrauen, dass Fati gleich in der achten Minute mit seinem Treffer zum 1:1 zurückzahlte – das Ausnahmetalent war in Mittelstürmermanier perfekt in die Hereingabe von Jordi Alba gelaufen. Fati machte sich damit zum jüngsten Clásico-Torschützen der LaLiga-Geschichte und war nunmehr in sechs Pflichtspielen 2020/21 an sechs Toren direkt beteiligt.

Griezmann sah man erstmal nur beim Warmlaufen; Messi hatte nach 19 Minuten einen Tritt von Casemiro abbekommen und humpelte ein paar Minuten lang über den Rasen. Beim 33-Jährigen ging's aber weiter und Griezmann setzte sich wieder auf die Tribüne.

Kurz nach der Pause hätte Fati mit einer perfekten Flanke auf Philippe Coutinho beinahe noch das 2:1 vorbereitet, der Ex-Bayer köpfte jedoch nur ans Außennetz (54.).

Pedri dagegen blieb offensiv weitestgehend blass. Es dauerte jedoch bis zur 81. Minute, ehe Koeman sich an seinen 17-Jährigen satt gesehen hatte.

Mit einem Doppelwechsel brachte er Griezmann und Trincão, die jedoch wie die anschließend noch in die Partie geworfenen Ousmane Dembélé (82. für Sergio Busquets) und Martin Braithwaite (87. für Alba) gegen Reals massive Defensive nichts mehr ausrichten konnten.

"Junge Spieler sind Teil unserer Mannschaft und wir haben uns für diesen taktischen Plan entschieden. Wir haben es nicht verdient zu verlieren. Wir haben gut gespielt, ich bin zufrieden", sagte Koeman.

2.) Wenig individuelle Klasse

Taktisch hatte der Clásico durchaus seine Momente; so war Barcelonas Angriffsspiel mit Fati als "falsche Neun" durchaus spannend zu beobachten. Bei Real Madrid war vor allem die offensive Positionierung der Außenverteidiger Ferland Mendy und Nacho Fernández (später Lucas Vázquez) interessant, die immer wieder weit nach vorne, jedoch vor allem in den Halbkorridor schoben und so Barcelonas Hintermannschaft ins Rotieren brachten.

Lionel Messi trug sich auf Barcelonas Seite zwar nicht in die Torschützenliste ein und ist in Clásicos nun schon 515 torlos, hatte aber erneut ein paar geniale Momente. Gefährlich wurde es vor allem dann, wenn der Argentinier – wie von Koeman geplant - aus der Tiefe in freie Räume stoßen (Kopfballchance Coutinho, 54.) oder Chipbälle ins Angriffsdrittel spielen konnte (wie beim 1:0).

Seine beste Szene hatte der Argentinier, als er Sergio Ramos in der 24. Minute kurz ins Kino schickte, dann aber frei vor Thibaut Courtois zu schwach abschloss.

Neben den paar Messi-Momenten hatte der Clásico, gemessen an den Duellen der Vergangenheit, jedoch wenig zum Zunge schnalzen zu bieten. In Sachen individuelle Klasse sah man beiden Mannschaften deutlich an, dass sie sich personell im Umbruch befinden. Und aktuell eben keine echten Starensembles mehr sind.

Nach dem holprigen Saisonstart war außerdem auf beiden Seiten eine defensive Verunsicherung spürbar. Beide Teams verteidigten zu Beginn vor allem die Außenkorridore äußerst luftig und nicht gerade selten in Gleich- oder sogar Unterzahl.

Vor dem 0:1 staffelten sich Barcelonas Innenverteidiger Lenglet und Gerard Piqué richtiggehend abenteuerlich und machten so den Weg für den Torschützen Federico Valverde frei (5.). Lenglets Griff an Ramos' Trikot vor dem 1:2 war nicht weniger dilettantisch. "Das ist ziemlich dumm verteidigt", urteilte Felix Kroos bei "DAZN".

Vor dem 1:1 ließ sich Nacho hingegen von einem einfachen langen Ball überlisten, Raphael Varane stand zudem als Innenverteidiger im Niemandsland.

Weil Real Madrid seine Defensivleistung jedoch steigerte, insgesamt eine sehr gute Raumaufteilung, mehr hohe Ballgewinne und auch bis zum 2:1 mehr Ballbesitz hatte, ging der Sieg für die Gäste sehr wohl in Ordnung – wenngleich dieser eher fürs Kollektiv als für die fußballerische Klasse sprach.

Luka Modric (auf Sergio Ramos) von Real Madrid feiert sein 3:1 beim FC Barcelona

Fotocredit: Getty Images

3. Kein Clásico ohne Aufreger

Insgesamt kam der Clásico im menschenleeren Camp Nou angenehm wenig theatralisch und auch selten überhart daher. Fünf Gelbe Karte verteilte Schiedsrichter Juan Martínez Munuera lediglich, niemand wandelte wirklich am Rande eines Platzverweises – eine Seltenheit im Duell der spanischen Schwergewichte.

Aufgeregt wurde sich natürlich dennoch, vor allem über die Elfmeterszene, die schließlich das Pendel Richtung Real Madrid ausschlagen ließ.

Der oft indisponierte Clement Lenglet hatte da Sergio Ramos bei einem von Toni Kroos nach innen geschlagenen Freistoß am eigenen Fünfer am Trikot gezogen. Real-Kapitän Ramos fiel zwar übertrieben, der Elfmeterpfiff war jedoch vertretbar. Jordi Alba sah Gelb wegen Meckerns, Ramos selbst verwandelte sicher (63.).

Zidane adelt Clásico-Torschütze Ramos: "Liebe seine Einstellung"

"Der Elfmeterpfiff hat dieses Spiel entscheidend beeinflusst", meinte FCB-Coach Koeman angesäuert. Er sei mit einigen Schiedsrichterentscheidungen nicht einverstanden und meinte sogar: "Der VAR greift immer nur ein, wenn es gegen Barcelona ist."

Barça-Manager Xavi Vilajoana, in Barcelona für die zweite Mannschaft und die Frauen-Fußballabteilung zuständig, verlor auf Twitter sogar vollkommen die Fassung. "Das ist ein verfickter Skandal, Munuera soll scheißen gehen", schrieb Vilajoana.

Barcelona selbst hätte gerne einen Elfmeter gesehen als Ramos Mitspieler Varane aus kurzer Distanz bei einem Klärungsversuch an den Ellenbogen schoss. Ein billigend in Kauf nehmendes Handspiel war jedoch beim Franzosen in dieser Szene nicht erkennbar.

Einen Seitenhieb auf die Elfmeterszene mit Ramos gab's derweil von Betis Sevilla, dass in einer ähnlichen Szene gegen Real Madrid keinen Elfmeter zugesprochen bekommen hatte.

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