Es gibt da so ein Video auf YouTube.
"NIKOS MACHLAS two great SEVILLA goals vs VILLARREAL" heißt es und zeigt: nun ja, zwei eher mittelprächtige Tore eines Stürmers, der wenige Jahre zuvor tatsächlich mal Europas Torjäger des Jahres war.
Einprägsam an dem Video aus dem Frühjahr 2003 ist höchstens das spärliche Gesicht von Villarreal-Keeper Pepe Reina, später mal in Diensten des FC Bayern.
Fußball
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08/05/2020 AM 19:47
Machlas' "great goals" gegen Villarreal sollen derweil seine einzigen im Trikot der Andalusier bleiben. Der Zauber des griechischen Kopfballungeheuers ist da längst verflogen.

Nikos Machlas: Europas Top-Torjäger des Jahres 1998

Ganz anders als noch fünf Jahre zuvor.
Nikolaos, genannt Nikos, Machlas erzielt 1997/98 ganze 34 Saisontreffer für Vitesse Arnheim – und sorgt damit in ganz Europa für Aufsehen. Der Grieche wird als Top-Torjäger Europas ausgezeichnet – vor den Top-Torjägern der großen Ligen wie Oliver Bierhoff (27 Tore für Udinese Calcio), Ronaldo (25 für Inter Mailand), Christian Vieri (24 für Atlético), Ulf Kirsten (22 für Leverkusen) oder Michael Owen (18 für Liverpool). Nur Marco Negri kommt ihm mit 32 Toren für die Glasgow Rangers nahe.
Als eiskalter Torjäger verdient sich Machlas, 1996 von OFI Kreta in die Eredivisie gewechselt, innerhalb von nur zwei Jahren einen Namen.
"Ich weiß noch, wie ich 1996 aus Griechenland kam, in diese mir unbekannte Welt", erzählt Machlas später mal von seinen ersten Gehversuchen. "Im ersten Trainingslager teilte ich mir ein Zimmer mit Theo Bos, wir haben uns in gebrochenem Englisch unterhalten. Er hat mir Sachen wie 'Hallo, wie geht's' und 'Mein Name ist Nikos' auf Holländisch beigebracht. Außerdem hat er mir im Training den Rücken freigehalten und die Spieler umgegrätscht, die es auf mich abgesehen hatten. 'Schick sie einfach zu mir', hat Theo gesagt."
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Acht Tore legt Machlas in seiner Premieren-Saison hin, im Jahr drauf gelingt ihm dann beinahe alles. Zunächst trifft der 1,83 Meter große Grieche auffallend oft mit dem Kopf, mit wachsendem Selbstvertrauen scheint er außerdem immer am richtigen Fleck zu stehen.

Sirtaki in Arnheim

Das System von Trainer Henk ten Cate ist perfekt auf ihn zugeschnitten. Als kongenialer Partner liefert Dejan – genannt "DJ Superstar" – Curovic Vorlage um Vorlage. "Ich werde nicht reich, aber ich mache andere Stürmer reich", sagt Curovic, der zuvor auch Roy Makaay in Arnheim mit Assists fütterte, damals.
Und so nimmt Machlas' Fabelsaison ihren Lauf: Trifft er zuhause in Arnheim, spielen sie alsbald den Sirtaki. Gegen Utrecht, Sittard, Groningen und Volendam gelingen ihm sogar Hattricks. Die Abschlüsse des Angreifers werden immer lässiger, spielerischer: Außenrist, Lupfer, Direktabnahmen – Machlas macht einfach. Und trifft. Immer und immer wieder.
Am Ende sind es 34 Tore in 32 Spielen. Vitesse - auf Deutsch: Geschwindigkeit – schließt die Liga als Dritter ab, bis heute die beste Platzierung der Vereinsgeschichte.
In den Niederlanden reiben sie sich verwundert die Augen: Seit der Saison 1960/61 (Henk Groot, 41) hatte schließlich nur der große Marco van Basten mal mehr Tore auf dem Konto (37, 1985/86). Beiden gelang das jedoch für das große Ajax, nicht für einen kleinen Klub wie Vitesse.

Milan, Bayern oder Ajax?

Fast schüchtern hält Machlas zum Saisonende die Bronzefigur für den besten Torjäger der Niederlande in den Händen. Und später den Goldenen Schuh.
Es ist eine Anomalie der europäischen Torjäger-Geschichte, die heute so nicht mehr möglich wäre. Die UEFA hat mittlerweile die Regularien geändert – Spieler aus kleineren Ligen wie der Eredivisie bekommen nur noch den Faktor 1,5 auf ihre Tore angerechnet, die der Top-Ligen jedoch den Faktor 2.
1998/99 schließt Machlas die Liga mit 18 Toren in 31 Spielen ab, dann klopfen die Großen an. "Der AC Mailand und der FC Bayern waren interessiert, aber für mich war Ajax die beste Option", sagt er später. "Ich habe mich in Holland einfach heimisch gefühlt und hatte schon immer ein Faible für den Klub, weil Marco van Basten mein großes Vorbild war."
Für knapp neun Millionen Euro wechselt er im Sommer 1999 nach Amsterdam – doch dort beginnt sein Abstieg. Machlas steuert in den kommenden drei Spielzeiten zwar 14, 12 und 12 Liga-Tore bei, ist aber nicht unumstritten. Zudem machen ihm chronische Kniebeschwerden immer mehr zu schaffen.

Immer weniger Einsatzzeit

Jan Wouters setzt als Trainer noch auf ihn, unter Co Adriaanse und Ronald Koeman wird seine Spielzeit jedoch immer weniger. Die Saison 2001/02 wird zum Knackpunkt.
Auf die Frage, ob er seinen Stammplatz angesichts eines Emporkömmlings im Ajax-Kader in Gefahr sieht, sagt Machlas zu Beginn der Spielzeit: "Er ist ein guter Junge, hat eine große Zukunft vor sich. Am Ende geht es um gemeinsame Ziele, um Ajax." Der Konkurrent hört auf den Namen Zlatan Ibrahimovic.
Im Konkurrenzkampf mit Ibrahimovic, Shota Arveladze und Mido zieht Machlas bald schon den Kürzeren. "Ich hatte eine tolle Zeit in Amsterdam, aber ich habe nicht so viele Tore geschossen, wie es die Leute erwartet haben", sagt er heute. "Die Zeit bei Ajax war schön, aber Vitesse wird immer meine große Liebe bleiben."

Der Ferrari und das Huhn

Spaß habe er in der Double-Saison 2001/02 dennoch viel gehabt. "Ich erinnere mich, als ich mir einen Porsche 911 Turbo gekauft habe und mich Zlatan und Mido darin zum Training haben kommen sehen", erzählt Machlas 2019 in einem Interview mit der niederländischen "Vice".
"Zlatan fragte mich, wo ich das Auto gekauft habe und kam am nächsten Tag ebenfalls mit einem Porsche zum Training. Mido sah sich das an und sagte nur: 'Just wait, boys.' Einen Tag später stand neben unseren Autos ein feuerroter Ferrari und Mido sagte: 'This is class.' Er hat es uns so richtig reingedrückt. Aber das Beste sollte erst noch kommen: Eines Tages kam ein anderer, ich glaube, es war Richard Witschge, auf den Parkplatz und schmiss ein lebendes Huhn in den Ferrari. Es hat sich im Cockpit entsprechend aufgeführt. Mido hat ganz schön geflucht."

Jan van Halst, Nikos Machlas, Mido, Zlatan Ibrahimovic (v.l.) - Ajax Amsterdam 2001/2002

Fotocredit: Imago

Seine Ajax-Zeit, wenn auch mäßig erfolgreich, möchte er nicht missen. "Ich bin stolz, das Ajax-Trikot getragen zu haben und mit so vielen Weltklassespielern gespielt zu haben - Ibrahimovic, Sneijder, van der Vaart, Litmanen, Witschge, Winter, Chivu, Maxwell ... Ich würde sofort wieder unterschreiben." Auch wenn es nicht immer nur etwas zu Lachen gab. "Zlatan war verrückt, Mido richtig gefährlich. Er hat mal eine Schere nach Zlatan geworfen, die pfiff nur knapp an meinem Kopf vorbei", so Machlas.
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Aufregung in Sevilla

2002 wird er nach Sevilla ausgeliehen, doch das ist ein Reinfall. Neben seinen zwei Toren gegen Villarreal sorgt er eigentlich nur wegen eines Verkehrsdelikts für Schlagzeilen. Nach dem er in einen Stau geraten war, fährt er im April 2003 falsch in eine Einbahnstraße. Als eine Polizeistreife ihn stoppt, weigert er sich auszusteigen und sich ausweisen. Später widersetzt er sich schimpfend seiner Festnahme. Klubverantwortliche müssen ihn aus dem Polizeigewahrsam holen.

Nikos Machlas im Trikot des FC Sevilla 2003

Fotocredit: Getty Images

Im Sommer 2003 lässt Sevilla die Kaufoption ungenutzt und schickt ihn zu Ajax zurück, wo sein Vertrag aufgelöst wird. Noch bitterer: Weil Rehhagel ihn ab 2002 nicht mehr in die Nationalmannschaft beruft, verpasst Machlas, 1994 noch WM-Teilnehmer, das EM-Märchen 2004.
Während die Griechen seine Kumpels um Angelos Charisteas feiern, ist der damals 31-Jährige dabei, seinen Transfer von Iraklis Thessaloniki zu seinem Heimatklub OFI Kreta zu regeln – seinem dann vierten Verein in dreieinhalb Jahren.

Machlas bleibt ohne Champions-League-Einsatz

Zum Ende der Karriere hin versucht Machlas sein Glück 2006 noch auf Zypern bei APOEL Nikosia, wo er 2007 noch mal Meister wird und sogar noch auf zwei Einsätze in der Champions-League-Qualifikation kommt.
2008 beendet er mit 35 seine Karriere. Die Tachonadel bleibt bei 216 Toren in 519 Pflichtspielen auf Vereins- und Länderspielebene stehen. Ein großer Makel bleibt bestehen: Machlas lief nie in der Champions League auf.
Nach der Karriere bleibt der Grieche dem Fußball treu, schlägt eine Funktionärskarriere ein. In die Schlagzeilen gerät Machlas erst wieder 2015, als er seinen Heimatklub OFI Kreta aus der ersten griechischen Liga zurückzieht.

Eine Herzenssache

"Wir haben uns entschieden, uns aus diesem verfaulten Fußballsystem zu verabschieden", sagt OFI-Chef Machlas da. Vorausgegangen waren finanzielle Probleme und ein daraus bedingter Punktabzug, den OFI so nicht akzeptieren wollte. Laut Machlas wurde bei der Bestrafung gegenüber anderen Klubs mit zweierlei Maß gemessen, sein Verein stünde vergleichsweise schuldenfrei da.
Heute ist Machlas Privatier, kümmert sich in erster Linie um seine Familie. Bei Sohn Giorgios, einem Teenager, wird 2016 ein schwerer Herzfehler entdeckt. Drei Jahre lang pendelt Machlas zwischen seiner Heimat und einer Spezialklinik in Hannover hin und her. Keine einfache Zeit.
Um sich die Sorgen zu vertreiben, schaut er mit seinen zwei Söhnen einige Bundesliga-Spiele an.
Es fühlte sich an, als hätte ich die WM und die Champions League zur selben Zeit gewonnen – mal Zehn.
Am 16. März 2019 erhält Giorgios ein Spenderherz eines achtjährigen Jungen, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Für Machlas, so sagt er, fußt auf der Tragödie einer anderen Familie der schönste Tag der seinen. "Dieser Junge ist Giorgios' Engel", sagt er: "Als der Doktor sagte, sein Herzschlag sei stabil, habe ich geweint wie nie zuvor in meinem Leben. Es fühlte sich an, als hätte ich die WM und die Champions League zur selben Zeit gewonnen – mal Zehn."
Als sein ehemaliger Sturmpartner Curovic im Herbst 2019 mit nur 51 Jahren an den Folgen einer Leukämie-Erkrankung stirbt, weint Machlas erneut, diesmal bittere Tränen. "Er wirkte noch so fit", sagt er. "DJ hat immer für Giorgios gebetet. Jetzt zünden wir für ihn Kerzen an."

Leo Beenhakker (l.) mit Nikos Machlas 2019

Fotocredit: Imago

Die eigene sportliche Laufbahn scheint Machlas mittlerweile weit weg. Das größte Beweisstück seiner Karriere, der goldene Schuh, existiert aber noch. Auf Kreta. "Meine Mutter hat ein Zimmer im Haus, in dem sie alles aufbewahrt hat: Zeitungsausschnitte, Trikots, Fotos – und den Goldenen Schuh. Es ist wie ein kleines Museum", sagt Machlas.
Und: "Sie ist sehr stolz auf mich. Wenn ich mal eine Zeitreise machen will, muss ich nur dieses Zimmer betreten. Es tut gut, sich ab und zu an die schönen Momente des Lebens zu erinnern. Wenn ich dann an meine Zeit in den Niederlanden zurückdenke, zaubert es mir immer ein Lächeln ins Gesicht."
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
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