Die deutsche Nationalmannschaft hat zum Auftakt des olympischen Fußballturniers einen herben Dämpfer erlitten.
Gegen starke Brasilianer konnte das DFB-Team, das in Tokio weitestgehend aus U21-Nationalspielern zusammengesetzt ist, vor allem in der ersten Halbzeit nur schwer mithalten. Das Endergebnis von 2:4 hätte sogar noch höher ausfallen können.
Gerade in der Abwehr offenbarte die deutsche Mannschaft Schwächen, die so beim U21-EM-Turnier vor wenigen Wochen noch nicht zu sehen waren.
Olympia - Fußball
Lange Zeit chancenlos: Deutschland verliert gegen Topfavorit Brasilien
22/07/2021 AM 13:41
Auch der dünne Kader könnte Deutschland im Laufe des Turniers noch Probleme bereiten.
Drei Dinge, die uns bei Deutschland gegen Brasilien auffielen:

1. Deutschlands Abwehr vogelwild – Müller verhindert Schlimmeres

Schon vor dem Spiel wurde vor den spielstarken und trickreichen Brasilianern gewarnt. In den ersten Minuten bekamen die deutschen Spieler diese Qualität des Gegners mit voller Wucht zu spüren. Immer wieder kombinierten sich die Brasilianer durch die deutschen Reihen oder setzten zum Tempodribbling an. Die DFB-Kicker kamen zu oft zu spät und liefen von Beginn an hinterher.
"Wir waren überhaupt nicht da. Wir sind erst gelaufen, wenn der Pass schon gespielt war", merkte Max Kruse nach dem Spiel an. Die Quittung gab es schon nach wenigen Minuten. Erst bekam die Mannschaft im Mittelfeld keinen Zugriff, dann verlor Innenverteidiger Amos Pieper seinen Gegenspieler Richarlison aus den Augen. Der Stürmer vom FC Everton sprintete im Rücken von Pieper, der sich zu langsam um die eigene Achse drehte, in die Tiefe und zog unbedrängt auf das Tor zu. Zwar scheiterte Richarlison noch im ersten Versuch an Schlussmann Florian Müller, der Nachschuss zur 1:0-Führung saß aber.

Kruse nach Brasilien-Pleite selbstkritisch: "Waren nicht da!"

Ohnehin stand Pieper sinnbildlich für die deutschen Abwehrprobleme an diesem Abend. Immer wieder entwischte ihm sein Gegenspieler und auch im Aufbauspiel leistete er sich ungewohnte Patzer. Beim 0:2 köpfte Richarlison freistehend im Rücken von Pieper aus kurzer Distanz ein. Beim 0:3 ließ der Bielefelder dem Brasilianer zu viel Platz. Zur Pause musste Pieper, der beim U21-Europameistertitel vor wenigen Wochen noch der Fels in der Brandung war, dann vom Platz.
Doch auch seine Nebenleute in der Abwehr machten kaum einen besseren Eindruck. Felix Uduokhai zog im Eins-gegen-Eins mit Matheus Cunha und bei Laufduellen nach langen Bällen häufig den Kürzeren. Auch Linksverteidiger David Raum erwischte abgesehen von seiner Torvorlage zum 2:3 einen gebrauchten Abend und leistete sich einige haarsträubende Fehlpässe. Sein Pendant auf der rechten Seite, Benjamin Henrichs, eröffnete durch fehlerhaftes Positionsspiel immer wieder Lücken, die die Brasilianer gnadenlos ausnutzten. So auch beim zweiten Gegentor, als der Leipziger zu hoch stand und Maximilian Arnold die Flanke in die Mitte nicht mehr rechtzeitig verhindern konnte.

Sechs Tore, keine Chance: Die Highlights zur DFB-Pleite gegen Brasilien

Dass sich die Unzulänglichkeiten in der Defensive nicht noch stärker im Ergebnis niederschlugen, war ausgerechnet dem Mann zu verdanken, der den Ball viermal aus dem eigenen Netz holen musste. Florian Müller zeigte insgesamt eine starke Partie. Wehrte er den Ball vor dem 0:1 noch etwas unglücklich vor die Füße von Richarlison ab, rettete er im Anschluss seinen Vorderleuten gleich mehrfach die Haut.
"Flo Müller hat uns komplett im ganzen Spiel gehalten", lobte auch DFB-Trainer Stefan Kuntz seinen Keeper. Müller, der im Sommer von Mainz 05 zum VfB Stuttgart wechselte, vereitelte alleine gegen Richarlison (15.), Cunha (52.) und Bruno Guimaraes (75.) noch mehrere hochkarätige Chancen.
Den Glanzpunkt setzte der 23-Jährige mit dem gehaltenen Elfmeter, als er reaktionsschnell in die aus Sicht des Schützen linke Ecke abtauchte und mit beiden Fäusten gegen Cunha parierte (45.+2).

Elfmeter gehalten: Müller pariert sensationell gegen Cunha

2. Richarlisons Olympia-Deal mit Everton hat sich schon gelohnt

Ein Hauptgrund für die deutschen Defensivprobleme personifizierte sich in Brasiliens Stürmerstar Richarlison. Dass der 24-Jährige bei diesem olympischen Turnier überhaupt auflaufen durfte, benötigte einiges an Überzeugungsarbeit. Der FC Everton war nicht gerade begeistert davon, dass der 32-fache Nationalspieler nach Tokio reisen wollte und damit einen Großteil der Vorbereitung des Premier-League-Klubs verpassen würde. In den Wochen zuvor war er nämlich bereits mit der brasilianischen A-Elf bis ins Finale der Copa América vorgedrungen und hatte dabei fünf Mal in der Startelf gestanden.
"Ich habe mit Everton viel diskutiert, ob ich fahren darf. Für mich ist Olympia wichtig, gerade auch mit Blick auf die WM 2022, um Erfahrung zu sammeln. Als ich die Erlaubnis hatte, habe ich mich riesig gefreut", erklärte Richarlison die Problematik. Als Gegenleistung soll der von diversen Topvereinen umworbene Brasilianer dann aber sein Zugeständnis gegeben haben, Everton auch über den Sommer hinaus erhalten zu bleiben.

Per Schlenzer: Richarlison schnürt gegen DFB-Elf den Hattrick

Nach diesem ersten Spiel sieht es nun danach aus, als wäre die Abmachung eine Win-Win-Situation für beide Seiten gewesen. Mit seinem lupenreinen Hattrick innerhalb der ersten 30 Minuten konnte Richarlison seine Ansprüche in der Nationalelf untermauern. Und auch seinen Marktwert (aktuell 55 Millionen Euro) dürfte die Leistung zur Freude Evertons nicht geschmälert haben.
Dabei hätte es nicht einmal bei den drei Toren bleiben müssen. Alleine in Hälfte eins hatte Richarlison noch zwei gute Gelegenheiten, seinen Kontostand nach oben zu schrauben. Nach einem verheerenden Kopfball-Fehlpass von Pieper tauchte der 24-Jährige frei vor Müller auf, doch der Keeper vom VfB Stuttgart konnte ihm den Ball noch vom Fuß klauen (15.). Und auch kurz nach seinem dritten Treffer erhielt Richarlison noch eine Gelegenheit für einen Abschluss im Strafraum. Im letzten Moment bekam Uduokhai allerdings die Fußspitze an den Ball (34.).
Auch wenn es der Stürmer wie die gesamte brasilianische Mannschaft in der zweiten Hälfte etwas ruhiger angehen ließ, konnte er viel Eigenwerbung betreiben. Insbesondere Pieper als sein direkter Gegenspieler dürfte in seinen Träumen noch vom Brasilianer verfolgt werden.

3. Die Absagen der EM-Helden schmerzen Kuntz

Die Absagenflut im Vorfeld des olympischen Turniers wollten weder Florian Müller noch Stefan Kuntz nach dem Spiel als Ursache für den Fehlstart der DFB-Elf festmachen. Dennoch zeigte die Auftaktniederlage, dass dem Rumpfkader im Vergleich zur erfolgreichen U21-Europameisterschaft einige Säulen fehlten. 100 Spieler hatte Trainer Kuntz angeblich auf seiner Liste möglicher Akteure für das Turnier, 18 - darunter drei Torhüter - fuhren schließlich nach Tokio.
Aus der Startelf des Finales gegen Portugal (1:0) waren in Tokio nur noch Pieper, Raum und Arne Maier übrig geblieben. Dagegen fehlten Leistungsträger wie Ridle Baku und Nico Schlotterbeck in der Abwehr, Niklas Dorsch und Florian Wirtz im Mittelfeld und Mergim Berisha sowie Lukas Nmecha in der Offensive.
Zwar durfte U21-Coach Kuntz in Maximilian Arnold, Max Kruse und Nadiem Amiri drei Spieler nominieren, die vor 1997 geboren wurden, doch auch die Routiniers konnten das Fehlen vieler EM-Helden nicht auffangen.
Arnold übernahm die Organisation im Zentrum, hatte aber bis zur Systemumstellung auf zwei Sechser einen schweren Stand. Nach etwas mehr als einer Stunde sah der Kapitän dann die Gelb-Rote Karte, für die Kuntz nach der Partie die Verantwortung übernahm. "Ich habe gedacht, dass Maxi Arnold durch das Spiel durchkommt. Das muss ich mir selber ein bisschen ankreiden, dass ich ihn nicht früher rausgenommen habe", erklärte Kuntz und fügte an: "Er ist einfach wichtig für unser Spiel und da waren zwei Seelen in mir."
Der auffälligste Feldspieler im DFB-Team war aber Amiri, der als einziger Akteur auch über Einzelaktionen ein wenig Gefahr heraufbeschwören konnte. "Er war sehr fleißig, er war sehr umtriebig", lobte auch Eurosport-Experte Mirko Slomka. Amiris Treffer zum zwischenzeitlichen 1:3 war der Lohn für die Bemühungen, auch wenn Brasiliens Keeper Santos dabei keine gute Figur abgab.

Torwart sieht nicht gut aus: Amiri verkürzt für die DFB-Elf

Völlig blass blieb dagegen Max Kruse, von dem sich die Mannschaft eigentlich die kreativen Impulse erhofft hatte. Ohne einen weiteren, körperlich starken Stürmer an seiner Seite, schaffte es der 33-Jährige aber nie, sich von seinen Gegenspielern zu lösen und die Zwischenräume gut zu bespielen.
Dieser Umstand deckte auch die größte Schwäche im deutschen Kader auf. Mit Ragnar Ache und Cedric Teuchert hatte Kuntz nur zwei weitere Kräfte für die vorderste Front von der Bank aus in der Hinterhand. Eduard Löwen ist hinter den Spitzen besser aufgehoben.

Kuntz gibt nach verpatztem Auftakt zu: "Das war ein Fehler"

Insgesamt bleibt dem Trainer ohnehin nur wenig Handlungsspielraum für personelle wie auch taktische Variationen. Letztendlich kamen gegen Brasilien alle 15 Feldspieler des Kaders zum Einsatz. Im nächsten Spiel gegen Saudi-Arabien wird in Arnold ein ganz wichtiger davon bereits gesperrt fehlen. Auch den nun gelb-vorbelasteten Pieper, Henrichs und Torunarigha droht bei der nächsten Verwarnung eine Sperre.
Kuntz muss deshalb schon am zweiten Spieltag der Gruppenphase jonglieren, um die Lehren aus der Niederlage mit den personellen Voraussetzungen unter einen Hut zu bringen. Seine Hoffnung wird deshalb darauf ruhen, dass Spieler wie Pieper, Raum und Kruse eine Leistungssteigerung hinlegen.
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