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Allein gegen alle: Warum Liverpool in England kaum jemand den Titel gönnt

Allein gegen alle: Warum Liverpool in England kaum jemand den Titel gönnt

07/05/2019 um 10:02Aktualisiert 07/05/2019 um 23:53

Der FC Liverpool begeistert mit spektakulärem Fußball und streitet mit Manchester City um den Titel. Viele Deutsche drücken dem Team von Trainer Jürgen Klopp im Kampf um die englische Meisterschaft die Daumen. Das jedoch stellt sich im Mutterland des Fußballs ganz anders dar. Einige Briten würden sogar eher einen Abstieg ihres Klubs ertragen, als die "Reds" ganz oben zu sehen. Warum ist das so?

37 Spiele hat der FC Liverpool in dieser schon jetzt historischen Premier-League-Saison bislang hinter sich gebracht. Unglaubliche 94 Punkte stehen auf der Habenseite. Nach dem letzten Heimspiel gegen Wolverhampton werden es voraussichtlich 97 sein.

    Und trotzdem wird es wohl nicht zur ersten Meisterschaft seit 29 Jahren reichen - denn Manchester City, der große Widersacher aus der Nachbarstadt, hätte einen mickrigen Zähler mehr. Ein Umstand, der vom großen Teil der britischen Fußballfans wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.

    Anders als in Deutschland, wo die "Reds" seit der Verpflichtung von Jürgen Klopp so etwas wie "Everybodys Darling" sind, ist der Klub aus dem Norden auf der Insel alles andere als beliebt. So ziemlich niemand will den entthronten Rekordmeister wieder ganz oben sehen.

    Psychologischer Angriff mit Oasis-Songs

    "Gegen uns strengen sich alle besonders an", stellte Klopp vor einigen Wochen fest als beim FC Everton nur ein torloses Unentschieden herausgesprungen war. Das war am 3. März - der letzte Punktverlust des FC Liverpool.

    Selbst Evertons Stadion-DJ hatte sich an der psychologischen Kriegsführung beteiligt und vor der Partie und in der Halbzeit drei Songs der Band Oasis aus Manchester, deren Mitglieder erklärte City-Ultras sind, gespielt. Das war ganz sicher kein Zufall.

    Klar, die "Toffees" sind Liverpools Stadtrivale, dennoch steht diese Episode sinnbildlich für die Stimmungslage. Selbst zahlreiche Manchester-United-Fans sehen eine Meisterschaft des ungeliebten Stadtrivalen City als das kleinere Übel an.

    “United-Fans sind in einer schwierigen Situation”, sagt Kyle Walker von Manchester City. "Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, kommen sie zu mir, weil sie wollen, dass wir die Meisterschaft für Liverpool verhindern."

    20 Prozent der befragten United-Anhänger sagten in einer Umfrage unlängst sogar, sie würden lieber den Abstieg des eigenen Teams ertragen, als Liverpool über die Meisterschaft jubeln zu sehen. Warum ist das so?

    ManCity wird weniger kritisch gesehen

    Pep Guardiolas von Abu Dhabis Öl-Milliarden geförderte Übermannschaft genießt in England deutlich höheres Ansehen als im Rest Europas. Britische Fußballfans sind seit vielen Jahren gewohnt, dass Unternehmer Klubs erwerben oder durch den Fernsehvertrag unanständig hohe Summen in die Liga gepumpt werden. Citys Finanzkonstrukt ist hier nichts Außergewöhnliches.

    Außerdem hat Guardiola der Premier League seit seiner Ankunft viel Ansehen gebracht. Die attraktive Spielweise der "Citizens" stößt nicht nur bei den eigenen Anhängern auf Gegenliebe.

    Pep Guardiola und Jürgen Klopp

    Pep Guardiola und Jürgen KloppGetty Images

    Hinzu kommt der Faktor Tradition. Liverpool war über Jahre der alles überstrahlende Verein. Rekordmeister und Seriensieger in den 1980er Jahren. Seitdem gibt es eine unterschwellige Abneigung gegen den Traditionsklub von der Mersey.

    Zudem sind die "Reds" selbstredend nicht der klamme Emporkömmling, der den reichen Platzhirschen herausfordert. Ein Blick auf die Transferausgaben genügt, um das zu verstehen. Allein vor der Saison 2018/19 gab Liverpool für Alisson Becker (62,5 Millionen Euro), Fabinho (45 Mio.), Xherdan Shaqiri (14,7 Mio.) und Naby Keita (60 Mio.) stolze 182,2 Millionen Euro aus - nur Juventus Turin war europaweit spendabler.

    Seit 2010 befindet sich der Verein zudem im Besitz der "Fenway Sports Group" (FSG). US-Milliardär John W. Henry und der ehemalige TV-Produzent Tom Werner stehen an der Spitze des Unternehmens, welches rund 400 Millionen Euro zahlte.

    So oder so: Die endgültige Titelentscheidung fällt definitiv erst am letzten Spieltag am 12. Mai. "Es liegt in meiner Verantwortung, mit diesem Klub so erfolgreich wie möglich zu sein", weiß Klopp. Gegen alle Widerstände...