Jürgen Klopp hat von Anfang an erkannt, worauf es beim Liverpool Football Club ankommt: auf Emotionen.

"Ich möchte einen emotionalen Fußball spielen, denn anders funktioniert es nicht in Anfield", versprach Klopp also am 8. Oktober 2015 auf seiner ersten Pressekonferenz als Teammanager der Reds.

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Und natürlich musste er auch die Frage beantworten, wie er mit der Erwartung umgehe, dass er die Mannschaft zur ersten Meisterschaft seit 1990 führen soll.

"25 Jahre sind eine lange Zeit, aber es ist nicht ratsam, diesen schweren Rucksack immer mit sich herumzutragen", dozierte der Star-Coach, der schon am ersten Tag Kultstatus erlangte in Liverpool.

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Das mit den Emotionen und dem Rucksack hatte Klopp genau richtig eingeschätzt, wie sich zeigen sollte. Es dauerte nämlich weitere fünf Jahre, bis der LFC im 30. Jahr seiner Titellosigkeit in Englands Eliteliga den Bann durchbrechen konnte - und zum 19. Mal Meister wurde.

Ein langer Weg, der deshalb ans Ziel führte, weil das Team im Laufe der Zeit im besten Sinne immer "beKloppter" wurde. Der erste deutsche Trainer der Klub-Historie hatte den Verein damals in der Krise übernommen und bastelte dann solange an der Zusammensetzung des Kaders, bis dieser keine Schwachstellen mehr hatte und durchgehend Weltklasse-Niveau aufwies.

Klopp treibt den Punkteschnitt in ungeahnte Höhen

Gingen die ersten drei Finals der Ära Klopp in Ligapokal (2016), Europa League (2016) und Champions League (2018) noch verloren, hagelt es seit 2019 Titel. FIFA Klub-Weltmeister, Champions-League-Sieger und UEFA-Supercup-Champion wurde Liverpool im vergangenen Jahr.

Einzig die Tatsache, dass man mit nur einer Saisonniederlage und 97 Punkten (!) trotzdem "nur" Vizemeister hinter Manchester City wurde, schmerzte. Nun hat Klopp die Wunde also geheilt, den Schmerz vertrieben.

"Klopp hat das alles erschaffen": Reds-Fans lassen ihren Emotionen freien Lauf

Der Erfolg lässt sich aber nicht nur mit den großen Emotionen erklären, die sich durch Klopps Kommen noch verstärkt haben - es sind auch die harten Fakten, die für sich sprechen.

In der ersten Premier-League-Saison unter dem neuen Teammanager ging der LFC 2015/2016 mit einem Schnitt von 1,58 Punkten pro Partie durchs Ziel. Im zweiten und dritten Klopp-Jahr waren es bereits 2,0 beziehungsweise 1,97 Punkte pro Begegnung - ehe der Wert auf 2,55 stieg.

In der laufenden Meister-Saison fuhren die Reds furiose 2,77 Punkte pro Spiel ein. Damit kann Liverpool sogar noch den von Manchester City gehaltenen Liga-Rekord von 100 Punkten knacken.

Jürgen Klopp bei der Arbeit an der Seitenlinie

Fotocredit: Getty Images

All' das ist eine Folge der gezielten Transfers. 2016 und 2017 stärkte Klopp die Offensive, holte zuerst Sadio Mané vom FC Southampton und danach Mohamed Salah von AS Rom an Bord. Das Duo bildet seitdem die wohl beste Flügelzange der Welt.

Alisson und van Dijk heben Liverpool auf neues Niveau

Es zeigte sich allerdings, dass Liverpool defensiv noch nicht auf höchstem Level agierte. Und wieder wurde das Team perfekt ergänzt. 2018 holte man im Januar Virgil van Dijk für knapp 85 Millionen Euro vom FC Southampton - was zu diesem Zeitpunkt die höchste Summe war, die je für einen Abwehrspieler bezahlt wurde. Im Sommer lotste Klopp dann den bis dato teuersten Torhüter an die Anfield Road. Alisson Becker kam für 62,5 Millionen Euro aus Rom und ersetzte den bei Liverpool glücklosen Loris Karius.

"Außergewöhnlich!" Klopp schwärmt von seiner Mannschaft

"Sie mögen sehr viel ausgegeben haben für Spieler wie Alisson oder van Dijk, aber jeder Penny hat sich auf dem Platz ausgezahlt", erläutert der britische Journalist John Burn-Murdoch und untermauert dies mit einer beeindruckenden Grafik. Setzt man die Ausgaben zu den Spielminuten der Neuzugänge in Relation, wird klar, dass Liverpool aus dem Kreis der sogenannten "Big Spender" den besten Schnitt gemacht hat:

Die beiden Mega-Transfers Alisson und van Dijk entpuppten sich als absolute Glücksfälle und hoben die Mannschaft endgültig auf das höchste Niveau.

Defensiv-Statistiken immer besser bei den Reds

In Zahlen ausgedrückt heißt das: 2018/2019 stellte Liverpool mit nur 22 Gegentoren die beste Defensive der Premier League und auch in dieser Spielzeit bedeuten bislang 21 Gegentreffer den Liga-Bestwert. Zum Vergleich: In der ersten Klopp-Saison, der Deutsche übernahm am 9. Spieltag das Amt von Brendan Rodgers, zappelte der Ball satte 50 Mal im Netz des Liverpooler Gehäuses.

Und noch etwas fällt auf in dieser Saison: die Coolness der Mannschaft. 14 von 28 Siege brachten die Reds mit nur einem Tor Unterschied unter Dach und Fach. Die Balance zwischen Verteidigen, Angreifen und Ballbehauptung im Mittelfeld ist nahezu perfekt.

Alisson Becker und Virgil van Dijk geben Liverpools Abwehr Stabilität

Fotocredit: Getty Images

Ein weiteres Plus: Die Klopp-Auswahl ist nicht mehr in dem Maße von einzelnen Superstars abhängig wie viele andere Topmannschaften. 16 verschiedene Spieler trugen sich in dieser Saison schon in die Torschützenliste ein, 14 Profis glänzten als Assistgeber.

Liverpool-Verteidiger beleben den Angriff

Bemerkenswert ist die Rollenverteilung, die Klopp den verschiedenen Mannschaftsteilen inzwischen zuweist. "Das zentrale Mittelfeld ist nun mehr für die Ballkontrolle zuständig als für das Herausspielen von Chancen", analysiert Burn-Murdoch. "Gleichzeitig springen die Verteidiger ein und kreieren inzwischen mehr Torchancen als das Mittelfeld."

Tatsächlich haben die Verteidiger in der laufenden Saison fast ein Drittel (32 Prozent) aller Tormöglichkeiten für die Reds herausgespielt. In der Saison, bevor Klopp in Liverpool an der Seitenlinie stand, waren es ganze fünf Prozent.

Das Gesamtpaket, das der LFC derzeit beisammen hat, ist konkurrenzlos in der Premier League. Einziger Wermutstropfen im triumphalen Saisonfinale: Aufgrund der Corona-Pandemie müssen Klopp und seine Profis vor leeren Rängen spielen und somit auf die einzigartige Anfield-Atmosphäre verzichten.

Klopp beruhigte die Anhängerschaft allerdings und versprach gegenüber der "BBC", dass es in Liverpool "eine Parade geben wird. Wann auch immer." Denn auf die Emotionen kommt es an bei den Roten, das war Klopp ja von Beginn an klar ...

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