Zugegeben, die Premier League ist dieser Tage nur schwer zu durchschauen. Manchester United war am Dienstag noch Achter und steht nun auf Rang drei. Tottenham Hotspur grüßte dagegen am Mittwochnachmittag noch von der Tabellenspitze, fand sich am Sonntag aber nur noch auf Platz fünf wieder. Verrückte Zeiten.
Den bemerkenswertesten Absturz der Saison legte jedoch der FC Arsenal hin. Nach dem 3:0 gegen den FC Fulham zum Saisonauftakt noch Spitzenreiter, finden sich die Gunners mittlerweile nur noch auf Rang 15 wieder.
In zuletzt sieben Spielen ohne Sieg brachte das Team von Mikel Arteta in keinem Spiel mehr als ein Tor zustande. Mit der viertschlechtesten Offensive der Premier League (nur zwölf Tore in 14 Spielen) ist Arsenal schon fast so etwas wie eine Konstante der negativen Art geworden - neben Schlusslicht Sheffield United, das am Sonntag immerhin seinen zweiten Zähler sammelte.
Premier League
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In einer Liga, in der Meister Liverpool 2:7 bei Aston Villa verliert, um ein paar Wochen später 7:0 bei Crystal Palace zu gewinnen, ist Arsenal nach dem 1:2 beim FC Everton nun den Abstiegsrängen deutlich näher als den eigentlich anvisierten Europapokalplätzen. Die Euphorie, die das verjüngte Arsenal mit dem FA-Cup-Gewinn im Sommer entfacht hatte, hat sich in Apathie umgekehrt.

Schicksalsspiel bei Chelsea für Arteta?

"Ich weiß, wie schwierig die Lage ist und dass ich eines Tages entlassen werde", sagte Arteta, der seinen Job bei Arsenal vor ziemlich genau einem Jahr angetreten hatte (22. Dezember 2019), "ich weiß aber nicht, wann das passieren wird." Solange er das Mandat habe, sei seine Energie nur darauf gerichtet, "die Mannschaft aus dieser Lage rauszuholen und den Spirit der Mannschaft oben zu halten".
Der Schachzug, Arteta im Sommer mit mehr Kompetenzen auszustatten, ist den Nordlondonern auf die Füße gefallen – und machte sie nun auch ein stückweit handlungsunfähig. "Ihn sechs Monate nach diesem Move zu entlassen, wäre eine große Peinlichkeit, die sich die Arsenal-Bosse momentan noch nicht leisten wollen", weiß Arsenal-Experte Tom Adams von Eurosport.co.uk in London.
Laut "Daily Express" soll Arsenals Technischer Direktor Edú Gaspar Arteta allerdings schon die Pistole auf die Brust gesetzt haben. Das League-Cup-Spiel gegen Manchester City am Dienstag (21:00 Uhr im Liveticker) mal außen vor gelassen, könnte das Derby beim FC Chelsea am Boxing Day (Sa., 18:30 Uhr im Liveticker) schon zu einem ersten Schicksalsspiel für Arteta werden.

Arteta verspielt seinen (Fan)-Kredit

In der Öffentlichkeit wird der Spanier durchaus kontrovers diskutiert. Der ehemalige Assistent von Pep Guardiola habe bei den Arsenal-Fans als Ex-Profi der Gunners zwar Kredit, "aber er ist nicht Patrick Vieira oder Thierry Henry. Die meisten Fans würden es wohl recht gleichgültig hinnehmen, wenn er in naher Zukunft geschasst werden würde", vermutet Adams.
Die Probleme der Gunners nur am Manager, wie Artetas Job in London heißt, festzumachen, greift dann allerdings doch zu kurz. Zumal der Spanier bei seinen Spielern hohes Ansehen genießt. "Die meisten Profis schwärmen in den höchsten Tönen von ihm und seiner Art und sehen die Schuld für die Misere eher bei sich selbst", so Adams.
Andererseits: Acht Niederlagen in 14 Spielen und eine Sieglos-Serie von sieben Partien fallen irgendwann unweigerlich auch auf den Trainer zurück, der offenkundig nicht die richtigen Mittel findet, das Ruder rumzureißen. "Arteta wird nicht mehr lange im Amt bleiben, wenn die Abstiegssorgen anhalten", schrieb beispielsweise die "Sun" nach der Pleite in Everton.

Aubameyang nicht wiederzuerkennen

Dass Kapitän Pierre-Emerick Aubameyang seit seiner Vertragsverlängerung im Spätsommer nicht mehr derselbe zu sein scheint, hilft Arteta dabei nicht unbedingt weiter.
Der Gabuner steht bei nur drei Saisontoren, sein Tor zum 1:1-Endstand gegen Southampton am Mittwoch beendete immerhin seine 648 Minuten andauernde Flaute im heimischen Emirates Stadium. Drei Tage zuvor hatte Aubameyang noch mit einem Eigentor für die Heimniederlage gegen Burnley gesorgt (0:1). Bei Everton fehlte er derweil angeschlagen.

Pierre-Emerick Aubameyang

Fotocredit: Getty Images

"Das eine Problem mit Aubameyang ist, dass er diese Saison oft auf dem linken Flügel spielen muss. Das führt zu albernen Situationen, in denen er auf Willian flanken muss – und nicht umgekehrt", schildert Eurosport-Experte Adams das eine Dilemma.
Das zweite: "Aubameyang hat gewiss zahlreiche Qualitäten, aber er ist keiner, der aus dem Nichts heraus das Spiel an sich reißt und Partien im Alleingang entscheidet. Arsenal hat ein Kreativ-Problem im Mittelfeld und das schlägt sich besonders in Aubameyangs Torausbeute nieder."

Millionengrab Arsenal-Kader

Womit man zwangsläufig bei der größten Baustelle der Gunners ist: der Kaderzusammenstellung. Ja, unter Arteta hat Arsenal den Kader deutlich verjüngt und breiter aufgestellt. Allerdings haben die Gunners seit 2014/15 auch sage und schreibe 17 Spieler mit einer Ablöse über 20 Millionen Euro geholt - als Volltreffer lässt sich dabei allerdings nur Aubameyang (kam 17/18 für ca. 65 Mio. vom BVB) bezeichnen.
Eine kurze Auswahl: Nicolas Pépé hat die in ihn 2019 investierten 80 Millionen Euro noch nicht ansatzweise rechtfertigen können.
Alexandre Lacazette (53 Mio., 17/18) spielt und trifft zu unbeständig, Mesut Özil (47 Mio., 14/15) holt bei den Gunners bis Saisonende nur noch seine Gehaltschecks ab, Alexis Sánchez (43 Mio., 14/15) kickt wie Henrich Mchitarjan (34 Mio., 17/18) längst woanders, Shkodran Mustafi (41 Mio., 16/17) spielte diese Saison gerade mal 43 Premier-League-Minuten und so weiter.
Der vor dieser Saison für 50 Millionen Euro von Atlético Madrid verpflichtete Thomas Partey stand dafür verletzungsbedingt erst in zwei Premier-League-Spielen über 90 Minuten auf dem Platz.

Xhaka im Kreuzfeuer der Kritik

Bedeutet in der Konsequenz: "Sie brauchen im Winter dringend neue Spieler", sagt Eurosport-Experte Adams, "vor allem in der Mittelfeldzentrale, die momentan einfach einen verheerenden Eindruck macht." Einfach wird das jedoch angesichts der Aussicht, das internationale Geschäft für 2021/22 zu verpassen, jedoch nicht.
Im Arsenal-Mittelfeld steht derweil Ex-Gladbacher Granit Xhaka steht dort im Kreuzfeuer der Kritik. Der Schweizer fällt abwechselnd mit schlechten Leistungen oder Undiszipliniertheiten (z.B. Rot gegen Burnley) auf und ist für Teile der Arsenal-Anhänger längst zum roten Tuch geworden.
Ein Beispiel: Ex-Manchester-Star Patrice Evra plapperte kürzlich live im Fernsehen aus, dass die Gunners-Legende Thierry Henry bei einem jüngst gemeinsam verbrachten Fernsehabend abgeschaltet habe, als er Xhaka Arsenal mit der Kapitänsbinde aufs Feld führen sah. "Ich kann mir das einfach nicht ansehen", soll Henry laut Evra gesagt haben.

Arsenal braucht Kreativität

"Neben Xhaka erfüllen aber auch Dani Ceballos und Mohamed Elneny nicht den gewünschten Standard, den Arsenal im Mittelfeld bräuchte", meint Adams. Der Klub suche daher dringend einen kreativen Mittelfeldspieler, der Chancen heraufbeschwören kann - "was sich ziemlich paradox anhört angesichts der Tatsache, dass es Mesut Özil meist nicht mal in den Kader schafft", so der Eurosport-Experte. In diese Situation habe sich der Klub aber selbst hineinmanövriert.
Negativ auf Arteta zurückfällt derweil die Tatsache, dass Arsenal drei der letzten sechs Pflichtspiele nach Platzverweisen in Unterzahl beenden musste.
"Disziplinlosigkeiten sind ein massives Problem, dass Arteta unbedingt in den Griff kriegen muss, wenn er nochmal die Kurve kriegen will", sagt Adams: "Dass seine Spieler schlechte Leistungen durch übermäßige Aggressivität kompensieren wollen, ist jedenfalls keine gute Idee."
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