Premier League - Brighton and Hove Albion begeistert England: Pascal Groß und Co. sorgen für Möwen-Märchen

Brighton and Hove Albion hat sich im Schatten der englischen Schwergewichte zu einem ernst zu nehmenden Anwärter auf die europäischen Plätze gemausert. Die Gründe für die beeindruckende Entwicklung des Traditionsklubs sind mannigfaltig. Top-Talente, ein Trainer mit einer klaren Idee, ein Besitzer mit Lokalkolorit und ein Ass aus Deutschland haben ihren Anteil am Höhenflug der Möwen.

Brighton and Hove Albion überzeugt auf ganzer Linie

Fotocredit: Getty Images

Ein Vergnügungspark auf einem Pier, ein orientalisch anmutendes Museum, bezaubernde Gassen. Das Seebad Brighton erfreut sich aufgrund seiner Lage am Ärmelkanal und der Nähe zur Metropole London vor allem bei englischen Touristen enormer Beliebtheit.
Spaziergänge am Strand oder eine Fahrt auf dem 50 Meter hohen Brighton Wheel locken die Menschen an die Küste. Mittlerweile hat sich eine weitere Attraktion in der Stadt etabliert: Der dortige Fußballverein Brighton and Hove Albion.
2017 stieg der Klub erstmals in die Premier League auf, seither ist er fester Bestandteil der englischen Beletage. In den ersten vier Spielzeiten kämpften die Seagulls, die Möwen, stets gegen den Abstieg, in der vergangenen Saison sorgte Brighton aber auch jenseits der Insel für Aufsehen. Trainer Graham Potter führte die Mannschaft in die oberen Tabellengefilde, nach sieben Spieltagen stand ein Champions-League-Platz zu Buche.
Dann setzte der FC Chelsea Trainer Thomas Tuchel vor die Tür und schnappte Brighton Potter weg. Als Entschädigung überwiesen die Blues immerhin noch 21 Millionen Pfund an die Seagulls. Während Potter beim großen Klub aus der großen Stadt nie richtig Fuß fasste, knüpfte dessen Nachfolger Roberto De Zerbi quasi nahtlos an die Erfolge an. Potter wurde bei Chelsea nach nur sieben Monaten geschasst, De Zerbi landete mit Brighton auf dem sechsten Rang.

Drei Leistungsträger suchen das Weite

Die beste Platzierung in der 111-jährigen Geschichte des Vereins. Europa-League-Teilnahme on top. Doch die Medaille des Erfolgs hat bekanntermaßen häufig eine Kehrseite. Im Falle der Seagulls bedeutete dies, dass die Leistungsträger ins Visier der englischen Schwergewichte gerieten – und schließlich den prestigeträchtigen Namen verfielen.
Der Abgang eines essenziellen Trios, der die Frage aufwarf, ob Brighton in der neuen Spielzeit womöglich einbrechen könnte. Nach vier absolvierten Partien heißt die erste Wasserstandsmeldung: Mitnichten! De Zerbis Truppe feierte bis dato drei überzeugende Siege (4:1 gegen Aufsteiger Luton, 4:1 in Wolverhampton, 3:1 gegen Newcastle United) und musste lediglich eine Niederlage hinnehmen (1:3 gegen West Ham). Keine englische Mannschaft kommt aktuell auf mehr Tore.

Juwel Ferguson startet durch

Erheblichen Anteil an der Ausbeute hat Top-Talent Evan Ferguson. Ein Drittel der Treffer gehen auf das Konto des 18-jährigen Iren. Am vergangenen Wochenende erledigte Ferguson Newcastle mit einem Hattrick nahezu im Alleingang und reihte sich damit in eine namhafte Riege ein. Nach Chris Bart-Williams, Robbie Fowler und Michael Owen avancierte er zum vierten Spieler in der Premier-League-Geschichte, der im Alter von 18 Jahren (oder jünger) einen Dreierpack erzielte.
picture

Traf dreimal gegen Newcastle: Evan Ferguson

Fotocredit: Getty Images

Coach De Zerbi geriet im Nachgang ins Schwärmen: "Ich freue mich für ihn. Seine Qualitäten reichen aus, um ein ganz großer Spieler zu werden", sagte der Italiener im Gespräch mit "Sky". De Zerbi ergänzte: "Er kann einer der besten, wenn nicht der beste Torschütze in Europa werden. Er wurde 2004 geboren, er ist 18. Ich weiß nicht, wie viele junge Spieler es gibt, die schon so viele Tore schießen wie er." Der große Unbekannte ist Ferguson aber längst nicht mehr, immerhin hatte der Youngster schon in der Vorsaison zehn Pflichtspieltreffer beigesteuert.
Ferguson ist derzeit verständlicherweise in aller Munde, aber freilich nicht der einzige Überflieger im Möwennest. Da wäre beispielsweise Kaoru Mitoma, der vor zwei Jahren für drei Millionen Euro von Kawasaki Frontale nach Brighton gewechselt war. Der Japaner kam in der vergangenen Spielzeit wettbewerbsübergreifend auf zehn Tore und acht Vorlagen, in der laufenden Saison traf er einmal und gab darüber hinaus drei Assists.

Pascal der Große für Deutschland

In der abgelaufenen Transferperiode wurde Mitoma als Ersatz für den gen Saudi-Arabien abgewanderten Riyad Mahrez bei Manchester City gehandelt. Im Gegensatz zu Caicedo, Mac Allister und Sánchez hielt er Brighton allerdings die Treue. Apropos Treue: Ein ganz besonders loyaler Seagull ist der Deutsche Pascal Groß, der seit dem Aufstieg vor sechs Jahren das blau-weiße Trikot trägt.
Brighton zahlte seinerzeit drei Millionen Euro für Groß an den FC Ingolstadt. Im Laufe der Jahre mauserte sich der gebürtige Mannheimer zum absoluten Leader im Mittelfeld. 218 Partien absolvierte Groß für Brighton (28 Tore, 39 Vorlagen). Auch De Zerbi schätzt den 32-Jährigen. "Pascal Groß ist einer der besten Spieler, die ich in meiner Karriere hatte", schwärmte der Übungsleiter.
picture

Pascal Groß nach dem Sieg über Luton

Fotocredit: Getty Images

De Zerbi weiter: "Er ist fantastisch in Bezug auf seine Einstellung und seine Leidenschaft. Er ist sehr clever und versteht verschiedene Situationen. Ich bin froh, ihn in meinem Team zu haben." In seinem Heimatland flog Groß trotz großer Beständigkeit lange unter dem Radar. Dies änderte sich spätestens mit seiner ersten Nominierung für die Testspiele der deutschen Nationalmannschaft gegen Japan und Frankreich vor wenigen Tagen.
"Ich habe immer gesagt, dass es ein absoluter Lebenstraum wäre, Deutschland zu repräsentieren. Da wäre ich unfassbar stolz drauf", erklärte Groß noch vor wenigen Monaten. Nun muss Groß nicht mehr im Konjunktiv sprechen, der Traum ist real. Pascal der Große darf endlich im DFB-Team mitmischen.
"Sie haben Pascal Groß vergessen", erinnerte De Zerbi einen englischen Reporter, der eine Nachfrage bezüglich der Berufung von Lewis Dunk (wurde erstmals für die englische Nationalmannschaft nominiert) gestellt hatte.
"Beide Nominierungen waren zwei unglaubliche Neuigkeiten für uns", sagte De Zerbi. "Wir sind ein kleiner Verein. Wir sind solche Nachrichten nicht gewohnt. Sie sind stolz und haben es sich verdient." Ja, im Vergleich mit der Konkurrenz ist Brighton freilich nach wie vor ein kleiner Verein. Während Manchester City, Manchester United, Chelsea oder Newcastle sich in die Hände von nahöstlichen oder US-amerikanischen Investoren begeben haben, hält bei Brighton ein Sohn der Stadt und Fan seit Kindheitstagen die Fäden in der Hand.

Poker-Spieler und Brighton-Fan als Besitzer

Tony Bloom stieg 2009, damals waren die Seagulls noch drittklassig, als Besitzer und Präsident ein. Anders als andere Geldgeber, die in der Vergangenheit stumpf mit Millionen um sich warfen, investierte Bloom clever und mit Weitsicht. Dabei könnte sein Instinkt geholfen haben, Bloom verdiente sein Geld nämlich früher als Poker-Profi. Ein Freund verpasste ihm angeblich aufgrund seiner Kaltblütigkeit den Beinamen "Lizard", also "Echse".
Daran anknüpfend baute Bloom die Firma "Starlizard" auf. Ursprünglich als Datenbank für Sportwetten gegründet, bedienen sich mittlerweile auch Profivereine an den umfangreichen Datenmengen. "Ich möchte dazu keine Betriebsgeheimnisse erzählen. Aber unser Beispiel zeigt: Es braucht keine Unsummen für Top-Transfers, es helfen auch mathematische Formeln", sagte der deutsche Millionär Jürgen Baatzsch, dem Bloom 2018 die Mehrheitsanteile am belgischen Klub Union St. Gilloise abkaufte.
picture

Brighton-Besitzer Tony Bloom

Fotocredit: Getty Images

"Starlizard" erinnert ein Stück weit an den Hollywood-Film "Moneyball" mit Brad Pitt und die dahinterstehende Geschichte aus der US-amerikanischen Profi-Baseballliga MLB. In "Moneyball" wurden Spieler, die nach dem klassischen Auswahlverfahren nicht allzu hoch bewertet wurden, einzig aufgrund von Daten gescoutet und verpflichtet.
Ein Beispiel gefällig? Die Datenbank empfahl St. Gilloise einst einen gewissen Victor Boniface. Ein Stürmer, der in Norwegen nicht unbedingt durch seine Treffsicherheit aufgefallen war, aber angeblich aufgrund der Algorithmen zu den Belgiern passte. Der Nigerianer wurde Torschützenkönig in der vergangenen Europa-League-Saison und zählt dieser Tage im Dress von Bayer Leverkusen zu den aufregendsten Angreifern Europas.
Blooms Philosophie trägt offensichtlich Früchte. Im Schatten der Top-Klubs scheint in dem beschaulichen Seebad mit Vergnügungspark und beschaulichen Gassen etwas Großes zu entstehen.
picture

Zu viel Druck auf einmal: Xavi nimmt Lewandowski in Schutz

Quelle: Perform

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung