Heart of Midlothian um Alexander Schwolow lässt Schottland hoffen: Endet die Tyrannei von Celtic und den Rangers?
Update 17/11/2025 um 10:42 GMT+1 Uhr
Heart of Midlothian führt die Tabelle in der Scottish Premiership überraschend an. Die Serienmeister Celtic Glasgow und Glasgow Rangers konnten die Hauptstädter bereits jeweils schlagen. Die Hoffnung auf ein Ende der 40-jährigen "Schreckensherrschaft" der beiden Glasgower Klubs lebt. Der Erfolg der Hearts um Neuzugang und Ex-Bundesliga-Torwart Alexander Schwolow ist dabei alles andere als Zufall.
Heart of Midlothian feiert ein Tor gegen Celtic Glasgow
Fotocredit: Getty Images
Dominanz ist im Fußball ein oft genutzter Begriff. Gewinnt der FC Bayern München wie in der aktuellen Saison die ersten 15 Pflichtspiele am Stück, dominiert er seine Gegner. Holt Real Madrid zwischen 2014 und 2024 sechs Champions-League-Titel, dominiert es Europa.
Fans des schottischen Fußballs können über solche Größenordnungen nur lachen. Dort bleibt die Meisterschaft nicht nur seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten ausschließlich in einer Stadt: Glasgow.
Immerhin, die beiden örtlichen Klubs Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers teilen sich die Erfolge wenigstens untereinander auf, aber für den Rest des Landes bedeutet die Serie vier Dekaden Tristesse.
In diesem Jahr scheint es aber so, als gäbe Hoffnung. Denn nach zwölf Spieltagen führt Heart of Midlothian die Tabelle in der Scottish Premiership mit sieben Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Celtic an.
McInnes formt die Hearts zum Top-Team
Zwar hat der 55-malige Meister noch eine Partie weniger, aber das erste direkte Duell vor einigen Wochen entschieden die Hearts bereits mit 3:1 für sich. Und das, nachdem man zuvor schon die Rangers, ebenfalls 55 Mal mit der Meisterschaft dekoriert, auswärts 2:0 geschlagen hatte.
Der Klub aus Edinburgh ist in der Liga immer noch ungeschlagen und stellt mit 29 Toren den gefährlichsten Angriff sowie mit zehn Gegentreffern die zweitbeste Abwehr im schottischen Oberhaus.
Aufgrund des Modus der Premiership, bei der die sechs besten Mannschaften nach dem 33. Spieltag in einer Endrunde den Meister unter sich ausmachen, ist der Weg zum Titel für die Hearts zwar noch weit, aber selbst der größte Pessimist muss zugeben, dass die Aussichten für die Hauptstädter gut sind.
Der im Sommer von Liga-Konkurrent FC Kilmarnock gekommene Cheftrainer Derek McInnes hat die Mannschaft, die im Vorjahr noch gegen den Abstieg spielte, zu einem Top-Team geformt.
Schwolow etabliert sich bei den Hearts
Eine ganze Reihe von Sommer-Transfers schlug im 4-4-2-System des Schotten voll ein: Der Portugiese Cláudio Braga kam etwa für 520.000 Euro vom norwegischen Zweitligisten Aalesunds FK. Der 26-Jährige hat bereits sechs Tore (drei Vorlagen) erzielt und ergänzt sich hervorragend mit Stürmer Lawrence Shankland, der seinerseits bei sieben Treffern und zwei Vorlagen steht.
Auch der griechische Flügelflitzer Alexandros Kyziridis, ablösefrei aus Slowenien nach Edinburgh gewechselt, fügt sich mit bislang sieben Scorerpunkten (drei Tore) exzellent in das Mannschaftsgefüge ein.
Der deutsche Keeper Alexander Schwolow, wie Kyziridis ablösefrei verpflichtet, steht seit dem 5. Spieltag, dem Duell gegen die Rangers, zwischen den Pfosten und musste in seinen insgesamt acht Partien nur viermal hinter sich greifen.
Da ist es zu verschmerzen, dass der eigentliche Königstransfer Ageu, für den die Hearts bei der Ablösesumme erstmals in der Vereinsgeschichte die Grenze von einer Million Pfund überschritten, sich aufgrund einer Verletzung bisher noch nicht wirklich zurechtfindet.
Brighton-Eigentümer bringt frischen Wind
Der Erfolg fußt dabei nicht (nur) auf einem glücklichen Händchen bei Spielerverpflichtungen, denn der Ansatz der Hearts hat Methode.
Im März kaufte sich der britische Investor Tony Bloom in den Verein ein und erwarb für rund zehn Millionen Pfund 29 Prozent nicht-stimmberechtigter Anteile, womit der Klub sich weiterhin in den Händen der Fan-initiierten Foundation of Hearts befindet, die den Klub 2013 vor der Insolvenz gerettet hatte.
Bloom ist ein schillernder Charakter. Der Engländer ist professioneller Pokerspieler, Experte für Sportwetten sowie Mehrheitseigentümer mehrerer Klubs auf der ganzen Welt, darunter Brighton and Hove Albion in der Premier League und Union Saint-Gilloise in Belgien.
Seine Firma Starlizard sammelt und analysiert eine riesige Bandbreite an Daten aus der Welt des Sports. Das Ziel macht die Firma auf ihrer Website klar.
"Wir heben die Analyse des Sports auf ein völlig neues Niveau. Durch eine Kombination aus Innovation und kritischem Denken erstellen wir die besten Sportprognosen der Welt", schreibt das Unternehmen dort.
Hearts-Boss: "Übertrifft alles"
Ein Ableger von Starlizard ist Jamestown Analytics, das im großen Stil Daten zu Fußball-Profis und -Trainern sammelt und auswertet. Diverse Vereine arbeiten mittlerweile erfolgreich mit Jamestown Analytics zusammen. Darunter der 1. FC Nürnberg oder eben Brighton.
Seit diesem Jahr sind die Hearts exklusiver Kooperationspartner in Schottland von Jamestown Analytics und der Erfolg der Neuzugänge gibt dem Ansatz nicht nur recht, sondern übertrifft bislang alle Erwartungen.
"Ich hatte vorher gedacht, dass sich eine einfache Erhöhung der Ressourcenbasis auszahlen müsste. Dann kam ich zu der Erkenntnis, dass unsere eher traditionellen Methoden der Spielerverpflichtung nicht funktionierten. Hätte ich gedacht, dass wir mit dem meiner Meinung nach eindeutig besten Datensatz der Welt eine Chance (auf den Titel, Anm. d. Red.) haben würden? Das übertrifft alles", freute sich etwa der nicht geschäftsführende Direktor James Anderson gegenüber dem "Guardian".
Der frühere Investmentfond-Manager, der dem Klub in den vergangenen zehn Jahren immer wieder Millionenzahlungen zukommen ließ, sieht sein Herzensprojekt auf einem ähnlichen Weg wie Atalanta Bergamo oder Union Berlin.
Lücke zu Celtic und Rangers nicht unüberwindbar?
Die Ziele sind aber noch größer. "Wenn ich die wirtschaftlichen Vorteile von Celtic und den Rangers betrachte, sieht die Lücke für mich nicht unüberwindbar aus", tönte der Philantrop und konnte sich eine kleine Stichelei in Richtung der großen Rivalen nicht verkneifen "Wir sollten in der Lage sein, dasselbe in Edinburgh zu machen, eine Stadt, die auf viele Arten glücklicher und reicher ist als Glasgow."
Tatsächlich könnte der finanzielle Vorsprung in Glasgow schwinden. Die Rangers, aktuell durch Hansi Flicks ehemaligen Co-Trainer Danny Röhl trainiert, agieren gegenwärtig unter dem Spardiktat ihrer US-amerikanischen Eigentümer, die eine weitere Insolvenz des Traditionsvereins verhindern wollen.
Celtic ist zwar besser aufgestellt, doch durch den Absturz des UEFA-Koeffizienten der schottischen Liga sind die Einnahmen durch das internationale Geschäft nicht mehr garantiert.
Die Aussichten der Hearts, den Rekordmeistern im nationalen Wettbewerb in Zukunft ein Schnippchen zu schlagen, könnten also schlechter sein. Aber klappt es auch dieses Jahr?
Hearts-Titel? "Wäre ein riesiger Schock"
James Walker, Fußball-Experte bei "TNT Sports UK", zeigt sich skeptisch: "Es ist noch ein langer Weg und es wäre ein riesiger Schock, wenn es die Hearts schaffen würden, die Liga zu gewinnen."
Zuletzt gab es erste Anzeichen, wonach die starke Frühform des Vereins aus Edinburgh langsam verflacht. In den letzten drei Spielen gab es nur noch einen Sieg und zwei Unentschieden.
Die Möglichkeit, dass die Glasgower Schreckensherrschaft sich auch in diesem Jahr fortsetzt, besteht also weiterhin.
Die Hoffnung, dass die Hearts als erstes Team seit dem FC Aberdeen 1985 die beiden Dominatoren entthront und seine erste Meisterschaft seit 1960 feiert, stirbt aber eben zuletzt.
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