AC Milan als Millionengrab? Alle Augen auf Knurrer Gennaro Gattuso

Der AC Mailand muss dringend in die Champions League, bekommt aber trotz 230 Millionen Euro Ausgaben kein homogenes Team auf den Platz. Gennaro Gattuso soll jetzt helfen und das zum Siegen verdammte Milan wieder in die Top 4 der Serie A führen. Kein leichtes Unterfangen, wie Eurosport-Experte Davide Fumagalli aus Mailand berichtet. Dass er ein großer Trainer ist, muss Gattuso auch noch beweisen.

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Keine zwei Jahre ist es her, da hatten sich Gennaro Gattuso und Roberto De Zerbi richtig in der Wolle.
Beim Playoff-Spiel um den Aufstieg in die Serie B zwischen dem AC Pisa und Foggia Calcio ging es hoch her, Pisa-Coach Gattuso wurde von einem Wurfgeschoss am Kopf getroffen, Zuschauer stürmten auf den Platz. Und dann waren da Gattuso und De Zerbi mitten drin in aufgeregten Tumulten an der Seitenlinie, warfen sich verbal einige unschöne Dinge an den Kopf, erhitzten die Gemüter - und flogen beide vom Platz. Pisa stieg letztlich auf (4:2, 1:1), doch der Fußball war kein Sieger an diesem Juni-Tag.
Am kommenden Wochenende sehen sich nun beide wieder, in der Serie A. De Zerbi coacht mittlerweile den nach 14 Spielen noch punktlosen Aufsteiger Benevento Calcio. Und Gattuso ist neuer Coach des AC Milan. Ein passender Einstand für einen, der er sich nie leichtmachen wollte.

Milan 2017: Wirrer Trainer, wirre Finanzen

Gattuso soll in Mailand nichts weniger, als eine zutiefst verunsicherte und vom Vorgänger taktisch zerfledderte Mannschaft wieder auf Kurs bringen. Kein einfaches Unterfangen, wie Davide Fumagalli von Eurosport Italien feststellt. Denn das Erbe von Vorgänger Vincenzo Montella wiegt schwer:
2016/17 noch mit einem Durchschnittskader auf Rang sechs gelandet, machte Montella nichts aus dem mit 230 Millionen Euro Ausgaben aufgebesserten Team, das aufgrund der seltsamen Eignersituation (der dubiose Investor Jonghong Li hat sich in Milans Namen Geld von einem US-Hedgefonds geliehen, die Zinsen trägt der Klub und die Schuldenlast soll sich auf 354 Millionen Euro belaufen) eigentlich zur Qualifikation für die Königsklasse verdammt ist.
"Letztes Jahr hatte das Team eine klare Identität", sagt Experte Fumagalli: "Jeder wusste, wie Aufstellung, Taktik und Spielsystem aussehen. Montella setzte auf 4-3-3 mit Suso und Gerard Deulofeu als kreative Außen und es klappte."

Viele Neuzugänge, zu wenige Punkte

Doch kostspielige Transfers von Leonardo Bonucci (42 Mio.), André Silva (38 Mio.), Frank Kessié (28 Mio., 20 Mio. davon erst 2019 fällig), Nikola Kalinic (25 Mio., 20 Mio. davon 2018 fällig), Andrea Conti (25 Mio.), Hakan Calhanoglu (22 Mio.), Ricardo Rodríguez (18 Mio.), Mateo Musacchio (18 Mio.) und Lucas Biglia (17 Mio.) bewirkten keine Verbesserung, im Gegenteil.
Mit sechs Siegen, zwei Remis und sechs Niederlagen dümpelt Milan hinter den Europacup-Plätzen umher, hat bereits sechs Punkte Rückstand auf Platz sechs und elf auf die Champions-League-Ränge. Der Vereinsführung blieb gar nichts anderes übrig, als die Reißleine zu ziehen. "Montella hat einfach kein stabiles Gebilde gefunden", erklärt Fumagalli:

Milan-Youngster hat Ehrfurcht vor Gattuso

Leicht hat sich's Gattuso indes noch nie gemacht. Nicht als Spieler, nicht als Trainer. Beim AC Mailand und in der italienischen Nationalmannschaft lehrte der kleine Giftzwerg in den 2000er Jahren die Gegner reihenweise das Fürchten.
"Gattuso ist nichts anderes als eine Legende, es ist eine große Ehre, ihn jetzt als Trainer zu haben", meinte Milan-Youngster Patrick Cutrone (19) dieser Tage ehrfürchtig:

Gennaro Gattuso: Als Trainer noch ohne Fortune

U21-Europameister 2000, Weltmeister 2006, zweimal Champions-League-Sieger (2003, 2007), zweimal Meister (2004, 2011) und einmal Pokalsieger (2003) mit Milan - aus seiner Spielerkarriere hat Gattuso eine Menge rausgeholt.
Als Trainer ist seine Vita allerdings nicht so schmuckreich wie als Spieler, der (erst) 39-Jährige trat aber auch immer gegen große Widerstände an.
Im Februar 2013 übernahm er als achter Trainer binnen eines Jahres (!) den FC Sion als Spielertrainer, wurde aber nach nicht mal einem Monat vom unberechenbaren Präsidenten Christian Constantin wieder entlassen.
Im Sommer 2013 heuerte er in der Heimat beim Absteiger US Palermo an, wurde dort aber nach nur sieben Punkten in sechs Spielen fast ebenso schnell wieder rausgeschmissen - Palermo hat mit Maurizio Zamparini aber auch einen nicht minder exzentrischen Boss wie Sion.
Im selben Jahr fand bei Gattuso eine Hausdurchsuchung wegen angeblicher Spielmanipulationen 2011 bei Milan statt, die Ermittler fanden jedoch nichts Belastendes. Gattuso hatte ohnehin verlauten lassen, er würde sich "umbringen", sollte man ihm eine solche Untat nachweisen können.
Nicht viel besser lief es für Gattuso 2014/15 in Griechenland bei OFI Kreta: Dem spektakulär klammen Klub gefiel es zwar ungemein, einen Weltmeister als Coach zu haben, zahlte aber seine Gehälter nicht. Gattuso trat nach nur vier Monaten zurück, ließ sich zur Rückkehr überreden und kündigte zwei Monate später doch.
Zuletzt führte er wie erwähnt Pisa 2016 von der dritten in die zweite Liga, trat dann aber zurück, weil ihm "ernste, andauernde und inakzeptable" Probleme mit der Vereinsführung zugesetzt hatten. 33 Tage später kehrte er ins Traineramt zurück, stieg am Ende der Saison aber mit der zweitbesten Defensive der Liga (23:36 Tore in 42 Spielen) ab und verabschiedet sich endgültig aus Pisa.
Im Sommer kehrte er zu Milan zurück, übernahm die U19 - und jetzt die Profis.

Knurrer statt Grinser

Die Gegensätze zu seinem Vorgänger könnten dabei nicht größer sein. Montella, der ehemalige Stürmer, ist ein Typ "Everybody's Darling", ein Sunnyboy, der selbst nach Milan-Niederlagen noch froh dreinblickte und grinste.
Gattuso nennen sie seit jeher "Ringhio", den Knurrer, oder einfach "Rino". Als Spieler trat er Ball wie Gegner, fightete stets bis zum Umfallen und packte auch mal den gegnerischen Trainer beim Hals - so geschehen mit Tottenham-Coach Joe Jordan 2011 - wenn ihm dessen Umgang nicht passte.
Ein Sprichwort in Italien sagt zudem, der Mensch stamme von Gattuso ab. Er selbst hat sich schon mal als "hässlich wie Schulden" bezeichnet. Da passt er ja ganz gut zu Milan.
Als Trainer ist er auch eher als emotionales Raubein bekannt. Das Intermezzo mit De Zerbi war nicht sein einziges an der Seitenlinie. In Palermo ließ er oft das komplette Team nach dem Training noch Liegestütze machen - inklusive aller Trainer und Mitarbeiter in Platznähe, inklusive des Pressesprechers.
Folgt man ihm, ist er dein bester Freund, sagen Ex-Spieler von ihm. Aber wehe, man widersetzt sich.

Gattuso schützte Dybala und brachte ihm Wertvolles bei

Immerhin: Gattuso bewies bereits Näschen, als er in Palermo einen jungen Spieler namens Paulo Dybala vor wütenden Fans und der Presse in Schutz nahm. "Die meisten Spieler haben vier Gänge, er hat fünf", sagte Gattuso damals, als der 2012 für elf Millionen Euro eingekaufte Youngster selbst in der zweiten Liga nicht so recht zünden wollte.
Dybala versorgt heute bekanntlich Juventus Turin mit Toren und lobte nun den Coach Gattuso:

Seedorf, Inzaghi, Brocchi, Gattuso

Ein ähnliches Händchen soll Gattuso nun bei Milan beweisen. Der Kniff, einen ehemaligen Milan-Spieler zu holen, ist allerdings nicht neu. Vor Gattuso versuchten sich schon Clarence Seedorf (01/14-06/14), Filippo Inzaghi (06/14-06/15) und Cristian Brocchi (04/16-06/16) am Wiederaufbau der alten Milan-Dynastie, scheiterten jedoch alle am Anspruch der Vergangenheit.
Der teuer, aber etwas willkürlich zusammengestellte Kader hält nun für Gattuso seine Tücken bereit. Einige der Neuzugänge seien "alles andere als überzeugend", analysiert Experte Fumagalli:

Gattuso packt seine Spieler nicht in Watte

Gattuso packt's jetzt an. Drei ausgewählte Spieler hat er schon angesprochen, durch kritische Worte motiviert. So sagte er über Top-Scorer Suso: "Ich brenne darauf, mit ihm zu arbeiten. Ich würde gerne wissen, ob er wirklich nur dann effektiv ist, wenn er von rechts nach innen zieht und den Ball auf dem linken Fuß hat."
Er freue sich auch darauf mit Kessié zusammenzuarbeiten. "Er schaltet sich nicht so oft in die Offensive ein, wie er es bei Atalanta tat", bemängelte er. Und über Mittelstürmer André Silva meinte Gattuso: "Er ist ein sehr talentierter Spieler. Er spielt sehr mannschaftsdienlich, das ist eine seiner Stärken." Er denke aber auch, "dass wir versuchen müssen, das Beste aus ihm herauszuholen".
Geht es nach Juve-Legende Gigi Buffon, der Gattuso aus der Nationalmannschaft kennt, könnte "Ringhio" Milan wieder zum Konkurrenten machen. "Er war die logische Wahl. Er war 20 Jahre im Klub. Wenn einer weiß, wie man motiviert und andere zu Höchstleistungen treibt, dann er."
Auch Ex-Mitspieler Massimo Ambrosini ist gespannt:
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