Andreas Beck von Besiktas im Interview: "Die Derby-Stimmung hier ist unvergleichlich"

Andreas Beck spielt seit Sommer 2015 in der Türkei für Besiktas Istanbul. Der Ex-Nationalspieler und frühere Profi vom VfB Stuttgart und der TSG 1899 Hoffenheim spricht im Interview mit Eurosport über das Erfolgsrezept von Titelverteidiger Besiktas in der Süper Lig, die deutsche Nationalmannschaft, den Vergleich zwischen RB Leipzig und Hoffenheim sowie die aktuelle politische Lage in der Türkei.

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Fotocredit: Eurosport

Das Interview führte Dirk Adam
Besiktas ist neben Real Madrid die einzige europäische Mannschaft, die wettbewerbsübergreifend ohne Niederlage ist. Warum läuft’s gerade so perfekt?
Andreas Beck: Stimmt, wir haben in dieser Saison noch keine Niederlage in einem Pflichtspiel einstecken müssen. Das liegt vor allem daran, dass wir im Kern eine Mannschaft haben, die in der vergangenen Saison größtenteils zusammen war. Wir sind gut eingespielt, wir haben eine gewisse Stabilität. Trotzdem sind wir Zweiter in der Liga. Außerdem sind wir in der Champions League auch nicht durch. Deshalb müssen wir unsere Form beibehalten, dass wir uns sowohl in der Liga einen Platz verbessern, als auch in der Champions League hoffentlich eine Runde weiterkommen.
In der Süper Lig liegt Besiktas zwei Punkte hinter Istanbul BB. Nach der Länderspielpause geht's gegen den Tabellenletzten Adanaspor. Muss die Titelverteidigung das Ziel sein?
Beck: Die Liga ist immer das Wichtigste über das ganze Jahr gesehen, weil man sich immer wieder für die internationalen Wettbewerbe qualifizieren muss. Wir sind im vergangenen Jahr Meister geworden und spielen diese Saison Champions League, das ist ein unglaubliches Gefühl für jeden Spieler im Verein sowie für alle Besiktas-Anhänger. Das wollen wir in dieser Saison wiederholen, um die Fans wieder stolz zu machen. Die Titelverteidigung ist eines unserer größten Ziele.
Besiktas holte Rechtsverteidiger Gökhan Gönül von Fenerbahce. Wie ist die Konkurrenzsituation mit ihm und wie reagieren Sie auf das Rotationsprinzip?
Beck: Der Trainer hat zu Saisonbeginn bereits angedeutet, dass wir diese Saison weitestgehend rotieren werden, weil die Wettbewerbe intensiver geworden sind. Letztes Jahr waren wir in der Europa League, jetzt ist es die Champions League. Das ist gut – und der Trainer trifft die Entscheidungen. Der Konkurrenzkampf wirkt auch belebend. Nicht nur auf meiner Position, sondern auch bei allen anderen ist jede Position doppelt besetzt. Das ist nun mal bei einer Spitzenmannschaft so, wie auch in Deutschland oder Italien. Dieser Situation muss man sich stellen – und dieser Situation stelle ich mich. Deshalb versuche ich tagtäglich meine beste Leistung abzurufen.
In der Champions League sind Sie als Rechtsverteidiger gesetzt. Wird’s dabei bleiben?
Beck: Bisher habe ich jede Minute in der Champions League gespielt, was der größte Wettbewerb in Europa ist. Natürlich will ich am liebsten immer spielen, aber wer letztendlich auf dem Platz steht, das entscheidet der Trainer von Woche zu Woche.
Nach der schweren Verletzung von Stamm-Linksverteidiger Caner Erkin stellte sich heraus, dass Sie die zweite Option für links hinten sind. Kommen Sie auf dieser Position zurecht?
Beck: In Deutschland war es immer abhängig vom Trainer, auf welcher Position ich gespielt habe. Ich habe bereits öfters auf der rechten und der linken Seite gespielt. Von daher ist diese Position für mich nichts ganz Neues, aber ausgebildet bin ich natürlich als Rechtsverteidiger – dort fühle ich mich auch noch einen Tick wohler. Aber wie gesagt, links habe ich auch schon mal in der Bundesliga gespielt.
In der Champions League ist Besiktas momentan Dritter, je einen Punkt hinter Neapel und Benfica. Wie ordnen Sie die Chancen aufs Achtelfinale ein?
Beck: In der Gruppe ist alles möglich. Die Ausgangslage ist sehr, sehr eng beieinander. Benfica und Neapel spielen noch gegeneinander. Wir haben ein Heimspiel gegen Benfica und Kiew auswärts. Deshalb müssen wir unsere Aufgaben machen. Wenn wir beide Spiele im besten Fall gewinnen, sind wir durch. Insgesamt ist alles drin.
Sie haben drei Jahre für Stuttgart und sieben Jahre für Hoffenheim in der Bundesliga gespielt. Was ist der größte Unterschied zwischen Deutschland und der Süper Lig?
Beck: Die Liebe und die Leidenschaft für den Fußball hier unterscheidet sich doch noch einmal enorm von Deutschland. Die deutschen Stadien sind natürlich auch immer voll. Da ist auch eine intensive Atmosphäre, aber in der Türkei ist es unglaublich leidenschaftlich. Wenn es hier zu einem Derby kommt, das kann man nicht vergleichen. Das muss man mal erlebt haben. Diese Liebe, diese Leidenschaft, das unbedingte Gewinnen wollen, das ist von der ersten bis zur letzten Sekunde schon einzigartig.
In Deutschland mischt RB Leipzig die Bundesliga ordentlich auf. Sind die Sachsen mit Hoffenheim vergleichbar?
Beck: Diese Vergleiche liegen auf der Hand, aber in Leipzig hört man das sicherlich nicht sehr gerne. Wobei es sicherlich noch ganz andere Vereine gibt – und wir mit Hoffenheim im ersten Jahr sehr gut gespielt haben. Aber klar, die Parallelen zeichnen sich ab. Mit dem Durchmarsch aus den unteren Ligen und den Möglichkeiten, die man finanziell hat. Auch mit dem Konzept und der Ausrichtung auf junge Spieler sowie das schnelle Umschaltspiel mit einer gewissen Frechheit, einer gewissen Euphorie. Da gibt es viele Parallelen, aber eins zu eins vergleichbar ist es nicht. Ich denke, dass Leipzig auf einer größeren Basis steht, weil da viele Erfahrungswerte aus der damaligen Zeit in Hoffenheim einfließen.
Welchen Anteil hat Ralf Rangnick an der Entwicklung von RB Leipzig?
Beck: Ralf Rangnick hat mit Sicherheit einen sehr großen Anteil daran. Er ist der "Mastermind" im Hintergrund, teilweise auch im Vordergrund als Trainer letzte Saison. Da erkennt man schon stark seine Handschrift, obwohl ich Trainer Ralph Hasenhüttl nicht zu nahe treten will. Er macht einen fantastischen Job bei RB Leipzig. Sein Profil als Trainer passt hervorragend in das Konzept.
In Hoffenheim hatten Sie bis 2017 verlängert, dann folgte 2015 der Abschied. Fürchteten Sie eine schleichende Degradierung nach der Ankündigung von Trainer Markus Gisdol, einen neuen Kapitän bestimmen zu wollen?
Beck: Ich hatte eine fantastische Zeit in Hoffenheim. Aber manchmal ergeben sich die Dinge so, dass man ein Gefühl dafür entwickelt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um einen Verein zu verlassen. Hinzu kam die Tatsache, dass Besiktas mich unbedingt haben wollte. Irgendwie war der Moment gekommen, nach sieben Jahren etwas Neues zu probieren. Ich hätte auch bleiben können, aber der Reiz auf das Neue und den internationalen Fußball bei einem Topklub war zu groß. Insgesamt war das eine sehr, sehr gute Entscheidung.
Für Deutschland haben Sie neun Länderspiele absolviert. Das erste im Februar 2009, das letzte im November 2010 in Schweden. Warum wurden es nicht mehr?
Beck: Das müssen Sie den Bundestrainer fragen. Das Wichtigste ist immer im Fokus zu sein. Wir waren damals zu der Zeit stark im Fokus mit Hoffenheim. Ich merke das auch bei Besiktas, wenn man bei einem absoluten Spitzenklub spielt, dass man Woche für Woche im Fokus steht. Mit kleineren Klubs passiert das nur, wenn man unglaubliche Leistungen abliefert. So wie Hoffenheim jetzt auch wieder auf dem dritten Tabellenrang. Dann kommt man natürlich ins Rampenlicht und wird interessant für die Nationalmannschaft. Wenn das ausbleibt, dann wird es schwieriger.
Joshua Kimmich scheint sich als Rechtsverteidiger im DFB-Team zu etablieren. Kann er in die Fußstapfen von Philipp Lahm treten?
Beck: Ja natürlich kann er das. Ich würde das nicht auf Philipp Lahm reduzieren. Joshua Kimmich ist ein eigener Spielertyp. Aber klar, auf dieser Position als Rechtsverteidiger – wenn er die Leistungen beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft bringt – kann er sich schon festbeißen.
Wie lief die Integration in Istanbul. Treffen Sie sich auch mit Lukas Podolski?
Beck: Die Integration lief sehr gut, weil hier viele deutschsprachige Spieler sind. Aber man spricht auf dem Fußballplatz sowie in der Kabine auch Englisch, das wird hier am meisten genutzt. Dennoch bemühe ich mich natürlich auch um die türkische Sprache, belege regelmäßig Kurse und lerne mit einer App. Ich verstehe schon relativ viel. Wenn ich Lukas Podolski getroffen habe, dann nur auf dem Platz. Ansonsten ist es wirklich so, dass man nur wenig Zeit bei dem Programm hat, was wir hier abspulen müssen. Von daher bin ich froh, dass ich mal ein bisschen Freizeit mit der Familie verbringen kann.
Mario Gomez hat die Türkei verlassen, Sie sind geblieben. Ist die politische Situation im Alltag spürbar oder blenden Sie das als Fußball-Profi aus?
Beck: Ich bin keiner, der mit Scheuklappen durch die Gegend läuft und alles ausblendet. Klar, man bekommt einiges mit – sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Aber trotzdem bin ich Fußballer und konzentriere mich auf das, was auf dem Platz passiert. Ich denke, dass man von einem Spitzensportler nicht unbedingt erwarten kann, dass er eine Diskussion führt, mit der sich auch Politiker und Experten schwer tun. Von daher bekommt man die Dinge mit, man nimmt sie wahr. Vor allem von Dingen, die von außen hereingetragen werden. Aber unseren persönlichen Alltag beeinflusst es kaum.
Muss man sich trotzdem um die Familie Gedanken machen, wenn man an die Anschläge auf dem Flughafen in Istanbul denkt?
Beck: Man nimmt das natürlich schon wahr – und klar, nach den Anschlägen am Flughafen und dem Putsch macht man sich schon Gedanken über sich und seine Liebsten. Dennoch sind die Leute hier in der Türkei unheimlich herzlich und pragmatisch. Sie lassen sich nicht unterkriegen, es muss ja weitergehen. Und so ist es dann auch. Dann verspürt man eine wahnsinnige Energie bei den Leuten – nach dem Motto: jetzt erst recht, lasst uns weitermachen. Das überträgt sich auch sehr schnell auf mich, wo ich dann sage, weiter geht‘s. Leider ist das so, dass solche Dinge passieren. Aber das gibt’s nicht nur in Istanbul. Das passiert auch in Brüssel, Paris oder München.
Wo feiern Sie Weihnachten? In Deutschland oder der Türkei?
Beck: Diese Frage ist leicht zu beantworten. Am 24. Dezember haben wir ein Ligaspiel, am 27. Dezember ein Pokalspiel und am 7. Januar wieder ein Ligaspiel. Es geht also Schlag auf Schlag.
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