Loris Karius bei Beşiktaş im Abseits - Protokoll eines Abstiegs

Vom Torhüter, dem Jürgen Klopp im Champions-League-Finale 2018 das Vertrauen aussprach, zum Geächteten bei Beşiktaş Istanbul. Loris Karius hat sich in den vergangenen zehn Monaten ins sportliche Abseits befördert - mit rasanter Geschwindigkeit. Knapp zweieinhalb Jahre, nachdem der 25-Jährige den FSV Mainz 05 verlassen hat, ist seine Zukunft ungewisser den je. Das Protokoll eines Abstiegs.

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

"Karius! Karius! Karius!"
Kylian Mbappé und seine Kollegen von Paris Saint-Germain bekamen sich in einer Trainingseinheit im August 2018 vor Lachen kaum noch ein. Rechtsverteidiger Thomas Meunier im Tor stand bedröppelt da, ein vermeintlich einfacher Ball war dem belgischen "Aushilfskeeper" durchgerutscht. Eine Szene, die die PSG-Profis offenbar an einen Moment erinnerte, der sich knapp drei Monate zuvor 2000 Kilometer weiter östlich in Kiew abgespielt hatte.
Eine Szene, die Loris Karius, dessen Namen sie in Paris aus Spott skandierten, für immer in Erinnerung bleiben und mit der sein Image für immer behaftet sein wird.
Im Champions-League-Finale gegen Real Madrid patzt der damalige Torhüter des FC Liverpool folgenschwer. In der 51. Spielminute will Karius das Spiel schnell machen, übersieht Karim Benzema und wirft dem Stürmer den Ball genau in die Füße - 1:0.
Real gewinnt die Partie am Ende mit 3:1. Der Sündenbock und Übeltäter ist für die Fans der "Reds" schnell gefunden. Karius - der auch beim 1:3 durch Gareth Bale alles andere als gut aussieht.

Loris Karius: Flucht nach Istanbul

Nur die wenigsten waren überrascht, als der 25-Jährige im darauffolgenden Sommer die Flucht antrat. In die Türkei. Zu Beşiktaş Istanbul. Eine zweijährige Leihe sollte der Karriere des Ex-Mainzers, der im Januar 2016 mit großen Ambitionen an die Anfield Road gewechselt war, neuen Antrieb verleihen.
"Ich wusste, dass ich wieder aufstehen musste. Ich kann mich nicht einfach verstecken und nur in der Vergangenheit verweilen", sagte der 25-Jährige damals der "Bild"-Zeitung. Ein Neuanfang - fernab der englischen Dämonen.
Doch genau diese Vergangenheit holte Karius schneller wieder ein, als er es wohl selbst für möglich gehalten hatte. Nach nur sieben Monaten steht der deutsche Keeper bei seinem neuen Verein erneut vor einem Scherbenhaufen.
Das Verhältnis mit dem Verein und Trainer Senol Günes scheint vergiftet, türkischen Medien zufolge soll Karius um eine vorzeitige Rückkehr nach Liverpool gebeten haben. Zurück ins triste England, zurück zu den alten Dämonen, von wo ihn der Hohn und Spott und die Ankunft des neuen Stammtorwarts Alisson Becker vertrieben hatten.
Ein Wunsch, der auf den ersten Blick paradox erscheint. Immerhin stand Karius in 22 von 23 möglichen Spielen in der Süper Lig zwischen den Pfosten. Was also war passiert?

Karius verspielt Kredit der Fans - und des Trainers

Trotz Stammplatz-Garantie unterliefen dem 25-Jährigen auch im Beşiktaş-Dress immer wieder auffällige Fehler. Ein Dilemma, dass sich seit Karius' Wechsel nach Liverpool wie ein roter Faden durch seine Karriere zu ziehen scheint.
Auch in Istanbul verspielte er sich dadurch in kürzester Zeit den Kredit der Anhänger. Nach einer sehr durchwachsenen Leistung beim 3:2-Sieg gegen Konyaspor Anfang März reihte sich zudem Coach Günes, der Karius lange verteidigt hatte, in die Liste der Kritiker ein. "Irgendetwas stimmt mit ihm nicht", zeigte sich der 66-Jährige enttäuscht:
Dass Karius überhaupt noch im Tor steht, liegt nur daran, dass das Verhältnis des Trainers zu Karius' potentiellem Kontrahenten Tolga Zengin noch schlechter ist. Der Torwart-Veteran wurde nach einem Streit mit Günes bereits vor Wochen suspendiert.
"Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn Tolga zur Verfügung stehen würde, dann würde ich ihn spielen lassen," gab Günes offen zu.

Karius verklagt eigenen Verein

Doch auch der Verein hat seinen Anteil am zerrütteten Verhältnis. Wie die "Bild"-Zeitung Anfang des Monats berichtete, reichte Karius am 20. Februar Klage gegen seinen Arbeitgeber ein. Der Grund: ausstehende Gehaltszahlungen. Vier Monate soll der Schlussmann kein Geld gesehen haben.
Ein Schicksal, das Karius mit vielen Süper-Lig-Profis teilt. Die türkischen Klubs stecken teilweise bis zum Hals in den Miesen. Allein Beşiktaş soll nach Angaben des Wirtschaftsdienstes "Bloomberg" 164 Millionen Euro angesammelt haben. Bereits im Winter hatten sich mit Pepe und Ryan Babel aus diesem Grund zwei Profis aus Istanbul verabschiedet.
Dass Karius bis zum Ende der Leihe (30. Juni 2020) bei Beşiktaş bleibt, darf nach den jüngsten Vorfällen mehr als bezweifelt werden.

Karius: Rückkehr in die Bundesliga?

Doch was dann? Zwar soll Liverpool dem Keeper nach Informationen der "Sport Bild" zur Seite gesprungen sein und die Istanbuler aufgefordert haben, den vertraglichen Pflichten nachzukommen; eine langfristige Zukunft an der Anfield Road gilt jedoch als ausgeschlossen.
Ein Neuanfang 2.0 scheint unausweichlich. Olympiakos Piräus und Eintracht Frankfurt wurden bereits als mögliche Abnehmer in den Ring geworfen.
Vielleicht wäre eine Rückkehr nach Deutschland die beste Entscheidung, um dem rasanten Abstieg seit dem Champions-League-Finale 2018 endlich ein Ende zu setzen - und die Dämonen dieses Abends doch noch zu vertreiben.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung