Toto Schillaci: Die unglaubliche Geschichte des Stürmers aus Sizilien

Toto Schillaci schoss Italien bei der WM 1990 im eigenen Land zwar nicht zum Titel. Der unterschätzte Stürmer aus Sizilien wurde aber völlig unverhofft zum Volkshelden einer tief gespaltenen Nation. Warum sein Stern aber trotzdem nur kurz strahlte und wie er nach seiner Karriere einmal zum Mafia-Paten wurde, erzählen wir im fünften Teil unserer Serie über die vergessenen Helden des Fußballs.

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Nord gegen Süd. Und umgekehrt.
Italien war Ende der 1980er, Anfang der 1990er-Jahre ein zerrissenes Land. Gerade hatte Umberto Bossi die Lega Lombarda gegründet, die später zur Lega Nord werden sollte. Der reiche Norden wollte als "Repubblica Padana" selbstständig werden und "nichts mehr mit dem faulen und schmutzigen Süden zu tun haben". So jedenfalls wurde es in einer Parteischrift proklamiert.
Auch wenn gewiss nicht alle Italiener so dachten, die Stimmung im Land war aufgeheizt.
In der Tageszeitung "La Padania" erschien der Wetterbericht von Rom in der Auslandsspalte und bei Spielen in Turin, Mailand oder Bergamo wurden die Teams aus dem Süden böse verhöhnt und mit Bananen beworfen.
In diese Atmosphäre hinein platzte die WM im eigenen Land - "Italia 90". Das Turnier, an dessen Ende Andreas Brehme zum neuen deutschen Fußballhelden aufsteigen würde. Aber auch die Italiener fanden einen gemeinsamen Nenner.
Salvatore "Toto" Schillaci - ausgerechnet ein Underdog aus Sizilien, dem südlichsten Zipfel - einte das Land.

Das fünfte Rad am Wagen

WM-Turniere sind oft kuriose Ereignisse. Ähnlich wie etwa der DFB-Pokal sagt man ihnen nach, eigene Gesetze zu haben. So spielen auf der größten Bühne immer mal wieder Akteure groß auf, die vorher eigentlich gar nicht für die Hauptrolle vorgesehen waren.
In Italien war es im Sommer 1990 nicht anders.
Denn von Schillaci, diesem kleinen, unscheinbaren Stürmer von Juventus Turin sprach im Land des Gastgebers eigentlich niemand. Nationaltrainer Azeglio Vicini hatte in der Abteilung Attacke schließlich Auswahl aus dem allerhöchsten Regal.
Gianluca Vialli, Andrea Carnevale, Roberto Mancini und Roberto Baggio prägten den Kader. Hinter ihnen rangierte Schillaci auf Rang fünf der Nahrungskette.
Erst zwei Monate vor der Endrunde hatte der damals 25-Jährige in der Squadra Azzurra debütiert. Weil er sich beim knappen Erfolg der Italiener gegen die Schweiz aber nicht ganz falsch angestellt hatte, wurde er als letzter Spieler berufen. Vielleicht würde man ihn brauchen, aber wirklich daran glauben mochte niemand.

Mit 13 von der Schule und an die Arbeit

Auch weil Schillaci - der Junge aus dem Süden - so gar nicht in die Mannschaft passen wollte. Denn die italienische Auswahl bestand fast ausnahmslos aus Nord-Italienern.
Zenga, Baresi, Maldini, Bergomi, Ferri, Donadoni, Ancelotti, Vialli, Mancini oder Baggio spielten nicht nur für die gut situierten Vereine aus Turin, Genua oder Mailand, sie waren auch alle im Norden geboren. Ihre Wurzeln reichten in den Piemont, die Lombardei, das Veneto oder die Emilia-Romagna.
Die Jungs aus dem Norden waren Weltstars. Toto sah nicht mal wie einer aus.
Der Mann aus Palermo war früher ein schüchterner Junge gewesen. Mit 13 hatte er die Schule abgebrochen und sich mit dem Reparieren von Fahrrädern etwas dazu verdient. Der Fußball war immer sein Anker gewesen. Er hielt ihn auf Kurs. Mittlerweile war er immerhin bei Juve untergekommen.
Aber zum Helden taugte er doch nicht.
"Vor der WM haben sie mich oft ​'Ter­rone' also Bau­ernt­ölpel gerufen, weil ich aus Sizi­lien komme", berichtete Schillaci später. "Aber ich habe mir das nicht zu Herzen genommen und mir gesagt: 'Sie belei­digen dich, weil sie dich fürchten.'"
Und dann drehte sich der Wind.
"Plötzlich konnten selbst die Leute, die mich nicht mochten, nichts mehr sagen." Die Augen des Stürmers leuchten noch heute, wenn er von der unglaublichen Geschichte erzählt, die in diesem Sommer ihren Lauf nahm. Auch wenn er weiß: "Einige werden dich halt immer hassen, aber damals habe ich sie alle träumen lassen."

Gegen Österreich geht der Stern auf

Das Land träumte ohnehin vom Titel. Eigentlich wurde dieser sogar erwartet.
Italiens Startruppe war der klare Favorit, geriet aber schon im ersten Spiel gegen Österreich aus dem Tritt. Eine Chance nach der anderen wurde vergeben, ehe Schillaci vom Trainer das Zeichen erhielt, sich bereit zu machen. Da waren noch 20 Minuten zu spielen.
Mit seiner ersten Ballberührung köpfte der 1,75-kleine Stürmer den Siegtreffer. "In diesem Moment dachte ich… ehr­lich gesagt, dachte ich an nichts", sagte Schillaci später in einem Interview mit "11Freunde": "Es war einfach nur das pure Glück."
Fünf weitere Tore gelangen ihm in den kommenden Tagen, während er die Mannschaft - nun als Stammspieler und kongenialer Sturmpartner von Roberto Baggio - durch das Turnier trug.
Bis im Halbfinale plötzlich gegen Argentinien Endstation war.

Torschützenkönig und bester Spieler der WM

Die Enttäuschung war riesig. Jeder hatte mit dem Heimtriumph gerechnet. Auch Schillaci: "Wir waren die stärkste Mann­schaft und hätten den Titel ver­dient gehabt. Keiner hat uns besiegt, nur die Argen­ti­nier im Elf­me­ter­schießen."
Seltsam sei der Fußball manchmal schiebt er noch nach und denkt dabei ganz sicher auch an seine eigene Reise durch das Turnier. Denn seine sechs Tore reichten, um ihn zum Torschützenkönig zu machen. Zum besten Spieler wurde er ebenfalls ernannt.
So gab er seinen Landsleuten doch noch etwas, auf das sie stolz sein konnten. Ganz Italien freute sich mit einem Jungen aus dem Süden. Mit einem, den viele noch Wochen zuvor nicht mal als Italiener akzeptiert hätten.
Und ganz Sizilien war stolz, dass ganz Italien stolz war auf einen der ihren.

Nur noch fünf weitere Länderspiele

Doch als Lothar Matthäus und Co. den WM-Pokal mit nach Deutschland genommen hatten und Gianna Nanninis Ohrwurm von den "Notti magiche" ("Un'estate italiana")langsam aber sicher von der Heavy Rotation der Radiosender verschwunden war, begann auch Totos Stern wieder zu sinken.
So schnell wie er am Fußballhimmel erschienen war, machte er nun wieder Platz für andere.
Den Rausch dieses einen Sommers konnte der Stürmer nie mehr reproduzieren. Nach der WM schoss er in vier Spielzeiten für Juventus und Inter nur noch insgesamt 22 Tore. Später wechselte er nach Japan, wo seine Karriere langsam auslief.
Dem Spiel gegen Argentinien folgten nur noch mickrige fünf Länderspiele. Traurig ist er dennoch nicht.
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"Es war nur ein Sommer, na und?"

Schillaci sieht die positiven Seiten. "Es gibt Spieler, die spielen 20 Jahre, und schaffen nicht das, was ich erreicht habe. Es war nur ein Sommer, na und? Es gibt Schlim­meres im Leben", sagt er. Und weiter: "Die Erfolge mit der Natio­nal­mann­schaft erlauben es mir, bis heute noch über­all hin zu reisen und die Welt zu sehen."
Seinen Lebensmittelpunkt hat der heute 55-Jährige wieder nach Palermo verlegt. Dort leitet er eine Fußballschule. Und er tut nur Dinge, die ihm Freude bereiten.
2004 nahm er beispielsweise an der italienischen Version des Dschungelcamps teil. Und natürlich gewann Toto die "L'isola dei famosi" ("Die Insel der Prominenten"). Denn vergessen hatten seine Landsleute ihren Publikumsliebling von 1990 nicht.
Seine ganz große Liebe ist aber immer noch der Fußball.
"Jedes Mal, wenn Ita­lien spielt, muss ich an die Zeit der WM 1990 denken", schwelgt er in Erinnerungen. "Dann wünschte ich mir, noch mal aufs Feld zurück­zu­kehren, auch wenn die Zeiten längst vorbei und wir alle alt geworden sind. Die WM war ein fan­tas­ti­sches, wun­der­schönes, unver­gess­li­ches Erlebnis."
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
Vergessene Helden des Fußballs:

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