Weltmeister-Trainer Didier Deschamps exklusiv: "Ich muss die Spieler überraschen"

Didier Deschamps spricht im Exklusiv-Interview mit Eurosport über seinen Job als Coach des Weltmeisters. Vor dem Nations-League-Duell gegen Deutschland moniert der 50-Jährige, dass er "keine Zeit" habe um die Équipe tricolore perfekt auf die Partie einzustellen. Dennoch ist Deschamps optimistisch und verrät, wie er es schafft, Routinen zu verhindern und das Beste aus seinen Spielern herauszuholen.

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Herr Deschamps, vor einigen Jahren haben Sie bei Eurosport erklärt, dass der deutsche Fußball das Vorbild ist, dem es zu folgen gilt. Wie sehen Sie das heute?
Didier Deschamps: Löw ist ein gutes Beispiel für Kontinuität. Er war Weltmeister und vor zwei Jahren EM-Halbfinalist. Damit hatte er bis zu diesem Sommer eine Menge Kredit angespart. Er ist jetzt im Amt geblieben, was eine sehr gute Sache für ihn und den Verband ist. Diese langfristige Denken hat gute Seiten, vor allem für die Spieler.
Welche Rolle spielt die Kontinuität vor dem Hintergrund der immer kürzer bemessenen Zeit, die ein Nationaltrainer mit seinen Spielern hat?
Deschamps: Für den Trainer ist sie natürlich ein Vorteil, aber auch für die Vereine. Am Ende greift aber immer das Gesetz des Spiels und da sind die Ergebnisse entscheidend. Dagegen anzukämpfen, ist schwer. Man kann gewisse Dinge planen, wenn man den Blick langfristig ausrichtet, aber man darf den Fokus nicht nur auf die weiter entfernte Zukunft legen. Das ist im Fußball unmöglich. Du kannst aber mittelfristig arbeiten, wenn es das Vertrauen zwischen Coach und Verbandspräsident da ist.
Wenn du mit Spielern in ein Turnier gehst, die wissen, dass der Trainer danach seine Position noch innehat, kann das helfen, während des Wettbewerbs Probleme zu vermeiden. Das gibt mir eine gewisse Ruhe, auch wenn es meine Art, die Dinge zu sehen oder anzugehen, nicht verändert.
Wie bereiten Sie die Mannschaft auf das Spiel gegen Deutschland vor?
Deschamps: Wir haben eigentlich keine Zeit. Montags kommen wir in Clairefontaine an, spielen dann am Dienstag gegen Deutschland. Die Zusammenkünfte werden immer kürzer, die längsten gehen über zehn Tage. Ich will jetzt nicht den alten Kämpfer raushängen lassen, aber früher fanden Länderspiele am Samstag und Mittwoch statt. Das ist nicht mehr der Fall, zumal die Klubs oft schon wieder am Freitag nach den Länderspielen Partien bestreiten. Daher ist es wichtig, Spieler im Kader zu haben, die bereits einen großen Wettbewerb gespielt haben und möglichst genau wissen, wie die Nationalmannschaft funktioniert.
Eine spezielle Situation, die ein Vereinstrainer so nicht hat.
Deschamps: Nationaltrainer ist ein ganz anderer Beruf als Klubtrainer, mit Vor- und Nachteilen. Der Vorteil liegt in der Freiheit, frei zu wählen, welche Spieler du einlädst. In den Vereinen müssen viele Coaches mit Spielern umgehen, die sie nicht unbedingt haben wollen. Hinsichtlich der Nachteile für einen Nationalmannschaftstrainer muss man die immer stärker reduziert Zeitfenster nennen, die man mit dem Team hat - und die Pause von November bis März.
Sie sprechen die lange Pause an. Was machen Sie in dieser Zeit eigentlich?
Deschamps: Die Priorität aller Prioritäten ist in dieser Zeit das Beobachten, das Verfolgen von Spielen zusammen mit meinen technischen Mitarbeitern. An jedem Wochenende und an allen Spielterminen in der Wochenmitte verfolgen wir gut fünfzig Spieler. Dann ist da die Arbeit mit dem Verband. Der Kalender ist gut gefüllt mit den häufigen Treffen, an denen wir die anstehenden Arbeiten besprechen, die zahlreichen Medienanfragen koordinieren und so weiter. Ich halte zudem ein viertägiges Seminar mit meinen Mitarbeitern ab, um Bilanz zu ziehen und die Zukunft zu planen. Das ist ein Job, der im Unterschied zur Arbeit mit der Mannschaft keine Medienaufmerksamkeit erregt. Und schließlich pflege ich die Beziehungen zu den Spielern, ob nun durch direkten Kontakt oder per Telefon. Du musst in Kontakt bleiben, das ist sehr wichtig.
Würden Sie der Aussage zustimmen, dass ein Nationaltrainer mehr am planen und organisieren ist als tatsächlich am direkten Agieren?
Deschamps: Das ist ein wenig vereinfacht dargestellt, auch wenn du nur vor den großen Turnieren wirklich die Zeit mit dem Team hast, die brauchst. Dann schaffen wir es auch, Trainingseinheiten durchzuführen und ein wenig so wie die Vereinstrainer zu arbeiten, sprich: körperliche, taktische und technische Arbeit an Ort und Stelle. Dafür haben wir drei Wochen Zeit. Den Rest der Zeit müssen uns auf die Grundlagen beschränken, weil alles so schnell geht. Die Spieler kommen am Montag Mittag an und nach dem zweiten Spiel sind sie wieder weg.
Ist Ihre Arbeit nicht einfacher geworden, nachdem die Mannschaft so viel Erfahrung sammeln konnte und im Sommer Weltmeister wurde?
Deschamps: Der WM-Titel ist kein unerheblicher Faktor, das steht fest. Macht er meine Arbeit leichter? Nein. Zeitweise macht er die Dinge etwas leichter, aber die 23 Spieler sind nicht mehr dieselben. Auf der anderen Seite haben wir immer die gleiche Problematik: Alle wollen spielen und ich weiß, dass sie nicht alle spielen werden. Es muss uns gelingen, die guten Dinge zu bewahren und den Rest zu verbessern. Das Schlimmste wäre es, in die Routine zu verfallen. Ich kann den Kader erneuern, um das zu vermeiden, aber es ist auch an mir, mich in der Ansprache, den Sitzungen und im Alltag neu zu erfinden. Ich muss die Spieler überraschen.
Wie gelingt Ihnen das?
Deschamps: Auf ganz unterschiedlichen Wegen. Ich bin nicht da, um alles neu zu erfinden, aber man muss von Zeit zu Zeit Dinge anpassen.
In einem Interview mit dem "Figaro" haben Sie kürzlich erklärt, dass Sie gerne in den Kopf der Spieler kommen würden.
Deschamps: Das ist eine psychologische Aufgabe und sehr wichtig. Heutzutage gibt es ja im Management oft einen Mentaltrainer. Einige mögen das, ich würde es ablehnen, wenn man es mir anbieten würde. Denn was mache ich denn anderes? Es ist ein großer Teil meiner Aufgabe, zu den Spielern eine Vertrauensbasis aufzubauen und für das Kollektiv in bestimmten Momenten bestimmte Hebel zu drücken. Mir gefällt das.
Während der WM haben Sie regelmäßig wiederholt, dass Fußball vor allem eine Frage der Kräfteverhältnisse ist. Wird das Beobachten und Analysieren des gegnerischen Teams zu häufig vergessen?
Deschamps: Auf dem Spielfeld gibt es nur einen Ball. Ich möchte, dass ihn meine Mannschaft häufiger hat als der Gegner, aber manchmal ist das nicht möglich. In diesem Fall musst du dich anpassen. Wie sieht denn Fußball auf höchstem Niveau aus? Es gibt zwei Bereiche, in denen man effizient sein muss - und das sind die beiden Strafräume. Bei der WM ist uns das gelungen. Wir versorgen unsere Spieler mit Daten über die Gegner sowie deren individuelle und kollektive Besonderheiten. Im Wissen, dass sich das im letzten Moment auch noch verändern kann.
Wenn der Gegner es vorzieht, besonders tief oder hoch zu verteidigen, müssen wir in der Lage sein, in beiden Fällen dieselbe Effizienz zu zeigen. Nationaltrainer oder Vereinstrainer, das Schlüsselwort lautet Anpassung - und zwar an alle Umstände.
Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder einen Verein zu trainieren?
Deschamps: Darüber denke ich nicht nach, ich bin im Hier und Jetzt. Ich habe mir nie Sorgen darüber gemacht, was als nächstes passiert. Das kann sich aus verschiedensten Gründen vom einen auf den anderen Moment ändern. Aber ich bin eine positiver Mensch und weiß, dass mich jeder Tag, der vergeht, dem Tag näherbringt, an dem ich nicht mehr Trainer sein werde. Ich werde versuchen, es so lange wie möglich zu bleiben.
Sie sind jetzt 50 Jahre alt...
Deschamps: ... sieht ganz so aus, ja (lacht).
Haben Sie sich eine Frist gesetzt, wie lange Sie den Job als Nationaltrainer maximal machen wollen?
Deschamps: Meine Frau hat mich kürzlich daran erinnert: Als ich als Nationaltrainer anfing, sagte ich ihr: 'Ich werde diesen Job nicht machen, bis ich 50 bin.' Aber ich fühle mich wohl, ich brauche das, es ist meine Leidenschaft. Wenn ich eines Tages feststelle, dass ich nicht mehr den gleichen Wunsch und die gleiche Entschlossenheit habe, werde ich etwas anderes machen. Aber fragen Sie bitte nicht, was das sein wird, denn ich denke nicht darüber nach. Aber ich werde auch ohne diesen Job ein Leben haben und sehr glücklich sein.
Herr Deschamps, vielen Dank für das Gespräch.
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