Deutschland verliert in der Nations League gegen Portugal - DFB-Team vor Charaktertest: Bloß nicht die Euphorie verlieren
Publiziert 05/06/2025 um 11:29 GMT+2 Uhr
Hat Julian Nagelsmann den Sieg aus der Hand gegeben? Hat sich der Bundestrainer mit dem Dreierwechsel beim Stand von 1:0 verwechselt? Die deutsche Nationalelf verlor in München nach dem Führungstor von Florian Wirtz noch mit 1:2 gegen am Ende überlegene Portugiesen. Am Sonntag wartet in Stuttgart das undankbare Spiel um die Goldene Ananas. Warum es für Nagelsmann doch von großer Bedeutung ist.
Kimmich: "Viele Dinge waren sehr schlecht"
Quelle: Eurosport
Wohl dem, der so viel Qualität im Kader und auf der Bank hat wie Portugals Nationaltrainer Roberto Martínez.
Den besten Spieler des Champions-League-Finals aus der Inter Mailand derart dominierenden PSG-Mannschaft ließ der Spanier zunächst draußen: Vitinha, als Tausendfüßler Herr der 1000 Pässe.
Der Zauber-Sechser durfte sich die DFB-Elf von der Bank aus zurechtlegen und ab der 60. Minute gemeinsam mit Torschütze Francisco Conceição zerlegen.
Es folgte der 1:1-Ausgleich und dann das 1:2 durch den nimmermüden und nimmersatten Cristiano Ronaldo. Wohl dem, der so einen gierigen Ü40-Kicker in den Reihen hat.
DFB-Elf unterliegt Portugal: Chance vertan
Die Erkenntnisse und das Learning für die am Ende so deutlich unterlegene deutsche Nationalmannschaft in diesem Nations-League-Halbfinale? Es hat einfach nicht gereicht.
Vor allem in der letzten halben Stunde war der Qualitätsunterschied frappierend. Tempo, Spielwitz, Biss, Durchschlagskraft. Natürlich hat diesem DFB-Team schon rein personell einiges an Manpower gefehlt.
Zehn prominente Ausfälle, unter anderem von Stammspielern wie Antonio Rüdiger, Jamal Musiala, und Kai Havertz sowie mittlerweile etablierten Alternativen wie Angelo Stiller, Nico Schlotterbeck und Tim Kleindienst, waren ein echtes Handicap. Was andererseits die Chance für den Rest bot, sich zu zeigen, sich zu bewähren, zu reifen. Misslungen.
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Jonathan Tah (Deutschland) schreit seinen Frust raus
Fotocredit: Getty Images
Für Kimmich war es "eines unserer schlechtesten Spiele"
Ein Jahr vor der Nordamerika-WM 2026 wurde wie schon bei der Heim-EM 2024 in einem K.o.-Spiel gegen einen Top-Gegner (damals das dramatisch mit 1:2 in der Verlängerung verlorene Viertelfinale gegen Spanien) deutlich, dass dieser Mannschaft die absolute Wettkampfhärte, die Widerstandsfestigkeit abgeht. Bundestrainer Julian Nagelsmann fehlte "die Galligkeit", Mittelfeldspieler Leon Goretzka "der Mut".
Für Kapitän Joshua Kimmich, der vor Anpfiff für sein 100. Länderspiel geehrt wurde, war es "eines unserer schlechtesten Spiele. Es ist eine absolut verdiente Niederlage. In der zweiten Halbzeit war das nach unserem 1:0 gar nichts mehr."
Hört man all die Analysen und die Statements, stellt sich jeweils die Frage nach dem Warum. Also: Warum fehlten die Galligkeit, der Mut, die Qualität? Warum kippte das Spiel trotz des Führungstores von Florian Wirtz?
So kurios es klingt, der Treffer des Bald-Liverpoolers Wirtz in der 48. Minute war wohl einer der Knackpunkte. "Wenn du 1:0 in Führung gehst, sollte uns das Sicherheit geben. Das war aber nicht der Fall", meinte Goretzka, während Robin Koch, überraschend in der Dreier-Abwehrkette aufgeboten, sagte: "Wir schießen das 1:0, danach war bei uns ein kompletter Bruch im Spiel. Portugal hat dann immer mehr Spielanteile erhalten." Plötzlich hatte die DFB-Elf nichts mehr entgegenzusetzen. Auch deshalb, weil von der Bank der falsche Impuls kam?
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Florian Wirtz beim Führungstreffer für Deutschland
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Wie Nagelsmann den fragwürdigen Dreierwechsel erklärt
Hat Julian Nagelsmann den Sieg aus der Hand gegeben? Hat sich der Bundestrainer mit dem Dreierwechsel beim Stand von 1:0 verwechselt? Nach einer Stunde brachte Nagelsmann Serge Gnabry für Leroy Sané als Rechtsaußen, ein "Eins-zu-Eins-Wechsel" wie der Bundestrainer erklärte - und tatsächlich aufgrund der gezeigten Leistung von Sané nachvollziehbar.
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Joshua Kimmich war mit der deutschen Leistung nicht zufrieden
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Dazu ersetzte Robin Gosens auf der linken Seite Maximilian Mittelstädt, der nicht wirklich ins Spiel gekommen war. Auch verständlich. Und drittens: Niclas Füllkrug für Nick Woltemade auf der Mittelstürmer-Position. Sturm-Riese Woltemade (1,98 Meter), vor zwei Wochen mit dem VfB Stuttgart Pokalsieger geworden, hatte seine Sache ganz ordentlich gemacht und schien nicht müde. Wieso also raus? Und wieso in Summe gleich drei? Bei einer Führung?
"Eigentlich wollten wir schon in der Halbzeit wechseln", begann Nagelsmann seine Erklärung und sagte: "Wir waren sehr schläfrig und wollten Energieträger reinbringen." Und weiter, etwas schnippisch: "Es ist mein Job, Leistungen zu bewerten. Und hinterher ist man immer schlauer, ob als Trainer oder Journalist."
Ja, isso.
Ronaldo bestraft das DFB-Team in seinem 220. Länderspiel
"Die Wechsel der Portugiesen hatten viel Einfluss auf das Spiel", fuhr Nagelsmann fort. Tatsache. Die Portugiesen zürnten und verwandelten ihre Wut in Energie sowie Sturm und Drang. Der eingewechselte Conceição schlenzte wundervoll zum 1:1 (63.) ins lange Eck, zuvor hatte Goosens gepatzt.
Dann kam der Moment von Oldie Cristiano Ronaldo (40), der sein 220. Länderspiel bestritt, also ein 2,2-facher Kimmich. Zuvor noch von einigen DFB-Fans mit "Mes-si, Mes-si"-Sprechchören verhöhnt, schob er fünf Minuten später zur Führung der Gäste ein. Das DFB-Team wirkte nun spielerisch und läuferisch total unterlegen.
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Waldemar Anton (l.) ließ Cristiano Ronaldo vor dem 1:2 laufen
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Der Bundestrainer ging hart ins Gericht mit seiner Mannschaft, sprach von "schweren taktischen Fehlern, die zu den Gegentoren geführt haben. Dadurch ist die Dynamik im Spiel gekippt." In seiner Analyse vermischte Nagelsmann Kritik mit einer Schutzhaltung gegenüber seinen Spielern.
"Ich habe keine große Lust, draufzuhauen. Ich weiß, welche Entwicklungsschritte diese Mannschaft gegangen ist und welchen Weg sie in den letzten Wochen gegangen ist."
Seinen Weg. Durch die Heim-EM entdeckte die Fußball-Nation wieder die Liebe zu ihrer Nationalmannschaft, in 17 Länderspielen seit dem Neustart im März 2024 mit dem 2:0 in Frankreich gab es nur eine Niederlage, die so schmerzhafte im EM-Viertelfinale gegen Spanien.
Nagelsmann nach Niederlage beinahe trotzig
Mit dem Ziel, die Nations-League-Endrunde, diese Mini-Heim-EM in München und Stuttgart, und damit den ersten Titel seit dem Confed-Cup 2017 unbedingt gewinnen zu wollen, hat sich das deutsche Team Druck auferlegt. Doch sind Gegner wie Spanien und Portugal eine Nummer zu groß?
"Wir müssen 100 Prozent geben, dann können wir mit den Top-Nationen mithalten oder sind sogar besser", betonte Nagelsmann trotz der Niederlage. Er weiß aber auch: "Wenn du nicht zu 100 Prozent attackierst, dann kann dich auch jede Drittliga-Mannschaft auseinander spielen. Wir haben heute nicht mit 100 Prozent gespielt, darum haben wir nicht gewonnen."
Also nicht nur eine Frage der (durch die Ausfälle dezimierten) Qualität? Sondern auch der Mentalität? "Jeder Spieler muss für sich entscheiden, ob er heute alles reingeworfen hat", sagte Nagelsmann bei "DAZN" und meinte damit indirekt: Nein. Andererseits, so der 37-Jährige: "Wenn ja, dann müssen wir tiefer graben."
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Nagelsmann: Spiel um Platz 3? "Psychologisch kein Feuerwerk"
Quelle: Eurosport
DFB-TEam im Spiel um Platz drei vor Charaktertest
Was ist das Learning für das Spiel um Platz drei gegen Spanien oder Frankreich, also erneut einen Top-Gegner? Am Sonntag (15 Uhr im Liveticker) wartet in Stuttgart das undankbare, unbeliebte Spiel um die Goldene Ananas - was die Platzierung betrifft. Doch hier lauert die nächste Prüfung, der nächste Charaktertest.
Bloß nicht Vierter werden im eigenen Land! Bloß nicht erneut verlieren, das Spiel, den Flow und die Euphorie. Nagelsmann, verständlicherweise enttäuscht und angesäuert, reagierte trotzig und meinte im Sinne der Entwicklung seiner Mannschaft: "Ich will lieber ein Topspiel sehen und wir werden Vierter, als ein schlechtes Spiel und wir werden Dritter."
Bei "DAZN" betonte er: "Ich habe der Mannschaft gesagt, dass das nun total undankbar ist, ein Spiel um Platz drei am Ende der Saison, vor der Klub-WM. Aber wir sind nicht in der Lage, Spiele abzugeben, wir müssen sie nutzen für uns. Da geht es weniger um Platz drei, sondern die Art und Weise für unsere Entwicklung nutzen."
Für Nagelsmann ist der Weg das Ziel. Und den WM-Titel hat er für 2026 seit dem Aus gegen Spanien im Visier. Ist das noch realistisch?
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Nagelsmann: "Alle Spieler müssen 100 Prozent geben"
Quelle: Eurosport
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