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1938: Italien zum Zweiten
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Publiziert 19/05/2010 um 12:00 GMT+2 Uhr
Über der Weltmeisterschaft vom 4. bis 19. Juni 1938 in Frankreich lag der Schatten des nahenden Krieges. In Deutschland hatte Adolf Hitler Anfang des Jahres den Oberbefehl über die Wehrmacht übernommen und war am 12. März in Österreich einmarschiert.
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"Großdeutschland" rüstete nach der Annexion des Nachbarlandes auch fußballerisch auf. Die legendäre "Breslauer Elf" und das "Wiener Wunderteam" wurden zwangsfusioniert zu einer Mannschaft, die die Fußball-Welt das Fürchten lehren sollte. Doch die Mission endete im Debakel. Während Italien den Titel von 1934 verteidigte, schied die Mannschaft von Reichstrainer Sepp Herberger sang- und klanglos nach dem ersten Spiel aus. Es ist bis heute das schlechteste WM-Abschneiden einer deutschen Elf.
Österreich war längst für die Titelkämpfe qualifiziert, als Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten am 3. April zum "Verbrüderungsspiel" in den Wiener Prater rief. Österreich gewann sein vorerst letztes Spiel als eigenständige Nationalmannschaft mit 2:0, danach sollten Herberger und Otto Nerz das gemeinsame Team benennen. Die beiden Reichstrainer waren aber schon seit Olympia 1936 in Berlin zerstritten, Nerz warf am 12. Mai die Brocken hin.
Für seine "Wiener Melange mit preußischem Einschlag" bekam Herberger nicht alle Kicker, die er auserwählt hatte. Der sensible Wiener Ausnahmestürmer Matthias Sindelar, auch "Mozart des Fußballs" genannt, gab ihm einen Korb unter dem Vorwand, er fühle sich zu alt. Sindelar war Jude, er wurde später von einem Teamkollegen denunziert. Am 23. Januar 1939 vergiftete er sich in seiner Wohnung mit Gas. 15.000 Trauergäste gaben ihm auf dem Zentralfriedhof das letzte Geleit.
Ohne Sindelar erlitt die "großdeutsche" Mannschaft Schiffbruch beim Eröffnungsspiel gegen die Schweiz. Herberger hatte sechs Deutsche und fünf Österreicher aufgestellt, denen beim Einlaufen in den Pariser Prinzenpark Hass entgegenschlug. Sie wurden mit Tomaten, Eiern und Flaschen beworfen; beim Horst-Wessel-Lied ertönte ein gellendes Pfeifkonzert. Das Spiel endete 1:1 nach Verlängerung, und die Nazi-Hymne war noch einmal zu hören. Diesmal setzte sich die Schweiz 4:2 durch - der WM-Dritte von 1934 war ausgeschieden, die Welt lachte über die «hässlichen Deutschen».
Exoten: Kuba und Niederländisch-Indien
Durch Österreichs unfreiwilligen Rückzug hatte Schweden kampflos das Viertelfinale erreicht, wo es Kuba - neben Niederländisch-Indien (heute Indonesien) der Exot der WM - mit 8:0 vom Platz fegte. Auch für die Gastgeber war die Runde der letzten Acht nach dem 1:3 gegen Italien die Endstation. Das französische Publikum schlug sich daraufhin im WM-Finale auf die Seite der Ungarn. Die Magyaren hatten vor dem Aufeinandertreffen mit Titelverteidiger Italien die Schweiz mit 2:0 und Schweden im Halbfinale mit 5:1 aus dem Weg geräumt.
Den Brasilianern blieb nur der 4:2-Sieg im "kleinen Finale" gegen Schweden, doch die Ballkünstler um die beiden Stars Leonidas und Domingos hatten das Publikum verzaubert und wurden als "heimliche Weltmeister" gefeiert. Die unglückliche 1:2-Niederlage gegen Italien im Halbfinale war das Ergebnis einer katastrophalen Fehleinschätzung des brasilianischen Trainers. Ademar Pimenta wollte Leonidas, der zuvor schon sechs Tore erzielt hatte, für das Finale schonen - ein Fauxpas, der die "Selecao" um den möglichen ersten WM-Titel brachte.
Der überragende Leonidas holte sich mit acht Treffern dennoch die Torjägerkrone. Im "Jahrhundert-Spiel" gegen Polen (6:5 n.V.) hatte er die Gegner regelrecht vorgeführt. In der Achtelfinal-Partie in Straßburg erzielte er ebenso wie der später eingedeutschte Pole Ernest Willimowski vier Tore. Als es anfing zu regnen, zog er seine Schuhe aus und spielte barfuß, bis ein FIFA-Beobachter beim Schiedsrichter protestierte. Insgesamt schoss Leonidas in 25 Länderspielen 25 Tore. Später wurde er in seinem Land ein hochangesehener Fußball-Reporter.
Klare Angelegenheit im Finale
Ein Sportreporter steckte auch hinter den Erfolgen der Italiener. Nach dem unrühmlichen Titelgewinn vier Jahre zuvor im eigenen Land polierte die "Squadra Azzurra" 1938 unter Vittorio Pozzo mit nur drei Spielern von 1934 (Giuseppe Meazza, Giovanni Ferrari, Eraldo Monzeglio) ihren Ruf wieder auf. Pozzo war kein begnadeter Fußballer, aber der schärfste Kritiker des "Calcio". Seine Kommentare in der "La Stampa" waren vernichtend. Die Vermutung liegt nahe, dass die Funktionäre ihn nur deshalb drei Mal ins Amt des Nationaltrainers hievten, um ihn als kritischen Gegenspieler auszuschalten.
Pozzo wurde 1929 zum dritten Mal Trainer des italienischen Teams, das er zu den WM-Titeln 1934 und 1938 und zum Olympiasieg 1936 führte. Seinen Hut nahm er erst, als Italien im Viertelfinale der Olympischen Spiele 1948 in London mit 3:5 an Dänemark scheiterte. Bis heute ist Pozzo der Einzige, der als Trainer zwei WM-Titel gewinnen konnte.
Das Finale war eine klare Angelegenheit. Die Italiener gewannen dank der zweifachen Torschützen Silvio Piola und Gino Colaussi mit 4:2. Für Ungarn trafen Pal Titkos und Györgi Sarosi. Der promovierte Jurist führte Juventus Turin als Trainer 1952 zum Meistertitel, wurde später italienischer Staatsbürger und nannte sich fortan Giorgio. Auch Ungarns Nationaltrainer Alfred Schaffer kehrte seinem Land nach der WM-Niederlage den Rücken und heuerte beim FC Wacker München an.
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