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Schlafender Riese DFB-Team
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Publiziert 07/07/2010 um 23:44 GMT+2 Uhr
Die Revanche für das verlorene EM-Finale 2008 blieb aus, der Traum vom vierten WM-Titel ist geplatzt. Die deutschen Spaß-Fußballer mussten erkennen, dass Spanien noch eine Nummer zu groß für sie ist. Doch die Zukunftsaussichten sind rosig. Denn in dieser DFB-Auswahl steckt ein schlafender Riese.
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Fotocredit: Eurosport
Aus Durban berichtet Stefan Zürn
Es war Bastian Schweinsteiger, bei dem die Körperspannung als erste den Dienst verweigerte.
Der Münchner kniete zunächst auf dem Rasen, wenige Sekunden, nachdem Schiedsrichter Viktor Kassai mit seinem Schlusspfiff alle Träume der deutschen Mannschaft auf das WM-Finale jäh für beendet erklärt hatte. Dann sackte Schweinsteiger zusammen, richtete sich langsam wieder auf, blickte kurz in den inzwischen ein wenig klarer gewordenen Nachthimmel über Durban - und sackte erneut zusammen.
Irgendwie nur dabei
Ausgerechnet Carles Puyol trat dann plötzlich an Schweinsteiger heran und legte ihm eine Hand tröstend auf die Schulter. Und damit hätten wir dann auch die beiden Protagonisten des WM-Halbfinals zwischen Deutschland und Spanien beisammen.
Der Eine stand sinnbildlich für eine DFB-Auswahl, die irgendwie nicht die DFB-Auswahl war, die Fußball-Deutschland über Wochen bei ihrer Arbeit in Südafrika bestaunen durfte. Eine junge deutsche Mannschaft, die irgendwie nur dabei war an jenem Abend in Durban, als der Final-Gegner der Niederlande gesucht wurde. Aber nicht mittendrin.
Der andere, Puyol, war hingegen der umjubelte Siegtorschütze. Der Abwehrmann konnte sich nach seiner fairen Geste gegenüber Schweinsteiger kaum vor seinen Teamkameraden retten. Überhaupt schafften es die spanischen Helden fast nicht, den Weg in die Kabine zu finden: Zu viele Menschen wollten sie herzen, drücken, umarmen.
"Anderes Niveau als Argentinien oder England"
Doch zu diesem Zeitpunkt war Bastian Schweinsteiger schon wieder allein. Schweinsteiger, der bis dato überragende Spieler dieser Welttitelkämpfe ist ebenso wie seine Teamkollegen an eine Grenze gestoßen. An einer noch unüberwindbaren Mauer gescheitert. An einem Spanien, das an diesem Abend wieder einmal zu gut war. "Spanien hat einfach das beste Team der Welt", musste der defensive Mittelfeldspieler später in der Mixed Zone eingestehen. "Spanien agiert einfach auf einem anderen Niveau als Argentinien oder England. Aber man ist verärgert, wenn man kurz vor dem Finale steht und dann nicht so spielt, wie man es eigentlich vorhatte."
Denn plötzlich spielte die Angst mit im deutschen Team. Wo in den Partien zuvor noch Leichtigkeit, Selbstbewusstsein und das völlige Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten regierten, machte sich auf einmal Zweifel breit. Bloß keinen Fehler machen. Was passiert, wenn ich jetzt den Ball verliere? Kann ich attackieren? Oder besser nicht? Zu viele Fragen für eine junge deutsche Mannschaft, die lief und lief und lief. Gegen einen Gegner, der spielte, spielte, spielte. "Wir sind traurig und enttäuscht, aber Spanien hat ein klasse Spiel gezeigt", zollte Bundestrainer Joachim Löw der wohl besten Mannschaft der Welt Respekt.
Ohne Mut und Überzeugung
Klar ist aber auch: Das DFB-Team konnte nicht nur aufgrund der Stärke des Gegners nicht das umsetzen, was es sich vor der Partie vorgenommen hatte und was die Mannschaft im bisherigen Turniers ausgezeichnet hat. "Wir haben heute nicht mit dem Mut und der Überzeugung wie in den ersten Spielen agiert", stellte Löw dann auch fest. Miroslav Klose, der sich in der Spitze vergeblich abrackerte, fand im ständigen Hinterherlaufen den Knackpunkt, warum der Angriffswirbel der Deutschen erstarb, bevor er überhaupt zur Blüte fand. "Wir haben so viel Kraft mit der Defensivarbeit verbraucht - da war der Saft für den Angriff alle."
Ob der zum Zuschauen von der Tribüne aus verdammte Thomas Müller etwas daran geändert hätte? Wohl kaum. "Es ist natürlich die größte Kacke, die einem passieren kann, wenn man da oben sitzt und nichts tun kann", brach es aus dem Youngster heraus. "Und am schlimmsten ist es, wenn man sieht, dass es nicht läuft."
"Unsere Mannschaft hat Zukunft"
"Wir haben nicht mit Überzeugung nach vorne gespielt", analysierte Kapitän Philipp Lahm. "Wir haben es nicht geschafft, mit wenigen Kontakten nach vorne zu agieren. Wir haben viel zu viele Fehler in der Vorwärtsbewegung gemacht. Das war unser Problem."
Das - und ein Gegner, der den Deutschen nicht den Gefallen getan hat, sich taktisch unzureichend auf das schnelle Spiel der DFB-Auswahl einzustellen. Es fehlt eben noch etwas, vielleicht nicht so viel - aber eben etwas. "Ich glaube, dass wir solche Spiele in Zukunft erfolgreich gestalten", verbreitete der Bundestrainer Optimismus. Und auch Schweinsteiger geht fest davon aus, dass in dieser Mannschaft ein schlafender Riese steckt. "Natürlich hat unsere Mannschaft eine große Zukunft", beteuerte der 25-Jährige. Aber die lässt offensichtlich noch ein wenig auf sich warten.
Das Herzstück geht zuletzt
Schweinsteiger verließ übrigens als letzter den Platz. Normalerweise ist es ja so, dass der Kapitän als letzter geht. In diesem Fall war die Abänderung des Protokolls aber in Ordnung. Denn Schweinsteiger ist vielleicht nicht der Leitwolf, aber das Herzstück dieser neuen, deutschen Mannschaft - der Zukunft des deutschen Fußballs.
Es stimmt - Zitate mit religiösen Anleihen sollten im sportlichen Kontext mit großer Vorsicht eingesetzt werden. Aber im Fall dieser Mannschaft, nach dieser WM, nach diesem Fußball passt es einfach zu gut.
Denn Deutschland sah, dass es gut war.
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